Bei ihm steckt kein Bergmann im Holz

Der Wolkensteiner Tobias Stiel schnitzt leidenschaftlich gern. Nur eben keine traditionellen Motive. Einige seiner Arbeiten sind jetzt im Marienberger Bergmagazin zu sehen.

MarienbergWolkenstein.

Schnitzen, so lautet eine Weisheit, ist gar nicht so schwer, denn das Kunstwerk steckt ja schon im Holz drin. Der Schnitzer muss nur das Holz drum herum wegschnitzen. Dieser Theorie folgend, befinden sich in der Region offenbar zumeist Bergmänner, Engel, Krippenfiguren und allerlei andere Skulpturen in den Holzstücken. Nicht so beim Wolkensteiner Tobias Stiel, denn die von ihm aus dem Holz herausgearbeiteten Gestalten haben mit den typisch erzgebirgischen Schnitzereien zumeist gar nichts gemein, und zu sehen ist das jetzt im Bergmagazin in Marienberg.

"Mir gefallen Bergmann und Co, ich schaue mir gern diese Arbeiten an, aber ich hatte noch nie das Bedürfnis, selbst solche Figuren zu schnitzen", so der 37-jährige. Ihm liegt mehr das Moderne, das geschnitzte Unbekannte. In seinen Projekten, wie Tobias Stiel seine Schnitzereien nennt, setzt er sein Interesse für die Filmwelt, für Science Fiction und auch Horror um. Erstmals zeigt Tobias Stiel jetzt einen Teil seiner Arbeiten in einer eigenen Ausstellung und gewährt damit Einblick in sein Schaffen.

Zur Schnitzerei hat der Wolkensteiner ganz klassisch gefunden. "Der Bruder meines Opas war Holzbildhauer, mein Opa Tischler. Von ihm habe ich ein Schnitzmesser geschenkt bekommen", sagt der 37-Jährige, der erste Schnitzversuche 1993 mit dem Taschenmesser unternahm. Die Grundlagen des Schnitzens erlernte er dann bis 1997 im Marienberger Schnitzverein.

"Dort hab ich aber gemerkt, dass eher die traditionellen Motive gefragt waren. Als damals 15-Jähriger war das nichts für mich, ich wollte meine eigenen Ideen umsetzen", erinnert sich Tobias Stiel, der zwar den Verein wieder verließ, dem Holz aber treu blieb. Nach dem Schulabschluss erlernte er in Seiffen den Beruf des Holzspielzeugmachers. "Vor allem wegen meines Interesses für klassisches Holzspielzeug", sagt Tobias Stiel, dem das Saisondasein der Branche missfiel. "Wenn Aufträge da waren, war viel zu tun. Wenn nicht, war Kurzarbeit angesagt", blickt der Hobbyschnitzer zurück, der ab 2007 eine Ausbildung zum Zahntechniker absolvierte und heute in diesem Beruf arbeitet. Geschnitzt wird aber weiterhin.

Mehr als 1000 Arbeiten, allesamt aus Linde, gibt es mittlerweile von ihm. "Angefangen habe ich mit 150 Tierpaaren der Arche Noah. Auch an traditionellen Motiven habe ich mich versucht. Ich habe beispielsweise ein erzgebirgisches Hammerwerk, Tiere des Waldes und Wilhelm-Busch-Figuren geschnitzt", erzählt der Wolkensteiner, der für jede seiner Arbeiten im Vorfeld recherchiert und Dokumentationen zusammenstellt, die er in Mappen abheftet. "Daraus entstehen dann gezeichnete Entwürfe auf Papier", so Tobias Stiel, der viel Wert auf passende Größenverhältnisse und Detailgenauigkeit legt. Dabei kommt ihm seine zweite Berufsausbildung Erlernte zu Gute.

"Durch die Zahntechnik habe ich mir detaillierteres Schnitzen angeeignet", sagt er. Diese Details sind es auch, die die Blicke der Betrachter jeweils sehr lange an die 27 in der Ausstellung zu sehenden Projekte fesseln. Zum Beispiel an die sieben Aliens, eine der umfangreichsten und kompliziertesten Arbeiten bisher. "Komplexe Formen, die entsprechend schwierig umzusetzen waren und daher mehrere Wochen Arbeit verlangt haben", erinnert sich der Schnitzer, der 2014, als er sich erstmals an einer Ausstellung beteiligte, mit dem von ihm eingereichten Objekt gleich den ersten Platz holte. "Ich habe Leben und Tod in einer geteilten Figur aus Lindenholz vereint und damit die Jury eines Schnitzwettbewerbes bei den 22. Erzgebirgischen Schnitzertagen im Annaberger Erzhammer überzeugt", freut sich Tobias Stiel noch heute und fügt gleich eine Anekdote zu einem weiteren seiner Schnitzprojekte an.

"Als Fan von Arnold Schwarzenegger habe ich ihm einen geschnitzten Terminator geschickt", so Tobias Stiel, der nach dem Versand nach Kalifornien lange Zeit auf Antwort warten musste, die dann aber doch noch kam. "Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, als mich Monate später ein Brief von der Assistentin Arnold Schwarzeneggers mit einem Autogramm des Hollywoodstars erreichte", so Tobias Stiel, der einen zweiten Terminator samt Brief und Autogramm in der Ausstellung zeigt. In dieser beweist er auch, das ihm nicht nur das Schnitzmesser, sondern auch der Zeichenstift gut in der Hand liegt. Denn auch auf grafischem Gebiet bewegt er sich auf extravagantem Terrain, zeichnet unter anderem Hollywood-Stars und gibt Goethes Erlkönig in Schwarz-weiß-Darstellungen wieder.

Bis zum 24. November ist die Ausstellung "Tradition trifft Moderne" von Tobias Stiel im Marienberger Bergmagazin zu sehen. Geöffnet ist von Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 16 Uhr.

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