Einmal gratis Autoscheibe reparieren - nur 100 Euro

Auf das vermeintlich kostenfreie Angebot flattert einer Fahrerin kurze Zeit später eine Rechnung ins Haus. Die Frau fühlt sich abgezockt - doch das Problem ist komplex.

"Soll ich mir mal Ihre Autoscheiben ansehen?", fragt ein junger Mann auf dem Parkplatz eines Marienberger Baumarkts. Der Frau aus Großrückerswalde, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, drückt er einen Werbezettel seines Unternehmens in die Hand. Autoservice Lichtenstein steht da, die Firma repariere Steinschlagschäden. Die Frau, gerade zum Einkaufen unterwegs, überlegt kurz und fragt, ob das etwas kosten würde. "Nein", versichert der Mann und nimmt die Frontscheibe ins Visier. Tatsächlich entdeckt er einen kleinen Steinschlag im Glas und bietet an, diesen direkt zu reparieren. Die Frau willigt ein - und sagt im Nachhinein: Das war ein Trick.

"Ich habe dreimal gefragt, ob das etwas kosten würde und der Mann hat verneint", so die Betroffene. Daraufhin habe sie die Reparatur vor Ort vornehmen lassen. Das habe der Mann auch ordentlich erledigt - mit einem Bohrer den Riss ausgefräst, Tinkturen aufgebracht und abgeschliffen. "Es war gute Arbeit", sagt die Frau. Drei Tage später sei jedoch das böse Erwachen gekommen: Per Post habe sich ihre Versicherung gemeldet und rund 100 Euro gefordert - weil die Autoservice-Firma nach der Steinschlagreparatur eine entsprechende Rechnung an die Versicherung gestellt hat. Die Betroffene sagt, davon sei nie die Rede gewesen und spricht von "Abzocke".

Wie kam es dazu? Nach der Reparatur auf dem Baumarktparkplatz habe ein Kollege des jungen Mannes eine Unterschrift von der Betroffenen gefordert und wollte den Namen ihrer Versicherung wissen. Eine Formalie, habe die Frau gutgläubig angenommen und sich darauf verlassen, dass die Reparatur kostenfrei sei. Das Dokument - eine Abtretungserklärung, mit der der Reparateur die Kosten bei der Versicherung geltend machen kann - habe sie daher unterzeichnet, ohne genau hinzuschauen. Ein Fehler, über den sich die Großrückerswalderin erst im Nachhinein klar geworden sei. Dennoch sagt sie: "Dass das so ausgenutzt wird, ist nicht in Ordnung". Ihr Mann habe später Kontakt mit dem Unternehmen aufgenommen. Auf die Beschwerde sei man dort aber nicht eingegangen.

Auf Nachfrage von "Freie Presse" sagt Rico Müller, Geschäftsführer von Autoservice Lichtenstein: "Steinschlagreparaturen sind kostenfrei, sofern der Autobesitzer eine Teilkaskoversicherung hat". Er schränkt aber ein, dass das abhängig von der jeweiligen Versicherung sei. Einige arbeiteten mit Vertragswerkstätten zusammen und übernähmen die Kosten nicht, wenn Drittanbieter die Reparatur vornehmen. Das Problem: Wie die eigene Versicherung das handhabt, wissen Kunden oft nicht. Die Verantwortung, sagt Müller, liege beim Autobesitzer. Den Fall der Großrückerswalderin könne er nicht nachvollziehen, da er selbst nicht zugegen war. Er sagt aber: "In den meisten Fällen gibt es keine Probleme" - gleichwohl die Kunden nicht explizit darauf hingewiesen würden, dass eventuell nachträgliche Kosten nicht auszuschließen sind.

Versicherungsvertreter verweisen indes darauf, bei Steinschlagschäden immer zuerst mit der eigenen Versicherung Kontakt aufzunehmen und zu prüfen, wie es um eine Kostenübernahme steht. Einige bieten dafür auch Telefon-Hotlines. Neben der Bindung an Vertragswerkstätten ist auch zu klären, ob der Autobesitzer im Rahmen einer Selbstbeteiligung nachträglich zur Kasse gebeten werden kann.

Stefanie Siegert von der Verbraucherzentrale Sachsen in Leipzig rät: Bei Vertragsangelegenheiten sollte nur gehandelt werden, wenn man sich vorher informiert hat. Die Frau aus Großrückerswalde hätte grundsätzlich vorher prüfen sollen, was sie unterschreibt. Die Kostenlos-Zusage des Mannes genüge nicht. Siegert weiß aber um die besondere Situation: "Außerhalb von Geschäftsräumen ist Vorsicht geboten." Das Problem sei der Überrumpelungseffekt: "Wenig Zeit und ein hektisches Umfeld - mancher ist da empfänglich und fühlt sich gar verpflichtet, auf ein Angebot einzugehen", so die Verbraucherberaterin. Im Zweifel sollte aber Abstand genommen werden. Auch, weil es im Nachhinein schwierig werden kann, den Hergang nachzuweisen.

Die Frau aus Großrückerswalde muss das nicht mehr tun. Ihre Versicherung hat aus Kulanz schließlich auf die Forderung verzichtet.

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