Auf Zeitreise im Gewürzgurkenglas

Eingemachtes hält ewig - das wusste schon die Großmutter. Doch was genau heißt in diesem Fall eigentlich ewig? Fünf, zehn, vielleicht zwanzig Jahre - oder sogar noch mehr? Wir haben den Selbstversuch gemacht.

Marienberg/Pfaffroda.

Normalerweise ist die "Saure-Gurken-Zeit" bei Journalisten alles andere als beliebt. Sie steht für die nachrichtenarmen Phasen im Jahr, wenn die meisten Menschen im Urlaub weilen, Stadt- und Gemeinderäte Sommerpause haben und sich das Leben vorrangig auf der Liegewiese des Schwimmbads abspielt. Doch mithin kann sich die Scheu vor sauren Gurken ins Gegenteil verkehren und das eingelegte Grün plötzlich hochinteressant werden - so wie jüngst in Pfaffroda geschehen. Die im dortigen Schloss untergebrachte DDR-Ausstellung wird zum Jahresende aufgelöst, sämtliche Exponate müssen bis dahin veräußert werden. Inmitten des Fundus: ein Glas saure DDR-Gurken, über 30 Jahre alt. Wir haben uns gefragt: Kann man die eigentlich noch essen? Und durften das Glas mitnehmen.

Das Objekt: Es heißt, eingelegte Gurken halten sich ewig. Und die Methode zum Konservieren des Lebensmittels ist seit Langem eine der bewährtesten überhaupt in unserer Küchenkultur. Nun steht das knapp 50 Zentimeter hohe Glas also vor uns: "Gewürzgurken - VEB Gemüse-Konserven Oederan, Werk Karl-Marx-Stadt". Wahrscheinlich stammen die knapp 50 Grünlinge also sogar aus der Region. Preis: 5,91 Mark. Gewicht: rund 4,9 Kilogramm. Haltbarkeitsdatum: 15. November 1988. Die Gurken sehen äußerlich bestens aus, sind nicht verfärbt oder verformt. Mit im Glas schwimmen außerdem ein paar Zwiebelscheibchen und Senfkörner. Das Wasser ist nicht trüb.

Der erste Eindruck: Nach kurzem Aufhebeln mit dem Taschenmesser zischt es, und der Deckel, an der Seite schon etwas rostig, ploppt auf - ein gutes Zeichen. Obwohl das Glas über 30 Jahre alt ist, hat der luftdichte Verschluss gehalten. Doch die erste Geruchswolke, die aus dem Glas entweicht, hat es in sich: riecht gurkig, aber stechend und vernebelt schnell die Redaktionsstube. Ein wenig schwingt auch der Geruch von Heu mit. Dennoch, die erste Gurke wird entnommen und seziert. Konsistenz: sehr weich bis schwammig. Die Außenhülle ist noch fest, wenn auch nicht mehr knackig. Vor allem aber quillt jede Menge Einmachwasser aus dem Stück. Im Laufe der Zeit hat sich die Gurke regelrecht vollgesogen. Dennoch: Jetzt ist Zeit zum Probieren. Das erste über drei Jahrzehnte alte Gurkenhäppchen wandert in den Mund.

Die Reaktion: Rasch verzieht sich das Gesicht, die Gurke schmeckt vor allem ziemlich sauer. Davon abgesehen wirkt sie etwas fad, offenbar hat die Intensität des Gurkenaromas abgenommen und ist über die Jahre der Säure gewichen. Aber: Alles in allem ist das Stück tatsächlich ohne große Abscheu genießbar. Unappetitlich ist allenfalls die labbrige Konsistenz. Selbst ein zweites Häppchen im Nachgang wird genascht. Mehr sollte es wohl aber nicht sein. Dennoch: Test erfolgreich bestanden. Interessant ist der Gedanke im Nachhinein: Der VEB Gemüse-Konserven hat die Gurken vermutlich zu jener Zeit eingekocht, als die beiden Tester geboren beziehungsweise eingeschult wurden.

Die Expertenmeinung: In Sachsen befasst sich unter anderem die Staatliche Studienakademie Plauen mit dem Thema Lebensmittelsicherheit. Prof. Dr. Katja Born und Prof. Dr. Jan-Hendrik Paduch erklären: "Gewürzgurken werden durch Zugeben von Salz und Essig in Verbindung mit einer Erhitzung über 100 Grad haltbar gemacht." Die Haltbarkeit hänge dabei stark von den Herstellungs- und Lagerungsbedingungen ab. Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass es beim privaten Einkochen zu Hause Gefahrquellen gibt: Wird zu gering erhitzt und zu wenig Essig beigegeben oder sind Gurken durch Erdreste verunreinigt, können sich im Anschluss Mikroorganismen entwickeln. "Einige davon sind in der Lage, Gifte zu bilden", so Katja Born. Empfohlen sei daher eine zweimalige Erhitzung. Wer ältere Konserven essen möchte, sollte auf typische Anzeichen für Verderb achten: Gasbildung, Abweichungen bei Aussehen und Geruch.

Das war bei den DDR-Gurken nicht der Fall. Aber hätte sich auch jemand anderes rangetraut? Klaus Jobst, Vorsitzender des Kleingartenvereins "Am Hexenberg" in Olbernhau, sagt: "Klar!" Er weiß, dass Eingemachtes in der Regel noch gut ist, solange von außen keine Luft ins Glas kommt. Jobst habe selbst schon Süßkirschen im Keller gefunden, die fünf Jahre alt waren und noch gut schmeckten. Heutzutage werde aber kaum noch eingekocht, bemerkt er. "Es gibt ja alles im Supermarkt". Und fällt die Ernte mal üppig aus, werden die Sachen eher eingefroren.mit geom

"Freie Presse" sucht die älteste Konserve. Ob Gurken, Marmelade oder Kompott - haben Sie noch Eingemachtes im Keller? Können Sie sich noch daran erinnern, wie die Leckereien einst präpariert wurden? Schreiben Sie uns Ihre Geschichte und senden Sie ein Foto der Konserve mit Angabe des Datums an: red.marienberg@freiepresse.de.

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