Corona-Virus: Die Lage im Erzgebirge am Wochenende

Der Landkreis verzeichnet die ersten zwei Corona-Fälle. Einrichtungen schließen, Sport- und Kulturveranstaltungen werden abgesagt. Mit der Corona-Pandemie wird das öffentliche Leben in der Region weiter eingeschränkt.

Zschopau/Marienberg.

Im Erzgebirgskreis gibt es die ersten beiden nachgewiesenen Corona-Fälle. Am Freitag ist ein Mann aus Raschau-Markersbach positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden, bestätigte die Kreisverwaltung. Der Erkrankte war am vergangenen Wochenende aus dem Skiurlaub aus Österreich zurückgekehrt und befindet sich nun in häuslicher Quarantäne. Das Gesundheitsamt ermittelt derzeit Kontaktpersonen. Diese sollen vorsorglich in häusliche Isolation.

Am Samstag wurde ein zweiter Fall bestätigt. Eine Frau aus Annaberg-Buchholz ist positiv getestet worden.

Die Sitzungen von Kreistag und Stadträten in der Region könnten wegen der Ausbreitung des Erregers in den kommenden Tagen vorsorglich ausfallen. Die Stadt Chemnitz entschied sich schon dafür, die nächste Stadtratssitzung abzusetzen. Wegen der "beispiellosen Situation" empfiehlt das nun auch die AfD im Erzgebirge für die Kreistagssitzung am 25. März. Es sei nicht sinnvoll, sagte Fraktionschef Thomas Dietz am Sonntag, gut 100 Personen zusammenkommen zu lassen. "Aufgrund der langen Inkubationszeit könnten längst Infizierte unter uns sein." Stattdessen schlägt er eine "Strategieberatung" nur mit den Fraktionschefs, der Spitze der Kreisverwaltung und Vertretern des Gesundheitsamtes vor.

Landrat Frank Vogel (CDU) hatte die Fraktionen laut Dietz angeschrieben und gebeten, die Lage einzuschätzen. Darin heißt es, dass die Sitzung nicht zwingend notwendig sei. Aber Vogel erklärt auch: "Andererseits bin ich persönlich der Auffassung, wir sollten, auch in der gegenwärtig recht schwierigen Situation, so gut es geht ein Stück ,Normalität' walten lassen."

Olbernhau teilt am Wochenende mit, dass alle Museen der Stadt, das Haus der Begegnung, die Stadtbibliothek, das Jugend- und Kulturzentrum "Theater Variabel" sowie das Hallen- und Freibad bis vorerst 14. April 2020 geschlossen werden.

In Seiffen bleibt die Grundschule zur weiteren Betreuung der Schüler zunächst geöffnet. Ebenso die Kita. Dort werden am Montag Listen ausliegen, in die sich Eltern von besonders gebrauchten Berufsgruppen eintragen können (bspw. medizinisches Personal) teilt Bürgermeister Martin Wittig mit. Geschlossen werden folgende Einrichtungen bis vorerst 14. April: Touristinformation, Spielzeugmuseum, Freilichtmuseum, Bibliothek, Sporthalle, Jugendclub, Haus des Gastes. Die Öffnungszeiten der Verwaltung bleiben vorerst bestehen.

In Annaberg-Buchholz bleiben die Stadtbibliothek und die Tourist-Information geschlossen. Freizeitangebote und Veranstaltungen, die in Regie der Stadt laufen, werden abgesagt. Außerdem werden ab Montag, dem 16. März 2020 auch die städtischen Museen bis auf Widerruf geschlossen bleiben. Die Festlegung betrifft das Erzgebirgsmuseum, den Frohnauer Hammer und die Manufaktur der Träume. Darüber informierte die Stadt am Wochenende.

In Deutschneudorf hingegen hat das Bergwerk geöffnet, teilt die Touristinformation am Sonntag mit.

Marco Wanderwitz, Abgeordneter des Wahlkreises Chemnitzer Umland/Erzgebirgskreis II teilt mit, dass er alle Firmen- und Vereinsbesuche und Sprechstunden bis auf weiteres abgesagt habe. Zudem schicke er seine Mitarbeiter in Berlin und im Wahlkreis ins Home-Office. Sein Team sei per Telefon, E-Mail sowie über die sozialen Netzwerke erreichbar.

