"Fundstücke" aus der Partnerstadt

Neben der Pyramide ist in Wolkenstein auch eine neue Ausstellung "angeschoben" worden. Gezeigt werden Werke von vier Künstlern aus Bad Bentheim, die alle ihren ganz eigenen Stil haben.

Wolkenstein.

In der Adventszeit ist es durchaus üblich, dass sich Vertreter aus Wolkenstein und der Partnerstadt Bad Bentheim gegenseitig besuchen. Nicht umsonst dreht sich in dem Kurort an der niederländischen Grenze seit 2009 im Dezember stets eine Pyramide aus Wolkenstein. Schon öfter kamen auch die Niedersachsen im Erzgebirge vorbei, um den Weihnachtsmarkt mit ihrem Stand zu bereichern - so wie vergangenen Freitag. "Knobeln ist dort eine Tradition", sagt Uta Liebing. Neben ihren Würfeln hatten die Besucher aus der Partnerstadt diesmal aber noch einige Sachen mehr im Gepäck, über die sich die Museumsleiterin des Schlosses Wolkenstein besonders freute.

Gemeint sind die 87 Werke von vier Künstlern, die seit dem Wochenende im Schloss zu sehen sind. "Initiator war Reinhard Jansen. Er ist einer der vier Maler und hat einen Brief an uns geschrieben", berichtet Uta Liebing. Mit seiner Ausstellung, die in ähnlicher Form 2017 in Bad Bentheim gezeigt worden war, wollte das Quartett die Städtepartnerschaft in kultureller Hinsicht bereichern. "Für uns war schnell klar, dass wir diese Aktion gern mit dem Weihnachtsmarkt verbinden würden. Zu diesem Zeitpunkt haben wir schon oft Sonderausstellungen eröffnet", sagt Uta Liebing. "Fundstücke" lautet der Titel der Präsentation, die auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas mit Weihnachten zu tun hat. Allerdings erweist sich ein Rundgang durch die Ausstellungsräume sehr wohl als Zeit der Besinnung und des Innehaltens, denn die Werke sind sehr vielfältig - ebenso wie die Geschichten der Künstler.


Von Botanik fasziniert

Marlene in der Stroth hat lange Zeit nicht geahnt, welch künstlerische Ader in ihr steckt. Als Sekretärin arbeitete sie mehr als 30 Jahre am Institut für Botanik in Münster. Malen kam ihr dabei eher selten in den Sinn. Erst eine Freundin habe sie mit dem "Radier-Virus" infiziert. Mit dem Eintritt in den Ruhestand intensivierte sie ihre neue Leidenschaft. Autodidaktisch hat sich die ursprünglich aus Oberbayern stammende Künstlerin viel beigebracht. Galt ihre Vorliebe zuvor noch Aquarellen, so hat sich Marlene in der Stroth seit sechs Jahren auf das detailgetreue Zeichnen mit Buntstiften spezialisiert. Ihr früheres berufliches Umfeld findet sich in ihren Arbeiten wieder. "Pflanzen und Tiere sind immer etwas sehr Schönes", sagt die Bad Bentheimerin über ihre bevorzugten Motive. Um dies in Bilder zu übertragen, ist einerseits viel Liebe zum Detail nötig. Anderseits spielt auch die Geduld eine wichtige Rolle. "Für einige Werke brauche ich fast drei Wochen", berichtet Marlene in der Stroth. Das Zeichnen empfindet sie dabei mitunter fast schon als meditativ. (anr)


Kunst in der Box

Reinhard Jansen musste bei der Eröffnung der Ausstellung zwar passen. Bei Glatteis war er am Vormittag unglücklich gestürzt und musste daher das Bett hüten, doch die Arbeiten des 72-Jährigen sprechen ohnehin für sich. In dreidimensionalen Werken, bestehend aus Hintergrundmotiven und davor angebrachten Figuren, schafft der Künstler einen Bezug zwischen Realität und Fantasie. "Oft kommen ihm die Ideen erst beim Basteln", verrät seine Frau Renate, die ihren Mann bei der Eröffnung vertrat. Nachdem dieser früher im herkömmlichen Stil malte, gilt seine ganze Leidenschaft nun den im wahrsten Sinne des Wortes tiefer gehenden Objekten, auch "Kunst in der Box" genannt. Bei den Figuren handelt es sich oftmals um Sachen, die Reinhard Jansen daheim bei sich zuhause findet. Wie zum Beispiel Spielfiguren seiner Kinder, die jahrzehntelang in alten Schränken ruhten. Sie verleihen der Ausstellung "Fundstücke" ihren Namen und stellen außerdem einen Bezug zu Wolkenstein her, indem sie vor Fotos der Bad Bentheimer Partnerstadt installiert wurden. (anr)


Brasilianisch angehaucht

Stefi Mann-Nichiteanu überraschte das Publikum in Wolkenstein, indem sie bei ihrer Vorstellung kurz zu einer temperamentvollen Sängerin brasilianischer Lieder wurde. "Dort bin ich aufgewachsen und habe eine Klosterschule besucht", sagt die Künstlerin, die nicht wie eine Südamerikanerin aussieht. Kein Wunder, schließlich wurde sie 1945 in Pommern geboren. Dann ging sie mit ihren Eltern nach Brasilien, ehe 1966 Deutschland für sie zur Heimat wurde. Dabei wäre das Wechselspiel fast weitergegangen. "Als ich eigentlich wieder nach Brasilien wollte, habe ich meinen Mann getroffen", berichtet Stefi Mann-Nichiteanu, die sich wie schon zu Schulzeiten in Rio de Janeiro wieder auf Kunst konzentrierte. So leitet sie seit fast 20 Jahren im Haus Westerhoff in Bad Bentheim ein offenes Atelier mit Radierwerkstatt. Dabei wird deutlich: Ebenso abwechslungsreich, wie ihr Leben war, ist auch die Kunst von Stefi Mann-Nichiteanu. So entstehen zum Beispiel Radierungen auf Tetrapack. Dabei werden die Innenseiten der Packungen geritzt, gefärbt und dann auf Aquarellpapier gedruckt. (anr)


Vom Foto zum Unikat

Gille W. Kuhr hat einst als Lehrer gearbeitet und dabei an der Realschule Bad Bentheim auch Kunst unterrichtet. Schon damals ging sein Engagement weit über den Unterricht hinaus, denn der Niedersachse rief bereits in den 1970er-Jahren einen Künstlerkreis ins Leben, der später sogar zu einem Verein wurde. Kuhr selbst konzentrierte sich zunächst auf Kreide- und Filzstiftzeichnungen. Kleine Blätter waren ihm aber schon bald nicht mehr genug. Unter anderem entwickelte er Plakate oder animierte Schüler zur künstlerischen Gestaltung von Wartehäuschen und Schulwänden. Mit dem Beginn des Ruhestands griff Gille W. Kuhr wieder vermehrt zu Ölfarben, mit denen er nun oft auch Digitaldrucke und Fotografien übermalt. "Dadurch wird jedes Bild zu einem Unikat. Es entsteht eine Art Collage", erklärt der 73-Jährige, der mehrere Werke speziell für die Ausstellung in Wolkenstein anfertigte. Diese enthalten "Fundstücke", die mit der Partnerstadt im mittleren Erzgebirge zu tun haben. "Das, was mich bewegt, versuche ich auf diese Weise zu lösen", erklärt der Künstler. (anr)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...