Automatisierung erleichtert Suche nach weiblichen Auszubildenden

Statt körperlicher steht in der Produktion des Marienberger Zulieferbetriebes Scherdel verstärkt geistige Arbeit im Vordergrund. Doch das ist längst nicht überall bekannt.

Marienberg.

Wer sich in der Ausbildungswerkstatt des Automobilzulieferers Scherdel in Marienberg umsieht, entdeckt vor allem Männer. Kein Wunder: Schließlich finden sich unter den 45 Lehrlingen nur sieben weibliche. Gerade mal zwei Frauen haben sich für die Produktion und damit für die Arbeit an Maschinen entschieden. Dank der fortschreitenden Automatisierung könnte es für Scherdel jedoch bald einfacher werden, Frauen für technische Berufe zu begeistern.

Für Laura Harzer aus Deutschneudorf steht schon fest: Sie wird sich für das Jahr 2020 bei Scherdel um eine Ausbildungsstelle bewerben. Bei einem Praktikum konnte sie mitverfolgen, wie in der Werkhalle etwa Federmatten für Autositze entstehen. Körperliche Arbeit schrecke sie keinesfalls ab, so die 18-jährige Gymnasiastin. Durch ihre Tätigkeit bei der Freiwilligen Feuerwehr Heidersdorf sei sie einiges gewöhnt. Gleichwohl weiß Laura Harzer: Für viele andere Frauen ist trotz Aktionen wie Girls Day, bei dem Mädchen in technische Berufe schnuppern, eine Arbeit mit Maschinen kaum vorstellbar.


Zuständig für die Ausbildung bei Scherdel, die Firma beschäftigt am Standort rund 980 feste Mitarbeiter sowie etwa 130 Zeitarbeiter, ist Ronny Ullmann. Mit dem Geschlechterverhältnis ist er nicht glücklich. "Mindestens zwei, drei Frauen mehr", wünscht er sich mit Blick auf die Lehrlinge in der Produktion. Entsprechend froh ist er, dass es mit Laura Harzer für das kommende Jahr eine Interessentin gibt. "Frauen sind oft kreativer und haben ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen", sagt Ullmann. Damit seien sie für das Unternehmen eine große Bereicherung.

Prokurist Karsten Barth kann das nur unterstreichen. Auch er sieht die Herausforderungen, junge Frauen für Berufe wie Werkzeugmechaniker und Mechatroniker zu begeistern. Seinen Worten zufolge stehe die körperliche Arbeit längst nicht mehr so sehr im Vordergrund, wie es einst der Fall war. In der Produktion von Scherdel sei in den vergangenen Jahren jede Menge automatisiert worden. So wird etwa Draht erst von einem Roboter gebogen. Anschließend werden die Teile vom einem anderen Industrieroboter in Kombination mit einer Spritzgussmaschine mit Kunststoff zur fertigen Federmatte verarbeitet. Der Mensch sei insbesondere dann gefordert, wenn die Technik ausfällt und es Probleme gibt,erklärt Barth: "Es ist verstärkt Kopfarbeit nötig." Die Entwicklung komme Frauen im technischen Bereich entgegen.

Nicht nur in Hinblick auf die Geschlechterverteilung wird die sich wandelnde Arbeitswelt von Scherdel ins Feld geführt. Um angesichts fehlenden Nachwuchses in Zukunft den Bedarf an Lehrlingen decken zu können, ist das Unternehmen auch auf Gymnasiasten angewiesen. Es gelte, mehr über die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten in der Industrie zu informieren und mit den Vorurteilen aufzuräumen, waren sich die Teilnehmer einer Diskussionsrunde bei Scherdel kürzlich einig. Mehrere Vertreter der FDP nahmen daran teil. "Wir brauchen mehr Wertschätzung für die Wertschöpfung", sagte Tino Günther, Seiffener Unternehmer und Direktkandidat für die Landtagswahl. Es gebe schon jetzt Kooperationen mit Oberschulen sowie Gymnasien der Region, so Karsten Barth. Zugleich bestehen allerdings ganz praktische Probleme, etwa wenn die Berufsschulen in Aue, Freiberg oder Chemnitz für die jungen Menschen nur schwer per Bus erreichbar sind, wie er Albert Duin, Abgeordneter der FDP-Fraktion im bayerischen Landtag, aufzeigte.

In Gymnasiastin Laura Harzer sieht Scherdel somit gleich zwei Wünsche erfüllt. Ronny Ullmann räumt ihr sehr gute Chancen auf eine Ausbildungsstelle ein. Er freut sich angesichts des Bedarfs jedoch auch über alle anderen Bewerbungen. "Ich möchte gern später bei einer Berufsfeuerwehr arbeiten", sagt Laura Harzer. Dafür sei eine technische Ausbildung wichtig.

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