Der "Neckermann von Rübenau" feiert seinen 90. Geburtstag

Martin Körner konnte in der Mangelwirtschaft der DDR so manches richten. Nach der Wende baute er unter anderem die CDU-Parteistrukturen in der Region mit auf.

Rübenau/Seiffen.

Sonore Stimme, agiler Gang, das Smartphone griffbereit: Martin Körner wirkt nicht wie ein betagter Herr. "Älterwerden ist etwas ganz Natürliches. Das Jammern über diese unausweichliche Tatsache überlasse ich aber Anderen", sagte er am Samstag am Rande seiner Geburtstagsfeier schmunzelnd. Der 1930 in Satzung Geborene feierte im Kreise von Familienmitgliedern, Verwandten, Freunden und Bekannten in Seiffen seinen 90. Geburtstag.

Bekanntheit, auch über die Region hinaus, erlangte der Jubilar ab Anfang der 1970er-Jahre. "Weil ich alles besorgen konnte, was sonst keiner hatte, wurde ich von da an der Neckermann von Rübenau genannt. Das war für mich ein Lob sondergleichen", so der langjährige Verkaufsstellenleiter, der Anfang vergangenen Jahres Rübenau verließ und nach Königs-Wusterhausen zog, in die unmittelbare Nähe seines Sohnes.

Den Kontakt ins Erzgebirge hält er dennoch aufrecht, war seither schon dreimal wieder in der Region: hinterm Lenkrad seines Autos. "In meiner neuen Heimat habe ich mich gut eingelebt. Abends, nach dem Essen, spaziere ich dort zum Beispiel oft am nahegelegenen See entlang. Und ich schreibe gerade an einem Buch", verrät Martin Körner, der nach wie vor politisch und gesellschaftlich interessiert und aktiv ist.

Unter dem Titel "In 70 Jahren nach Deutschland" verfasst Martin Körner seine Autobiografie, in der sich neben seinem Leben auch eine Vielzahl überregionaler Ereignisse, zumeist politischer Natur, wiederfinden werden. Darunter die friedliche Revolution 1989. Die Umbruchphase erlebte Körner, seit dem Jahr 1985 Mitglied der CDU, hautnah. Er war in Berlin auf dem Sonderparteitag der Ost-CDU, auf dem sich diese zur Marktwirtschaft und zur Einheit bekannte. Er half beim Aufbau der Parteistrukturen in der Region. Auf den Demonstrationen in Olbernhau sprach Martin Körner zu Tausenden, erzählte von den Missständen in der DDR. Er war auch 1990, am Tag der Deutschen Einheit, in Berlin.

Immer wieder hatte er im Arbeiter- und Bauernstaat gesagt, was er dachte. Er hatte mitdemonstriert am 17. Juni 1953 in Berlin. Er hatte anlässlich des Erfurter Treffens von Willy Brandt und Willi Stoph 1970 ein Telegramm an beide verfasst. "Die gesamte Nation blickt auf Sie und erwartet Friede und Gerechtigkeit für alle deutschen Bürger", hieß es darin. Das Telegramm wurde abgefangen. "Auch das Schreiben hält mich jung", stellt Martin Körner an seinem Ehrentag fest. Vor vier Jahren hat er schon einmal ein Buch geschrieben und veröffentlicht. Märchenhafte Geschichten für Kinder stehen darin, in denen tierische und menschliche Charaktere durchs Schwarzwassertal wuseln. 100 Exemplare hat er drucken lassen und an Kindereinrichtungen im Erzgebirge verschenkt.

Einer langjährigen Leidenschaft, dem Schachspiel, geht er auch in seiner neuen Heimat nach. "Gelernt habe ich das Spiel im Alter von sechs Jahren. Jetzt spiele ich fast jeden Abend, allerdings gegen den Schachcomputer", sagt er etwas traurig. Denn im Umfeld seiner neuen Wohnung hat er noch niemanden gefunden, der sein Hobby teilt. (mit bag)


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