Enduro-Helden fahren als "Team DDR" über den Brenner

Drei ehemalige MZ-Werksfahrer und ein Simson-Pilot sind gefragte Gäste bei einem Rennen am Wochenende in Italien. Der Veranstalter hätte sie sogar einfliegen lassen.

Zschopau.

Harald Sturm, Uwe Weber, Andreas Cyffka und Jens Thalmann drehen am Wochenende die Uhren zurück. Die drei ehemaligen MZ-Werksfahrer und der einstige Simson-Pilot müssen wieder ran - in den Bergamasker Alpen in Italien, dort, wo sie zu ihrer aktiven Zeit so manche Schlacht geschlagen haben.

Das Quartett erhielt eine Einladung zur "Trophy des Nations - Onore al Capitano". Mehr als 100 der weltbesten Motorradgeländefahrer aus den 1970er- und 1980er-Jahren nehmen mit historischen Maschinen an dem exklusiven Wettbewerb teil. Die Starterliste liest sich wie das "Who is Who" des Offroad-Sports: Stèphan Peterhansel, Fabio Farioli, Hubert Auriol ... Und mittendrin Sturm, Weber, Cyffka und Thalmann als "Team DDR".


"Der Veranstalter wollte uns unbedingt dabei haben und hätte sogar den Flug bezahlt", sagt Harald Sturm. Der 62-jährige Zschopauer hat schon an einigen Classic-Enduros teilgenommen, "aber das hier ist eine ganz große Nummer". Für die Geländefahrt sei extra ein Skigebiet mit allen Hotels drumherum gemietet worden, so der Weltmeister von 1987 und vierfache Europameister.

"Das Starterfeld ist eine Wucht", freut sich auch Andreas Cyffka auf das Wiedersehen mit den Konkurrenten von einst. Etwa auf Stèphan Peterhansel aus Frankreich. Mit dem zweifachen Enduro-Weltmeister und 13-maligen Sieger der Rallye Paris-Dakar fuhr der 55-jährige Gelenauer 1988 in der WM in einer Startgruppe. Gespannt ist der zweimalige Junioren-Weltmeister auch auf die Tschechen: "Zu denen hatten wir immer ein gutes Verhältnis."

Bei Uwe Weber hat die Vorstartspannung ebenfalls schon eingesetzt. "Hut ab vor der Leistung der Organisatoren", staunt der 55-Jährige über die Latte klangvoller Namen im Teilnehmerfeld. Der Trophy-Sieger von 1987 weiß selbst, wie schwer es ist, die Leute zusammenzutrommeln. Weber hatte 2004 internationale Spitzen-Enduro-Oldies aus Europa zum "Race of Ex-Champions" nach Zschopau geholt.

So groß die Freude der Erzgebirger auf Italien auch ist, nach dem aktuellen Fitnesszustand befragt, winkt das Trio nur ab. Berufsbedingt sei keine Zeit zum Trainieren gewesen. "Ich saß das letzte Mal vor einem Jahr auf dem Motorrad", sagt Motorradhändler Sturm, der wegen Fußproblemen zuletzt sogar beim wöchentlichen Volkssport-Volleyball in Hohndorf fehlte.

Er befinde sich in Frühjahrsform, meint Weber schmunzelnd. Trainiert habe er nicht, aber die Arbeit halte ihn fit. Dass es noch ganz gut geht, habe er jedoch vor vier Wochen gemerkt, als er auf eine Motocross-Strecke ein paar Runden drehte. Cyffka muss dagegen fast gänzlich aus der Kalten ran. "Die zwei, drei Probefahrten mit dem Motorrad möchte ich nicht als Training bezeichnen. Ich bin mir aber sicher, dass wenigstens das Motorrad funktioniert", sagt der Gelenauer, der wie Weber eine Gerüstbaufirma besitzt.

Bei ihren Maschinen überlassen die ehemaligen Werksfahrer, die Anfang und Mitte der 1990er-Jahre ihre Karriere beendet hatten, nichts dem Zufall. Sturm schiebt seine bewährte MZ 250, Baujahr 1984, an den Start. Cyffka setzt wie früher auf eine 370er: "Die muss ich heil zurückbringen, denn das Motorrad stellt mir ein guter Freund zur Verfügung." Noch nicht ganz fertig ist Webers MZ 350. An der restaurierten Maschine aus dem Baujahr 1979 müsse noch einiges eingestellt werden. "Wie früher in der Sportabteilung wird bis zur letzten Sekunde geschraubt. Aber dann fährt's", gibt sich der Zschopauer locker. Überhaupt reisen die Haudegen von einst nicht mit dem Messer zwischen den Zähnen über den Brenner. Cyffka: "Wir sind längst nicht mehr so wild wie früher. Es soll Spaß machen."

Jens Thalmann sieht das auch so. Ganz ohne Ehrgeiz tritt der ehemalige Simson-Pilot, der 1987 wie Sturm und Weber zur siegreichen Trophy gehörte, beim Kräftemessen in Montecampione allerdings nicht an. "Die Teams Westdeutschland I und II sollten wir schon hinter uns lassen", sagt der 54-Jährige. Jedoch geht auch der Chef einer Kraftfahrzeugwerkstatt in Harzgerode nur mit einer geliehenen Simson 125 an den Start.

Dass die Klamotten von früher nicht mehr passen, darüber müssen sich die Enduro-Helden keine Gedanken machen. Stiefel, Hosen und sogar die Helme, jeweils mit dem Logo der "Trophy des Nations - Onore al Capitano" versehen, werden vom Veranstalter gestellt. "Auf unsere blauen Trophy-Jacken werden wir aber nicht verzichten", stellt Harald Sturm klar. Die Anreise erfolgt jedoch nicht mit dem Barkas der Sportabteilung. Soweit werden die Uhren dann doch nicht zurückgedreht. Die Erzgebirger nehmen die 900 Kilometer bis nach Norditalien mit drei Kleinbussen in Angriff.

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