Die Diakonie Erzgebirge schränkt den Besuchsverkehr in ihren Einrichtungen ein. Besuch ist nur im Ausnahmefall und nach vorheriger Absprache mit der Einrichtungsleitung möglich. Das wurde auf einer Krisensitzung der Leitung des Diakonischen Werkes Annaberg-Stollberg und Aue/Schwarzenberg zum Corona-Virus beschlossen.

Der Schwarzenberger Reiseveranstalter Lang Reisen teilt mit, dass Reisen bis einschließlich Ostern ausfallen. Reisen nach Italien sind bis Abreisedatum 18.04.20 betroffen. Die betroffnen 1400 Reisegäste sollen telefonisch informiert werden.

Zu Hause bleiben auch die Teilnehmer einer Schwarzenberger Reisegruppe, die vor Kurzem aus Italien zurückgekehrt waren ("Freie Presse" berichtete). Das Gesundheitsamt hatte mit dem Reiseveranstalter Kontakt. Die Isolation sei aber freiwillig, so ein Kreissprecher.

Grenzübergang Reitzenhain: Es herrscht Ausnahmezustand in der Grenzregion. "Panik", sagt eine Verkäuferin im tschechischen Travel-markt zum Ansturm seit Donnerstagnachmittag, nachdem die Regierung in Tschechien die Grenzschließung bekannt gegeben hatte. Am Donnerstag strömten viele Deutsche über die Grenzen in Bärenstein und Reitzenhain, um noch einmal einzukaufen und zu tanken. Vietnamesische Händler standen mit Atemschutzmasken am Straßenrand und verkauften Zigaretten.

Nach dem Ansturm am Donnerstag war die Lage am Freitagvormittag in Reitzenhain verhältnismäßig ruhig. Im Travelmarkt auf tschechischer Seite deckten sich die Menschen mit Zigaretten, Alkohol, Kaffee und Schokolade ein. Auch Stefan Hänsel kaufte mehrere Stangen Zigaretten. Er hatte von der Grenzschließung gehört und sich auf der Internetseite des auswärtigen Amtes informiert, ab wann das Einreiseverbot gilt, weil über verschiedene Zeitpunkte berichtet worden war. Der Chemnitzer zeigt grundsätzlich Verständnis für die Grenzschließung zum Schutz der Bevölkerung.

Am Samstag wurde bekannt, dass Tschechien auch Restaurants und viele Geschäfte schließt.

Krankenhäuser: Um Krankenhäuser für Coronapatienten frei zu halten, sollen alle planbaren Operationen verschoben werden, heißt es in einem von Bund und Ländern in dieser Woche vorgelegten Beschlusspapier. Soweit medizinisch vertretbar, soll dies ab Montag gelten. Im Klinikum Mittleres Erzgebirge gibt es zurzeit keine Regelung, wonach Patienten gezielt abbestellt werden, sagte am Freitagmittag Geschäftsführer Knut Hinkel und warnte vor Aktionismus. Auch ein einbestellter Patient könne von heute auf morgen zum akuten Fall werden. Die Lage ändere sich allerdings schnell. Von Stunde zu Stunde werde neu entschieden.

In Zschopau gibt es 15 Betten für Covid-19-Patienten, in Olbernhau zehn. "Die sind teilweise belegt, könnten aber schnell bereitgestellt werden", so Hinkel. Verdachtsfälle auf die neue Lungenkrankheit gibt es aktuell keine. Drei bis fünf Tests werden jede Woche am Klinikum vorgenommen. Inzwischen dauert es nur noch sechs bis acht Stunden, bis das Ergebnis vorliegt. "Wir machen das nicht ins Blaue hinein, sondern nur bei Mitarbeitern oder Patienten, die in Risikogebieten gewesen sind und Beschwerden haben", fügt der Geschäftsführer hinzu.

Mittlerweile behoben ist ein Mundschutz-Engpass. "Wir greifen dabei zu alten Schutzvorkehrungen aus den 1990er-Jahren zurück", erklärt Knut Hinkel. Das Haus hat einen Anbieter gefunden, der die Masken aus Stoff liefert. Diese können sterilisiert und mehrfach verwendet werden und sollen nächste Woche bereitstehen.

