Eine Rose für den Klassenfeind

30 Jahre Mauerfall Hans-Günter Schubert hat als Jugendlicher in Westberlin den Bau der Mauer hautnah miterlebt - und vor 30 Jahren auch deren Fall. Geblieben sind unauslöschbare Erinnerungen, positive wie negative.

Annaberg-Buchholz/Berlin.

Er hat einfach nur funktioniert an jenem 10. November 1989. Das war der Tag nach dem Mauerfall. Die Nachricht hatte Hans-Günter Schubert, der damals in Westberlin wohnte, durch den Anruf eines Bekannten erreicht. ",Stell dir vor, die Grenze ist offen', sagte er am Telefon zu mir. Ohne die Tragweite des Geschehenen zu realisieren, war mir sofort klar, dass wir etwas tun müssen", erinnert sich Schubert. Mit "wir" ist die Heilsarmee gemeint. Der christlichen Freikirche, die sich um Menschen in Not kümmert, gehörte er seit seinem Theologiestudium in Bochum an. Am Ende waren es rund 25 Jahre. In denen schaffte es der heute 73-Jährige bis in den Rang eines Majors.

Mit diesem Dienstgrad ausgestattet, trat er an jenem 10. November auf der Glienicker Brücke in Berlin einem DDR-Grenzarmisten gegenüber und überreichte ihm eine Rose. Ein Bild mit Symbolcharakter - im wahrsten Sinne des Wortes - das damals sogar in einer amerikanischen Zeitung gedruckt wurde, sagt Schubert, den es 1999 nach Annaberg-Buchholz verschlug. Dort war er zunächst Pfarrer der methodistischen Gemeinde, später half er auch in den evangelisch-lutherischen Kirchgemeinden Wiesa und Schönfeld aus.


Eine Begegnung ganz anderer Art mit einem DDR-Grenzer hatte Schubert wenig später am Übergang Sonnenallee. Dort hatte er, aus Westberliner Sicht betrachtet, einige Schritte hinter den bis dahin Eisernen Vorhang gemacht. Plötzlich sei ein DDR-Grenzposten mit gezogener Pistole auf ihn zugelaufen. "Er schrie mich an: ,Wenn Sie nicht sofort das Territorium der DDR verlassen, schieße ich'", erinnert sich Schubert. Ihm sei in dem Moment das Herz in die Hose gerutscht, spürte er doch die Pistole unmittelbar an seiner Brust. "Sollte es das jetzt gewesen sein. Was wird aus meiner Frau und den Kindern?" Solche und ähnliche Gedanken seien Schubert in jenen Sekunden durch den Kopf geschossen. Erst als ein anderer DDR-Grenzer auftauchte und auf seinen Kollegen beruhigend einredete, habe der Spuk ein Ende gehabt. "Ich weiß bis heute nicht, was in den Mann gefahren war. Vielleicht war er mit der Situation einfach überfordert, sein Leben durch den Mauerfall aus den Fugen geraten", sucht Schubert noch heute nach Erklärungen.

Ungeachtet dessen kümmerte er sich an jenem 10. November, wieder zurück an der Glienicker Brücke, um die vielen DDR-Bürger, die ungehindert gen Westberlin strömten. Gemeinsam mit weiteren Mitstreitern aus der Heilsarmee gab Schubert unter anderem heißen Kaffee aus, "es war ja an dem Tag ziemlich kalt". Dabei sei er mit zahlreichen Menschen ins Gespräch gekommen. Viele von ihnen hätten diese Art der Begrüßung vom Klassenfeind nicht erwartet, hätten sie unumwunden zugegeben. Schließlich schaffte es Schubert sogar, auf der Glienicker Brücke das Lied "Großer Gott, wir loben dich" anzustimmen, und etwa 100 Menschen hätten spontan mitgesungen - Christen, aber auch Atheisten. Dieses Lied sei ihm damals einfach eine Herzensangelegenheit gewesen, empfand er doch den Fall der Mauer und die Tatsache, dass dabei kein Schuss gefallen war, als ein Wunder.

Am Übergang Invalidenstraße habe es für die zahlreichen Menschen, die nach Westberlin strömten, sogar eine warme Suppe gegeben. Die kam aus einer englischen Feldküche. Damit seien aber auch die DDR-Grenzposten, die schon länger kein Essen mehr bekommen hatten, versorgt worden. Mit dem Mauerfall ist offenbar auch ihre gesamte Versorgung zusammengebrochen, vermutet Schubert. In dem Zusammenhang sei es zu einer ganz einmaligen und herzzerreißenden Situation gekommen. Der englische Kommandant an diesem mittlerweile ehemaligen Grenzposten habe unbedingt den ostdeutschen Grenzern die Suppe bringen wollen. Also ordnete er sich Heilsarmee-Major Schubert unter. Kurze Zeit später habe er bei der Essensübergabe dem DDR-Befehlshaber für den Bereich gegenüber gestanden. "Nachdem die zwei Männer jahrelang auf den beiden Seiten der Grenze im Einsatz waren, sahen sie sich jetzt in die Augen - und gaben sich die Hand", erzählt Schubert. Damit hatte auch die Glienicker Brücke, die nie ein offizieller Grenzübergang gewesen sei, sondern nur einer für die Alliierten - etwa zum Austausch von Spionen - ihren Schrecken verloren.

Für Schubert waren all das einfach nur Momente, die er nie vergessen wird. Die Mauer hat ihn geprägt. Als Jugendlicher erlebte er ihren Bau mit und vor nunmehr 30 Jahren dann ihren Fall. Begriffen, was das damals für ein historischer Moment war, hat Schubert erst Monate später. Er hat an jenem 10. November 1989 eben einfach nur funktioniert.

Liebe Leserinnen und Leser, welche besonderen Erinnerungen bzw. Erlebnisse verknüpfen Sie mit dem 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls? Was hat sich seitdem in Ihrem Leben verändert? Welche Träume von damals haben sich erfüllt - etwa der Traum von der eigenen Firma, die Reise um die Welt, ein Studium, das vorher versagt blieb - und welche haben sich zerschlagen? Vielleicht gibt es dazu auch Fotos, die beispielsweise den Firmenstart 1989 in einer Garage zeigen und 30 Jahre danach die mittlerweile neu errichtete Firma. Aber auch weniger schöne Dinge aus jener Zeit interessieren wie etwa eine dieser sogenannten Kaffeefahrten, nach denen sich viele in der Regel einfach nur abgezockt fühlten? Rufen Sie uns an oder schreiben Sie Ihre Geschichte auf und schicken diese an "Freie Presse", Töpferstraße 17. 09496 Marienberg oder per E-Mail. red.marienberg@freiepresse.de

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