Als zwei geflüchtete KZ-Häftlinge im Erzgebirge ein Versteck fanden

Vor 30 Jahren sind fünf Niederschmiedeberger mit einer Ehrung der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem bedacht worden. Ihre Namen finden sich auf den Tafeln im "Garten der Gerechten unter den Völkern".

Niederschmiedeberg.

Nachdenklich beugt sich Eberhard Griesmann über die große Urkunde. Sie ist auf Hebräisch verfasst und auf den 11. September 1989 datiert. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt darin seine Großeltern Alfred und Luise Griesmann als Gerechte unter den Völkern.

Eberhard Griesmann ist damals bei der Auszeichnungsveranstaltung in Berlin dabei gewesen. "Es war eine sehr ernste und von Respekt geprägte Stimmung", erinnert sich der heute 66-Jährige. Den Grund dieser Ehrung kennt der Niederschmiedeberger nur aus den Erzählungen seiner mittlerweile verstorbenen Großeltern. Sie zeugt vom Mut einiger Deutscher, die den Nazis in gefährlichen Zeiten die Stirn boten und sowohl ihr eigenes Leben als auch das ihrer Familien riskierten.

Als am 16. April 1945 ein mit Häftlingen des Buchenwalder KZ-Außenlagers Rehmsdorf gefüllter Zug von Briten beschossen wurde, gelang einigen von ihnen die Flucht. Unter ihnen befanden sich auch Michael und Jurek Rozenek, zwei Juden aus Polen. Sie versteckten sich im Wald. Der Niederschmiedeberger Arno Bach war hier gerade mit der Schrotsäge unterwegs. Er sollte Holz für Panzersperren schlagen, wie Eberhard Griesmann aus den Erzählungen weiß. Arno Bach fand die Rozeneks, bat sie, sich vorerst weiter zu verstecken. Er lief nach Hause, um seine Familie und die Bewohner des Hauses in der Talstraße zu informieren. Hier lebten Arno und Liesel Bach, Arnos Schwester Luise Griesmann mit ihrem Mann Alfred und die Mieterin Frieda Löser mit ihrem vierjährigen Sohn. Die Juden sollten im Schuppen untergebracht werden. Vom 16. April bis zum Kriegsende am 8. Mai hielten sie die fünf Niederschmiedeberger versteckt. Mit Einbruch der Dunkelheit versorgten sie die Frauen mit Essen. Arno Bach beseitigte die Notdurft der beiden Rozeneks. Am 8. Mai kamen die Russen. Damit war der Horror für die beiden KZ-Häftlinge vorbei.

In seinen kurzen Memoiren schreibt Michael Rozenek, dass er es damals nicht glauben konnte, dass es auch die anderen Deutschen gab. Er wolle die Namen seiner Retter hoch in Ehren halten. Von hier aus ging es für die beiden in ihre polnische Heimat. Dort waren sie jedoch nicht willkommen und sie emigrierten nach Buenos Aires in Argentinien. Ihre Schwester war schon vor dem Krieg dorthin ausgewandert.

Arno Bach wurde erster Nachkriegsbürgermeister und bekleidete dieses Amt bis 1952. Danach übernahm das Amt sein Neffe und Eberhard Griesmanns mittlerweile verstorbener Vater Helmut Griesmann.

"Ich möchte, dass diese Geschichte nicht vergessen wird", betont der 66-Jährige. Ihres Mutes wegen sind Arno und Margarete Bach, Alfred und Luise Griesmann sowie Frieda Lissack (geboren Löser) in den "Garten der Gerechten unter den Völkern" in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen worden. Zu den Rozeneks hatten die Niederschmiedeberger bis zu ihrem Tode Kontakt. 1987 und 1989 haben sie ihre Retter im Erzgebirge besucht.

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