Jugendliche im Erzgebirge fahren auf Führerschein mit 15 und 17 ab

Das Modellprojekt schreibt in der Region eine Erfolgsgeschichte. Weniger positiv ist die Entwicklung der Durchfallquote. Das hat verschiedene Gründe.

Marienberg.

Er kann es kaum erwarten. In wenigen Wochen will Erik Niepel seinen Moped-Führerschein in den Händen halten. Rund 1200 Euro kostet das seine Eltern. Gut investiert, wie der 15-Jährige aus Annaberg-Buchholz findet: "Ich freue mich riesig. Es ist wichtig, mobil zu sein." Denn anders als in Großstädten ist das Interesse der Jugendlichen im Erzgebirge an einem Führerschein ungebrochen, sagt Fahrlehrer Holger Willnecker. Bus und Bahn machen in der Stadt mobil. In der ländlichen Region ist das anders. Auch deshalb schreibt ein Modellprojekt im Erzgebirge eine Erfolgsgeschichte.

So wie Eric Niepel fahren viele Jugendliche auf den Führerschein mit 15 ab, erklärt Willnecker, der als Kreisverantwortlicher für den sächsischen Fahrlehrerverband tätig ist. Seit 2013 läuft der ostdeutsche Modellversuch für Zweiräder mit maximal 45 Kilometern pro Stunde. Seither haben in Sachsen bislang mehr als 16.000 Jugendliche mit 15 den Mopedschein erworben. In den alten Bundesländern ist das hingegen erst mit 16 möglich. Im Kreis wurden 2015 vom Landratsamt 308 Fahrerlaubnisse an 15-Jährige erteilt. 2016 waren es 390, im vergangenen Jahr bereits 431, teilt Sprecherin Katja Peter mit.

Ursprünglich sollte der Versuch am 30. April dieses Jahres enden. Doch das Bundesverkehrsministerium beschloss eine Verlängerung um zwei Jahre. Eine Entscheidung, die auch Peter Losleben aus Aue begrüßt. Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbands weist zudem Kritik an mangelnder Verkehrsreife von 15-Jährigen zurück: "In der Ausbildung erweisen sie sich als wissbegierig, lernwillig und fleißig. Ihr Verkehrsverhalten ist nach der Ausbildung nicht gefährlicher als das anderer Verkehrsteilnehmer." Von 2013 bis 2016 wurden in Sachsen 57 Schwerverletzte nach Unfällen registriert, in denen 15-jährige Mopedfahrer verwickelt waren. Berechtigt sei hingegen die Kritik, dass die Jugendlichen oftmals keine Schutzkleidung tragen, ergänzt Losleben. Trotzdem bezeichnet auch Udo Sättler das Projekt als Erfolg im Erzgebirge. "Der Führerschein mit 15 klärt die Mobilitätsprobleme der Jugendlichen", fasst der Fahrlehrer aus Zschopau zusammen. Daraus resultiere auch eine geringe Durchfallquote bei den Prüfungen. Das sieht führerscheinklassen-übergreifend jedoch völlig anders aus.

Zwar führt das Kraftfahrtbundesamt keine Zahlen zu den Landkreisen, erklärt Sprecherin Diana-Christin Thomsen. Doch sachsenweit gilt: Fahrschüler fallen häufiger durch als im Vorjahr. 2017 wurden 32,8 Prozent aller praktischen Prüfungen nicht bestanden. 2016 waren es 32,1 Prozent. Bei der Theorieprüfung betrug die Durchfallquote 44,1 Prozent (2016: 43,1). Peter Losleben genießt die Zahlen mit Vorsicht, zumal nicht ersichtlich ist, bei wie viel Prozent es sich um Erstprüfungen handelt. Wer durch die Führerscheinprüfung fällt, kann sie grundsätzlich beliebig oft wiederholen. Zudem könne der Auer für seine Fahrschule den Anstieg nicht bestätigen. Allerdings stellt er fest, dass es jungen Menschen oft an Kontinuität und Ausdauer beim Lernen fehle. Durchschnittlich würden Fahrschüler pro Tag nicht mehr als zwei Minuten für die Theorie üben - zu wenig. Schüler wirkten heute ausgelaugter als früher, seien am späten Nachmittag nach der Schule nicht mehr so aufnahmefähig, ergänzt Harry Bittner, der beim Verkehrsinstitut in Altenburg für die Ausbildung der Fahrlehrer zuständig ist.

