Erzgebirge: Darum springt ein 88-Jähriger vom 5-Meter-Turm

Der 88-Jährige ist nicht nur vielen Menschen als Mann auf der Kanzel bekannt. Auch an anderer Stelle zieht es ihn nach oben - bei einem Hobby, das bemerkenswert ist für einen Mensch seines Alters. Was steckt dahinter?

Ehrenfriedersdorf/Forchheim.

Das Ehrenfriedersdorfer Schwimmbad ist menschenleer an diesem Spätsommervormittag - bis auf die beiden Bademeister und einen nicht alltäglichen Badegast nebst Begleitung. Und dieser Badegast ist nicht zum Sonnenbaden gekommen. Bedächtigen, aber sicheren Schrittes erklimmt er den Fünf-Meter-Turm. Dann stellt sich Joachim Wagner, 88, bereit. Er streckt die Arme nach vorne und springt mit bemerkenswerter Haltung kopfüber ins Wasser. Es spritzt dezent. Bademeister Hansi Trommer - er ist ein Vierteljahrhundert jünger als der Springer, der eben wieder auftaucht - nickt anerkennend. "Jeder Badegast muss das selber für sich entscheiden, aber über 70 sollte man so etwas normalerweise nicht mehr machen", sagt Trommer. "Er ist allerdings ein guter Springer. Man sieht, dass er es sein Leben lang gemacht hat. Und die Motorik stimmt."

Doch was ist das für ein Mensch, der mit 88 Jahren noch eine Höhe meistert, die manchem Jugendlichen Angst macht? Wenn man wissen möchte, was Joachim Wagner antreibt, muss man ins Jahr 1944 zurückgehen. Ins Schlettauer Bad, in dem er mit seinem besten Freund Manfred schwimmen war. "Da sahen wir, wie eine Klassenkameradin aus meiner Annaberger Gymnasialklasse - ein feines, hübsches Mädchen, das wir beide sehr verehrten - , den Fünf-Meter-Turm bestieg und einen tadellosen Kopfsprung vollführte", erzählt Wagner. Das beeindruckte die Burschen mächtig. Sie wollten dem Mädchen nacheifern und übten erfolgreich. Doch eines trauten sich die Halbwüchsigen trotzdem nicht: Das Mädchen, das sie inspirierte, anzusprechen.


Damit könnte die Geschichte zu Ende sein, eine nette Erzählung von zwei verliebten Jungs, die ein Mädchen beeindrucken möchten. Doch so einfach ist das nicht. Joachim Wagner sprang fast fünf Jahrzehnte nicht mehr. Der Cranzahler, der später Pfarrer in Oberpfannenstiel, Forchheim und Königswalde werden sollte, hatte anderes im Kopf. Sein Theologiestudium und Dienst nahmen ihn in Anspruch. Sein bester Freund Manfred jedoch, den es nach Nordrhein-Westfalen verschlagen hatte, machte weiter. Eines Tages kletterte er auf einen gesperrten Turm und sprang in ein Becken mit zu wenig Wasser. Er brach sich das Rückgrat. Zwei Tage später starb Manfred mit 20 Jahren. "Durch Cranzahl ging eine Welle der Bestürzung und Trauer", erinnert sich Joachim Wagner. "Viele hatten ihn gern."

Wagners Leben musste weitergehen und es ging weiter. Er heiratete, seine Frau Ingeborg schenkte ihm fünf Kinder. Er wurde Pfarrer, scheute in der DDR keinen Konflikt mit dem Staat, wenn er seine Grundsätze bedroht sah. "Wenn man so etwas durch hat", sagt Wagner, "bereitet einem ein Fünf-Meter-Sprung keine Angst." Doch es ließ ihn nie ganz los. Eines Tages, 1991 bei einem Besuch der ältesten Tochter in Bad Pyrmont, entdeckte er zufällig einen Fünf-Meter-Sprungturm. Und da war er wieder, der Drang zu springen. Joachim Wagner gab ihm nach. Dann folgte wieder eine 25-jährige Pause. "Voriges Jahr dann im Ehrenfriedersdorfer Bad die Überlegung: Ob ich es noch einmal wage? Ich tat es. Es gelang. Sechs Fünf-Meter-Kopfsprünge. Ich war glücklich", erzählt der Pfarrer im Ruhestand. Dieses Jahr knüpfte er daran an. "Wir sind stolz als Kinder, dass wir noch einen so mobilen Vater haben. Das freut uns", sagt seine Tochter Christiane Zapf.

Doch wie hält sich ein 88-Jähriger so fit? Er sei nicht unverwüstlich, räumt Joachim Wagner ein, er müsse sich durchaus tagsüber hinlegen. Aber Sport treibt er regelmäßig, joggt auf dem Sportplatz. "Es geht nicht um viele Kilometer, sondern darum, in Bewegung zu bleiben." Der Cranzahler sauniert, jätet im Garten Unkraut, im Winter schippt er auf Dutzenden Metern Schnee. Ums Essen mache er indes keine große Sache, sagt seine Tochter: "Geistige und geistliche Inhalte haben für ihn immer Priorität gehabt gegenüber dem, was auf dem Teller liegt." So liest er gern - Freibadlektüre: Goethes Faust I, Ausgabe 1944 -, und in der Sauna rezitiert er den Dichterfürsten und Lateinvokabeln. "Es ist nicht gut, dösend herumzusitzen", erklärt Joachim Wagner.

Den größten Anteil daran, dass er wenige Wochen vor seinem 89. Geburtstag noch so viel tun und noch zu seiner Freude auf der Kanzel stehen könne, sieht Joachim Wagner als "unverdientes Gottesgeschenk". "Deshalb ist es morgens das Erste, dass ich unserem himmlischen Vater den gebührenden Dank darbringe. Das ist ein guter Start in jeden neuen Tag", so der Pfarrer, der noch immer gelegentlich Kollegen vertritt und im Königswalder Chor aktiv ist. Und aktiv will Joachim Wagner bleiben. Nicht nur geistig, ebenso körperlich. Solange die Gesundheit mitmacht, folgt der nächste kühne Kopfsprung vom Fünf-Meter-Turm bestimmt.

Das Ehrenfriedersdorfer Freibad hat regulär bis Sonntag täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Bei schönem Wetter verlängern die drei Bademeister die Saison.

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