Der Lokführer, der den letzten Zug durchs Hochwasser steuerte

Aktuell wird die Rückkehr Marienbergs ans Bahnnetz diskutiert. Heute vor 20 Jahren fand der Personenverkehr wegen der Flut ein tragisches Ende. Ein Mann erinnert sich, wie er der Katastrophe entkam.

Marienberg.

Dieser Tag veränderte alles. Das Hochwasser heute vor 20 Jahren geht als eine der schlimmsten Naturkatastrophen im mittleren Erzgebirge in die Geschichtsbücher ein. Ein Mensch starb in den Fluten, andere verloren ihr Hab und Gut. Häuser und Autos wurden weggespült. Das Wasser riss alles mit, was im Weg war. Auch an der Bahntrasse zwischen Pockau und Marienberg wurden Brücken, Dämme, Stützmauern und Gleise zerstört. Der Schienenverkehr fand ein tragisches Ende - als eines der Symbole der Katastrophe.

Einer, der den 5. Juli 1999 nie vergessen wird, ist Joachim Görner. Er war es, der die letzte Lok durch das Hochwasser führte. "Der Tag begann ganz normal", erinnert sich der Neuhausener. Es war sehr warm, der Himmel blau, kaum eine Wolke zu sehen. Erst am Nachmittag, als er sich wieder von Pockau nach Marienberg begab, baute sich am Horizont ein riesiger Wolkenturm auf. "Aber ich habe mir nichts weiter dabei gedacht." In Marienberg nahm das Unheil seinen Lauf. "Es schüttete. Am Bahnsteig staute sich das Wasser, Einstiege liefen voll." Trotzdem begann Görner nach der Meldung der Zugführerin die Rückfahrt.


"Zum Glück hatten wir keine Fahrgäste", sagt der 72-Jährige. Entlang der Strecke sah er das Ausmaß der Flut. Autos und entwurzelte Bäume kamen geschwommen, Häuser standen bis zum Dach unter Wasser. Schlammlawinen schossen Wege entlang, wo sonst Straßen zu sehen waren. Görner schaffte es unversehrt bis nach Pockau und setzte seine Schicht fort. "Irgendwie hat man einfach funktioniert."

Für die Strecke nach Marienberg bedeutete es das Aus. Dabei hatte sich die Deutsche Bahn in den turbulenten 1990er-Jahren mit der Fusion der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn sowie der damit verbundenen Untersuchung des Streckennetzes erst vor der Katastrophe entschieden, langfristig Züge auf der Trasse fahren zu lassen, sagt Erzgebirgsbahn-Chef Lutz Mehlhorn. 1998 wurden für einen Millionenbetrag Übergänge saniert, mehrere Kilometer Gleise erneuert, die Pobershauer Brücke neu gebaut. Doch dann folgte die Flut.

"Ganz ehrlich: Ich habe gedacht, hier wird nie wieder ein Zug fahren", sagt Mehlhorn. Gutachten ergaben: drei Millionen Euro Schaden. Die Frage lautete: Wiederaufbau oder Stilllegung. "Die Berechnungen ergaben, dass ein Wiederaufbau günstiger wäre als die Stilllegung, die auch eine komplette Sicherung der Strecke bedeutet hätte", erläutert Mehlhorn. Doch bevor die Entscheidung fiel, verwüstete das nächste Hochwasser im August 2002 die Strecke. Diesmal traf es nicht den Bereich in Hüttengrund, sondern den Abschnitt von Zöblitz bis Pockau. Trotzdem wurde 2004 entschieden, die Strecke wieder aufzubauen. Das Engagement des damaligen Landrats Albrecht Kohlsdorf, der Tag der Sachsen 2006 in Marienberg und der Bundeswehrstandort in der Bergstadt spielten dabei eine große Rolle, sagt Mehlhorn.

Zwar wurde die Bahntrasse nach Marienberg Anfang September 2006 tatsächlich wieder in Betrieb genommen. Doch für den Personenverkehr blieb es ein Intermezzo. Aus verschiedenen Gründen. Auch wegen fehlender finanzieller Mittel wurde entschieden, dass neben Transporten der Bundeswehr die Strecke nur für den Schülerverkehr genutzt wird, so Mehlhorn. Es folgten Probleme beim Umsteigen und Proteste der Eltern. Zwischenzeitliche Wochenendzüge für Touristen wurden kaum genutzt. 2013 kam das Aus für die Schülerbeförderung.

Nun - exakt 20 Jahre nach der Flut - wird der Wunsch nach einer Rückkehr Marienbergs ans Bahnnetz wieder lauter. Auf Initiative von Oberbürgermeister André Heinrich soll ein vom Innenministerium in Auftrag gegebenes Gutachten klären, ob es sich lohnt, dass Personenzüge wieder in die Bergstadt rollen.

Auch Joachim Görner verfolgt die Pläne gespannt. Zwar verabschiedete er sich 2010 nach 37 Jahren als Lokführer in den Ruhestand. Trotzdem lässt die Eisenbahn sein Herz noch immer höher schlagen. Eine Wiederbelebung der Strecke findet er daher gut. "Doch politisch gesehen stehen die Chancen dafür eher schlecht. Der Eisenbahn fehlt die Lobby." Lutz Mehlhorn ist da schon optimistischer: "Wenn sich alle ins Zeug legen, dann wird es was." Für wichtig erachtet er ein schlüssiges Gesamtkonzept, das Bus und Bahn verknüpft, neue Haltepunkte und attraktive Fahrtzeiten enthält sowie verschiedene Nutzungsmöglichkeiten betrachtet. Denn eines sei sicher, betont Mehlhorn: "Das ist jetzt die allerletzte Chance."

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