100 Jahre alt und immer noch innovativ

Thomas Schalling leitet seinen Holzkunstbetrieb in vierter Generation und feiert nun Jubiläum. Seine preisgekrönten Fluglichter sind etwas fürs Auge - dabei haben die Vorfahren einst ganz praktische Dinge hergestellt.

Seiffen.

Schwibbögen, Räuchermännchen und Pyramiden sind wohl das erste, was einem beim Thema Volkskunst einfällt - vor allem etwas fürs Auge also. Doch Holzmeister aus dem Erzgebirge haben ihre Kunst einst auch ganz praktisch angeboten: zu Tisch. Thomas Schal- ling öffnet eine kleine Pappschachtel und holt zwei Holzfiguren heraus: Katze und Ente - Serviettenhalter, mutmaßlich aus den 1930er-Jahren. Die Stücke stammen aus der familieneigenen Werkstatt. Seine Vorfahren haben einst auch Holzteller und Eierbecher produziert. "Früher waren die Produkte vor allem Gebrauchsgegenstände", so Schalling.

Seit 2012 leitet der gelernte Spielzeugmacher den Seiffener Familienbetrieb in vierter Generation - und feiert jetzt Jubiläum. Vor 100 Jahren hat Urgroßvater Otto angefangen, der Betrieb befand sich damals an der Hauptstraße. 1934 baute er das Haus in der Nähe des Rathauses, in dem noch heute produziert wird. "Leider ist wenig über die Geschichte dokumentiert", sagt Urenkel Thomas. Er weiß allerdings noch um die alten Produkte und hat Urkunden des Betriebes aus DDR-Zeiten. Als diese zu Ende gingen, kamen Spieldosen und klassische Volkskunst zum Angebot hinzu. Die Wendezeit sei auch von Ungewissheit geprägt gewesen, sagt Schalling: "Da waren eigene neue Ideen gefragt."

Es hat funktioniert. Gegenwärtig arbeiten in dem Betrieb insgesamt sechs Leute, darunter auch Schallings Mutter Sonja. Zum jetzigen Jubiläum hat der 39-Jährige seinen Holzkunstbetrieb sogar vergrößert. In einem neuen Anbau sind Verkaufsbereich und Montage untergebracht - aus ganz praktischen Gründen. "Der Platz hat nicht mehr gereicht", so der Geschäftsführer, der rund 400 Produkte im Angebot hat. Ein Jahr dauerte der Umbau - und Schalling ließ sich Kreatives einfallen. An der Decke des Verkaufsbereiches sind nun zahlreiche kleine Motoren installiert, an denen seine preisgekrönten Eigenkreationen rotieren: Fluglichter. Vor acht Jahren hat der Spielzeugmacher dafür den Designpreis Tradition und Form des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller gewonnen. Die modernen Fluglichter stehen in der Regel nicht wie Pyramiden auf Grund, sondern hängen von der Decke, werden aber ebenso von Kerzen angetrieben, die unter dem Rotor hängen. Die Werke zählen neben Kurrende-Figuren zu den meistverkauften. Wie Schalling zu den Ideen für sein Design kommt? "Irgendetwas erzwingen bringt nichts", erklärt er. Es passiere einfach. Und wenn eine Idee komme, müssen Zettel und Stift sofort zur Hand sein, um diese zu Papier zu bringen.

Schalling selbst ist Holzkünstler aus Leidenschaft. Nach der Schule hat er Ende der 1990er-Jahre Spielzeugmacher gelernt, später den Meistertitel erworben und seit jeher im damals noch väterlichen Betrieb gearbeitet. Herausfordernd wurde es, als der Vater 2012 unerwartet verstarb. Plötzlich musste Schalling die Geschäfte führen. "Das war eine Herausforderung", sagt er. Doch schon zuvor hatte er Einblick in wichtige Geschäftsbereiche gehabt und die neue Aufgabe meistern können.

Und wie blickt der Holzkünstler auf die eigene Zukunft? Immerhin wird in Seiffen darüber diskutiert, wie es mit dem Handwerk weitergeht. Prognosen verheißen das Ende von Betrieben, weil kein Nachwuchs gefunden wird. Schalling hat drei Kinder: "Ob sie nachfolgen wollen, sollen sie selbst entscheiden." Und noch werde er selbst einige Jahre an der Drechselbank stehen. Das Zukunftsszenario für Seiffen könne auch eine Chance sein, sagt Schalling. Die Betriebe könnten - fernab von Konkurrenzdenken - zusammenfinden und etwas für den Ort schaffen.

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