Bäder: Die Ausbreitung des Coronavirus verunsichert Besucher von Freizeitbädern und Thermen. Am Donnerstagvormittag hatte der Gelenauer Bürgermeister Knut Schreiter entschieden, dass nicht nur von Schülern genutzte Lehrschwimmbecken in der Pestalozzi-Grundschule schließen zu lassen. Zudem stünden Einrichtungen für wechselnde Nutzer, beispielsweise verschiedene Sportvereine, derzeit nicht mehr zur Verfügung.

Geöffnet bleibt dagegen das Schwimmbad im Zschopauer August-Bebel-Gebiet. Zwischendurch werde einmal mehr desinfiziert als früher, sagte eine Mitarbeiterin der Grundstücks- und Gebäudewirtschaft Zschopau. Probleme gebe es mit Toilettenpapier. Seit etwa zwei Wochen registrierten Mitarbeiter, das Papier aus den verschlossenen Spendern abgewickelt und mitgenommen werde.

Die Silber-Therme Warmbad mit Wellness- und Saunabereich hat die Türen geöffnet. "Kranke, die sich nicht wohl fühlen und vielleicht Fieber haben, werden ohnehin nicht eine Sauna aufsuchen", sagte Knut Hinkel, Geschäftsführer der Kurgesellschaft. Der Besuch einer Schwitzstube sei eine gute Möglichkeit, das Immunsystem zu trainieren.

Im Freizeitbad Aqua Marien wurde anders entschieden. Auf seiner Internet-Plattform bittet der Betreiber um Verständnis, dass in der aktuellen Situation kein Wellness angeboten wird und Saunaaufgüsse ohne Wedeln vorgenommen werden. Die Einrichtung in Marienberg bleibe wie bisher von 10 bis 22 Uhr geöffnet.

Die Zwönitzer Schwimmhalle bleibt zunächst für das öffentliche Schwimmen geöffnet. "Am Montag entscheiden wir neu", sagte der Zwönitzer Beigeordnete Andy Kehrer. Einen Wettstreit am Samstag hatte der Zwönitzer Schwimmverein bereits am Freitagmorgen abgesagt. Weiter geöffnet haben auch das Hallenbad in Schwarzenberg-Sonnenleithe und das Gesundheitsbad "Actinon" in Bad Schlema. Es werde aber mehr gereinigt und desinfiziert, sagte Kathrin Bösecke-Spapens, die Chefin der Kurgesellschaft Schlema als Betreiberin des Actinon. Erhöhte Infektionsgefahr sieht sie nicht. "Über das Wasser können sich keine Viren übertragen, weil es gechlort ist." Dennoch sei ein Besucherrückgang spürbar. "Während es am Wochenende normal war, kamen am Donnerstag etwa 40 Prozent weniger Gäste." Keinen Rückgang gibt es in den Badegärten Eibenstock. "Wir haben Spender mit Desinfektionsmittel aufgestellt und empfehlen, erkälteten Personen von einem Besuch abzusehen", sagte Geschäftsführer Hendrik Pötter.

Kinos: Die vom 23. März bis 3. April geplanten Schulkinowochen wurden am Freitag abgesagt. "Das ist wegen des hohen Organisationsaufwandes sehr schade. Noch dazu, weil es immer schön ist, wenn Kinder ins Kino gehen, aber die Gesundheit geht klar vor", sagte Sven Kruppa, Betreiber des Gelenauer Clubkinos. "Den normalen Spielbetrieb versuchen wir aufgrund der zahlreichen Vorbestellungen so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Bislang liegen noch keine Absagen von Besuchern vor."

Auch im Marienberger Kinocenter Movie wird - wenngleich am Donnerstag erstmals weniger Besucher kamen - weiter gespielt, versicherte Andreas Helmert, der einer der beiden Betreiber ist: "Bisher gibt es vom Hauptverband deutscher Filmtheater noch keine Vorgaben. Allerdings haben die Filmverleiher schon reagiert: Wir bekommen kaum noch neue Streifen, vor allem der Start der umsatzstarken Blockbuster verzögert sich."

