Marienberger rettet das Lebenswerk des "Pilz-Professors"

Roland Münzner hat sein Leben den Pilzen gewidmet. Die Suche nach einem Nachfolger mit der gleichen Leidenschaft gestaltete sich für den Unternehmer aus Reitzenhain jedoch lange aussichtslos. Nun aber ist dem bitteren Aus ein Neuanfang gefolgt.

Reitzenhain.

Für ihn sind Pilze mehr als nur eine Delikatesse. Schwamme sind sein Leben, sie haben ihm sogar vor dem Tod bewahrt, wie Roland Münzner selbst betont. Er kennt sich mit Pilzen aus wie kein Zweiter. Bereits in den 1980er-Jahren machte der Reitzenhainer Unternehmer sein Hobby zum Beruf, verkaufte seither verschiedene Züchtungen in seinem gleichnamigen Betrieb. Und das tonnenweise - jede Woche. Damit ist es nun vorbei, was die Gerüchteküche in der Region zum Brodeln brachte. Doch das bittere Aus bedeutet zugleich einen Neuanfang.

Münzners Leidenschaft wurde bereits im Kindesalter entfacht. Sein Großvater, ein Leipziger Professor, gab ihm viel Wissenswertes über die Lebewesen weiter und weckte die Neugier. Als 1988 schließlich der Betonbetrieb des Reitzenhainers enteignet werden sollte, stellte er seine Firma auf Champignonzucht um. So gefragt diese Pilzart zu DDR-Zeiten war, so schwierig verkauften sich die Pilze nach der politischen Wende, sagt Münzner. Er baute sich daher ein zweites Standbein auf, gründete 1996 die Hefeknödelfabrik unweit des Firmensitzes. Zehn Jahre später übernahm er auch die Hefeklößeproduktion in Frankfurt/Oder. Zu Hochzeiten beschäftigte Münzner 220 Mitarbeiter, erwirtschaftete einen Jahresumsatz zwischen 13 und 14 Millionen Euro.


Sein Aushängeschild aber blieb immer die Pilzzucht. Um sein Wissen zu erweitern, bereiste er Länder wie China und Mexiko, züchtete fortan auch Edel- und Heilpilze - wie etwa den Reishi. "Chinesen bezeichnen ihn nicht umsonst als 'Pilz der Unsterblichkeit'", sagt Münzner. Nicht nur seine Kunden schwören auf die heilende Wirkung. "Ich war schwer krank, die Ärzte hatten mich abgeschrieben. Mir hat der Reishi das Leben gerettet", behauptet der 65-Jährige. Bei einem Problem konnten ihm aber auch die Heilpilze nicht helfen. Münzner geht bald in Rente. Die scheinbar aussichtslose Suche nach einem Nachfolger ließ ihn lange verzweifeln und auch unliebsame Entscheidungen treffen.

"Die Pilzzucht ist ein hartes Geschäft, verbunden mit langen Arbeitstagen - auch an den Wochenenden. Zudem ist die Massenproduktion von Champignons immer unrentabler geworden. Bei einem Lohnkostenanteil in der Pilzzucht von 85 Prozent ist es schwer, gegen die Billigkonkurrenz aus Polen mitzuhalten", erklärt Münzner. Auch deshalb habe sein Sohn Markus die Entscheidung getroffen, die Firma nicht zu übernehmen.

Das ließ Raum für Spekulationen. Gerüchte wurden laut, die Firma sei pleite. Quatsch, widerspricht Münzner. Einen Nachfolger fand er aber tatsächlich nicht. Im April 2018 folgte die Auflösung des Unternehmens. Die Hefeknödel- und Hefeklößefabrik wurden an die Feinschmecker Hefekloß GmbH verkauft, die Mitarbeiter übernommen, die Produktion fortgesetzt. Die Pilzzucht hingegen musste im Oktober eingestellt werden. "Dass ich keinen Nachfolger fand, war wie ein Schock. Ich habe eine Weile gebraucht, das zu verdauen", sagt Münzner. Zumindest sei es gelungen, die rund 100 Angestellten in anderen Betrieben unterzubringen. Nur einer entschied sich letztlich, doch das Erbe des "Pilz-Professors" anzutreten: Roberto Kaden.

"Ich bin vom Produkt so überzeugt, dass ich Rolands Lebenswerk fortsetze", sagt der 43-Jährige, der zwölf Jahre lang von Münzner gelernt hat. Seit Januar werden in Reitzenhain wieder Pilze gezüchtet. Allerdings mit anderer Unternehmensphilosophie und nur noch vier Mitarbeitern. "Mit der Massenproduktion von Champignons ist Schluss. Wir spezialisieren uns auf Edel- und Heilpilze. Die gibt es sonst nirgends aus deutscher Produktion", erklärt der Marienberger. Der neue Geschäftsführer hat aktuell zwölf Arten mit heilender Wirkung in der Zucht, bis zu 20 sind möglich. Zu den Abnehmern gehören Apotheken, Heilpraktiker und Ärzte. "Pilze sind seit Jahrtausenden als Heilmittel bekannt. Das berühmteste: Penicillin", erklärt Münzner, der dem neuen Chef noch beratend zur Seite steht.

Vor Ort beraten lassen können sich auch Kunden. Die beliebten Körbe mit Mischpilzen sind ebenso weiter im Hofladen erhältlich. Zudem kooperiert Kaden mit der Uni Dresden, wo die Pilzzucht optimiert und an Substraten geforscht wird. "Mein Anspruch: hochwertige Produkte", so Kaden. Für Münzner wiederum steht fest: Er hat den Nachfolger gefunden, der sein Lebenswerk mit ähnlich viel Leidenschaft fortsetzen wird.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 3 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...