Wie Christo: Baubürgermeister will alten Bahnhof verhüllen

Seit Jahrzehnten macht der Künstler Christo durch aufsehenerregende Verhüllungsaktionen weltweit von sich Reden. Wie davon nun ein marodes Gebäude in Bad Schlema profitieren soll.

Bad Schlema.

Fenster sind geborsten, an der Fassade bröckelt der Putz und an einer der Türen warnt ein Schild: "Betreten verboten, Einsturzgefahr!" Seit vielen Jahren gammelt das alte Bahnhofsgebäude in Niederschlema vor sich hin. Dass die Stadt Aue-Bad Schlema zum Tag der Sachsen im September 2020 nun ausgerechnet hier Bahngäste in Empfang nehmen will, bereitet deshalb nicht nur der Stadtverwaltung einiges an Kopfzerbrechen.

Wegen Bauarbeiten an den Gleisen zwischen Aue und Chemnitz, die sich bis Ende 2020 zu verzögern drohen, fährt zwischen beiden Städten zu Sachsens größter Party voraussichtlich keine Bahn. Die Große Kreisstadt will Zuggäste, die aus Richtung Zwickau anreisen, deshalb notgedrungen am Bahnhof in Niederschlema begrüßen. In seinem aktuellen Zustand bietet das Gebäude aber einen eher trostlosen Anblick. Was tun?

Sascha Aurich

Aurichs Woche:Der „Freie Presse“-Sonntagsnewsletter von Sascha Aurich

kostenlos bestellen

Einen neuen Vorschlag hat jetzt der Baubürgermeister Jens Müller (Freie Wähler) in der jüngsten Sitzung des Bad Schlemaer Ortschaftsrates ins Spiel gebracht: "Wir könnten das Gebäude verhüllen", erklärte er. Verhüllen? "Ja, wie Christo", sagt er auf Nachfrage.

Der in Bulgarien geborene Künstler Christo hat in den vergangenen Jahrzehnten gemeinsam mit seiner 2009 gestorbenen Frau Jeanne-Claude aufsehenerregende Verhüllungsaktionen durchgeführt. So hatte das Paar 1995 den Berliner Reichstag in Stoffbahnen gepackt. Tausende Besucher pilgerten in die Hauptstadt, um einen Blick darauf zu werfen.

Müller dazu: "Ich habe das damals aufmerksam verfolgt. Diese Kunst im öffentlichen Raum ist beeindruckend." Eine ähnliche Idee, meint er, ließe sich vielleicht in Bad Schlema umsetzen, um den Bahnhof für einige Tage "aufzuhübschen".

"Wir könnten etwas mit Planen machen, wie beim Bundestag", sagt Jens Müller, der nun Künstler aufruft, sich mit ihren Ideen in der Stadtverwaltung zu melden: "Vielleicht gibt es jemand, der sich dem annehmen will?" Eine mögliche Alternative zum Verhüllen des ganzen Gebäudes wäre laut Müller, zumindest Teile der Fassade mit einem großes Werbebanner zu verdecken, das "ein schönen Motiv aus Aue-Bad Schlema" zeigt. Das Haus mit Graffiti zu verschönern, lehnt er hingegen ab: "Die Ziegelfassade ist einzigartig, die müssen wir erhalten."

Das Anreise-Problem zum Tag der Sachsen und der Zustand des Bahnhofs hatten bereits vor einigen Tagen für Diskussionen gesorgt. So erklärte Müller jüngst: "Wir müssen etwas tun, ringsum sauber machen, damit es nicht so katastrophal aussieht." Eine Sanierung sei auf die Schnelle allerdings nicht zu realisieren. Was die Deutsche Bahn als frühere Eigentümerin des Gebäudes viele Jahre versäumt habe, könne man nicht in Kürze aufholen. Erst im Frühjahr 2018 hatte die Gemeinde den Bahnhof für einen symbolischen Euro gekauft.

Was eines Tages aus dem Haus werden soll, ist bis heute nicht entschieden. Müller sagt: "Es gibt nach wie vor kein Nutzungskonzept." Auch deshalb könne man am "baulichen Zustand" vorerst nichts ändern, wohl aber die Fassade verschönern. Und da kommt wieder Christo ins Spiel. "Es ist eine Vision", sagt Müller und fragt: "Vielleicht gibt es einen kleinen Christo in der Region, der das Gebäude verhüllen kann?"

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...