Neben einem erhöhten Verkehrsaufkommen und einer schwierigeren Theorieprüfung nennt Holger Willnecker eine weitere Ursache: Immer häufiger werden ausländische Führerscheine umgeschrieben. "Die Antragsteller müssen nur die Prüfungen absolvieren, aber keine Fahrstunden. Dadurch gehen sie unvorbereitet in die Tests", sagt der 66-Jährige. Obendrein seien die Anforderungen in Deutschland deutlich höher als in vielen anderen Ländern. Dabei werden für die Theorie nicht viele Deutschkenntnisse benötigt. Übungs- und Prüfungsbögen gibt es mittlerweile in zwölf Sprachen.

Willnecker aber schickt seine Schüler erst zum Theorietest, wenn sie bereit dafür sind. Am Computer kann der Fahrlehrer verfolgen, wie viele Übungen absolviert und auch bestanden wurden. Das handhaben heute viele Fahrschulen so. Bei der Praxis ist das schwieriger, betont Diane Lorenz vom Verkehrsbildungszentrum Erzgebirge: "Wenn wir Prüfungstermine bei der Dekra absagen, müssen wir die Kosten übernehmen."

Erik Niepel wird seinen auf keinen Fall sausen lassen. Er will es schnellstmöglich seinem Zwillingsbruder Sören gleichtun. Der darf bereits Moped fahren, hat die Prüfung auf Anhieb bestanden.


Fahrprüfung wird vor 125 Jahren in Paris eingeführt -Begleitendes Autofahren mit 17 kommt im Erzgebirge gut an

Der Führerschein feiert Jubiläum. Vor 125 Jahren, am 14. August 1893, wurde in Paris die erste Fahrprüfung der Welt abgelegt. Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzung gab es bis dahin nicht. Aufgrund des gestiegenen Verkehrsaufkommens kam es allerdings immer öfter zu Unfällen. Deshalb hielt die Regierung eine Prüfung für notwendig. In Preußen folgte eine ähnliche Regelung 1903.

Im März 2006 wurde in Sachsen das "Begleitete Fahren ab 17" eingeführt. Seitdem können 17-Jährige den Autoführerschein erwerben. Bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres dürfen sie aber nur mit einer registrierten Begleitperson fahren. Im Erzgebirge kommt das Angebot gut an, sagt Fahrlehrer Holger Willnecker. "Obendrein können Jugendliche ein weiteres Jahr Verkehrserfahrung sammeln - vorausgesetzt, die Eltern nehmen sich als Begleitperson auch Zeit." Diane Lorenz vom Verkehrsbildungszentrum Erzgebirge bestätigt den Trend. Gerade Abiturienten, die mit 18 schon am Gymnasium im Prüfungsstress sind, machen den Führerschein der Klasse B daher schon mit 17. Im vergangenen Jahr waren das 1566 junge Menschen im Erzgebirgskreis. 2016 und 2015 waren es ähnlich viele.

Die Fahrschulen im Kreis sind gut ausgelastet. Noch kann die Nachfrage abgedeckt werden. Doch viele Fahrlehrer seien deutlich älter als 50 Jahre, manche arbeiten noch im Rentenalter, sagt Willnecker. Harry Bittner kennt das bundesweite Nachwuchsproblem. Ein Grund: schlechte, familienunfreundliche Arbeitszeiten, betont der Fahrlehrerausbilder vom Verkehrsinstitut Altenburg. (rickh/fp)

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