Finanzamt: Im Zschopauer Finanzamt bleibt die Informations- und Annahmestelle für den Besucherverkehr geschlossen. "Das dient dem Schutz der Bevölkerung und der Sicherstellung der Arbeitsfähigkeit der Bediensteten", begründet Vorsteher Marcus Wohlleben. Bei Fragen können sich Steuerpflichtige telefonisch an die Zentrale wenden (Ruf 03725 2930). Ansprechpartner und Bearbeiter sind auf der Internetseite der Behörde sowie auf den Steuerbescheiden zu finden. Besucher, die Unterlagen persönlich im Amt abgeben möchten, bittet Marcus Wohlleben, diese per Post zu übersenden oder in den Briefkasten des Amtes zu werfen. Vordrucke können beim Finanzamt schriftlich, per E-Mail oder telefonisch angefordert werden.

Sport:Auf den Fußballplätzen im Erzgebirge rollt vorerst kein Ball mehr. Der Vorstand des Kreisverbandes hat wegen der Entwicklung entschieden, den Spielbetrieb zunächst bis zum 30. März auszusetzen, bestätigt der Vorsitzende Jörg Prager. Auch die in diesem Monat geplanten Schiedsrichter-Lehrabende fallen aus. Mit dem VfB Annaberg verzichtet schon ein Verein vorerst ebenso auf den Trainingsbetrieb.

Wie die Fußballer erfuhren auch die Tischtennisspieler erst am Freitag, dass ihre Spiele ausfallen werden. Nachdem unter anderem die Volleyball- und Handball-Verbände ihre Absagen bereits am Donnerstag verkündet hatten, fällt nun der komplette Liga-Betrieb im Sport flach. "Bis zum 17. April dürfen keine Liga-Spiele ausgetragen werden. Es wird auch keine Meisterschaften und Ranglisten-Turniere geben", erklärt Helge Reh, der Vorsitzende des Kreisfachverbands Tischtennis.

Wie es danach weitergeht, soll am 17. April zur Spielausschuss-Sitzung des sächsischen Verbandes in Dresden geklärt werden. Auch die Radballer des SV 1870 Großolbersdorf mussten auf die Gefahr durch den Coronavirus reagieren und ihr für Samstag geplantes Fan-Turnier absagen. matu/mik/mb/anr

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Diese Veranstaltungen sind im Erzgebirge bis Freitag abgesagt worden

Notfallnummer

Das Gesundheitsamt des Erzgebirgskreises berät an diesem Wochenende erneut telefonisch zum Coronavirus. Die neuen Hotline-Nummern sind am Samstag und Sonntag in der Zeit von 8 bis 18 Uhr telefonisch erreichbar. Das Angebot richtet sich insbesondere an Rückkehrer aus den vom Robert-Koch-Institut (RKI) ausgewiesenen Coronavirus-Risikogebieten. Diese sollten - unabhängig von Symptomen - unnötige Kontakte vermeiden und zu Hause bleiben. mb

Annaberg-Buchholz: 03733 831 4444.

In der Region Aue-Schwarzenberg gilt die Nummer 03771 277-4444 ab dem Samstag, 8 Uhr. An diesem Tag und auch am Sonntag ist die Hotline von 8 bis 18 Uhr erreichbar und soll besonders von Menschen genutzt werden, die aus den vom Robert-Koch-Institut ausgewiesenen Risikogebieten zurückkehren.

Veranstaltungen und IHK-Prüfungen abgesagt

Die beiden Vorstellungen im Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg - Richard O`Briens "The Rocky Horror Show" am Samstag sowie die Komische Oper von Joseph Haas "Die Hochzeit des Jobs" am Sonntag - wurden abgesagt. Schon gekaufte Karten können in Gutscheine umgetauscht oder zurückgegeben werden.

Das für den Samstag geplante Konzert mit "Bauerplay" in der Bierfabrik Erzgebirge in Wünschendorf fällt aus. Das teilte der Inhaber der Bierfabrik, Uwe "Max" Gottwald, mit.

Die Industrie- und Handelskammern haben alle Prüfungen in der beruflichen Aus- und Weiterbildung abgesagt. Betroffen davon sind die Prüfungen ab Montag, 16. März bis 24. April. Darauf haben sich die IHK-Gremien am Freitagmittag verständigt. Wann die Prüfungen nachgeholt werden können, ist noch offen. mb/jag


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