Neue Schnitzausstellung hält den kritischen Blicken stand

70 einzigartige Kunstwerke werden in der Gelenauer Sammlung Pohl-Ströher präsentiert. Die Macher der Schau betreten damit Neuland - und haben die Skeptiker längst überzeugt.

Gelenau.

Seit vielen Jahren befinden sich wertvolle Schnitzereien im Besitz der Gelenauer Sammlung Pohl-Ströher, die bislang dem Publikum vorenthalten wurden. Zur diesjährigen Weihnachtsschau geht das Depot damit jedoch in die Öffentlichkeit.

"Ausgewählte Schnitzarbeiten aus dem Erzgebirge" lautet der Name der Sonderausstellung im Eingangsbereich. Sie vereint in vier Vitrinen rund 70 hölzerne Kunstwerke. "Erst die intensive Suche nach Leihgebern hat die umfangreiche Sammlung möglich gemacht", erklärt Michael Schuster. Denn bei den Exponaten handelt es sich nicht um irgendein Sammelsurium erzgebirgischer Schnitzkunst. "Wir haben uns mit Werken der Schnitzerfamilie Constantin Bach und dessen Sohn Karl sowie mit Arbeiten des Annaberger Künstlers Paul Schneider für drei herausragende Schnitzkünstler des Erzgebirges entschieden", ergänzt der Depotleiter nicht ohne Stolz. Mehr als ein Jahr lang war Schuster auf der Suche nach dem künstlerischen Erbe der drei Schnitzer. Viele Recherchen unter namhaften Sammlern, Bekanntschaften sowie Kontakte - die während zurückliegender Ausstellungen geknüpft werden konnten - machten die Ergänzung der Depotbestände schließlich um 57 geschnitzte Leihgaben möglich.

"Das Ergebnis kann sich sehen lassen und zeigt einmalige Arbeiten der drei Künstler, die im ausgehenden 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich die Tradition erzgebirgischer Holzschnitzkunst beeinflusst und künstlerische Akzente gesetzt haben", fällt Dietmar Lang sein Urteil. Und der Annaberger muss es wissen. Als Verbandsvorsitzender der erzgebirgischen Schnitzer und Publizist zahlreicher Fachtexte zum Thema ist er Kenner der Szene.

Vor dem Besuch der Sonderschau sei der 68-Jährige bei dem hohen Anspruch der Gelenauer schon etwas skeptisch gewesen. An so eine Präsentation habe sich bislang keine Ausstellung gewagt. Auch die Integration der wertvollen Stücke in die umfangreiche und vielschichtige Weihnachtsschau sei durchaus riskant gewesen. "Meine Zweifel waren unbegründet", weiß der Experte jetzt und lässt seinen Blick über die Holzarbeiten wandern. Er kennt viele Stücke und zeigt auf den berühmten "Bergmann mit Lampe". In einer Größe von 80 Zentimetern hat Paul Schneider 1922 die Traditionsfigur aus Lindenholz entstehen lassen. Es handelt sich wie auch seine "Drei Steiger" um eine wertvolle Leihgabe. Die Figuren haben sonst ihren angestammten Platz im Erzgebirgsmuseum Annaberg-Buchholz und gehörten damals wie alle anderen Exponate auch zu noch bestehenden Berufs- und Personengruppen, die im Erzgebirge der zunehmenden Industrialisierung weichen mussten. "Nachtwächter, Waldmann oder den 'Rußbuttenmaa', der Köhlerrückstände zu Schuhcreme verarbeitete, waren damals schon aussterbende Gewerbe, denen die Schnitzer mit geschickten Händen ein letztes Denkmal setzten", konstatiert Dietmar Lang. Entsprechend filigran und naturgetreu wurden ihre Charaktere mit scharfen Messern dem Holz entnommen. Er zeigt auf eine geschnitzte Lampe, unter der ein Nachtwächter sein Licht in den finsteren Himmel hält. Der Elterleiner Künstler Karl Bach hatte das Thema 1947 noch einmal den Motiven seines Vaters Constantin entliehen. Nur wenige Exponate entfernt ist der väterliche Meister selbst beim Schnitzen zu beobachten. "Das Selbstbildnis von Constantin Bach stammt aus der Zeit um 1925 und gehört zu den Raritäten der Ausstellung", schwärmt der Verbandschef. Im Besitz von Gerlinde Bach hat die Figur das Haus der Enkeltochter in Elterlein bislang für keine Ausstellung verlassen.

Nur wenige Figuren besitzen eine bunt bemalte Oberfläche. Naturbelassen oder mit Wasserbeize mattiert hat ihr Rohstoff Holz mit den Jahren ein metallisches Aussehen angenommen - eine Hommage an das alles bestimmende Erz aus den Tiefen unseres Gebirges, resümiert Lang und empfiehlt auch deshalb allen ambitionierten Schnitzern einen Besuch der Ausstellung. "In manchen Darstellungen hat sich das Traditionshandwerk unserer Tage etwas festgefahren. Da können wir vom Detailnaturalismus der alten Meister viel lernen."

Service Das Depot Pohl-Ströher hat freitags, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Heiligabend bleibt es geschlossen. Vom 25. bis 30. Dezember lädt die Ausstellung täglich von 10 bis 18 Uhr ein. Am 26. Dezember gibt es ein Gastspiel des Marionettentheaters Dresden mit dem Stück "Weihnachtsüberraschung bei Familie Zipfelchen". Es beginnt 11 und 15 Uhr.


Drei bedeutende Schnitzer zeichnen sich durch Detailgenauigkeit und Perfektion aus

Constantin Maximilian Bach (1859 bis 1934) wurde als Sohn eines Posamentenverlegers und Gastwirtes in Cranzahl geboren. Um 1880 zog die Familie nach Elterlein um. Sein Vater erkannte früh das Schnitztalent des Jungen und schickte ihn nach der Schulzeit in die Sargfußfabrik von Ferdinand Grundert in Cranzahl. Beharrlichkeit und Fleiß bescherten ihm nach entbehrungsreichen Jahren den künstlerischen Aufstieg, und seine Arbeiten ließen schon bald eine deutliche Bach'sche Handschrift erkennen. Der Detailnaturalismus bei der Darstellung seiner Volkstypen und Tierskulpturen war für ihn stets erstrebenswertes Ziel und Ausdruck hoher Meisterschaft.

Karl Bach (1902 bis 1952) übernahm als "Berufsschnitzer" die väterliche Werkstatt in Elterlein und führte die Familientradition auch im Genre weiter. Hinzu kamen dem Zeitgeist seiner Kundschaft entsprechend neue Figuren wie der pflügende Bauer, Pferdegespanne mit Langholz, Wandleuchter oder diverse Tierfiguren. Unvermeidbar durfte auch der röhrende Hirsch nicht fehlen. Mit Auftragswerken für NS-Größen im Dritten Reich machte Karl Bach im Nazi-Deutschland Schlagzeilen. Im Erzgebirgischen Sonntagsblatt aus dem Jahr 1934 wird ein geschnitzter SA-Mann erwähnt, der von Chemnitzer Volksgenossen anlässlich einer Italienfahrt Mussolini überreicht wird.

Paul Schneider (1892 bis 1975) aus Annaberg gehört zu den wenigen virtuosen Könnern, deren handwerkliche Perfektion heute noch für viele Schnitzer maßstabgebend ist. Als Sohn eines Schlossermeisters erlernte er das Bäckerhandwerk, wandte sich allerdings frühzeitig dem Schnitzen zu. Schneider war Gründungsmitglied des 1914 gegründeten Schnitz-Vereins Frohnau und später als Schnitzlehrer in Annaberg tätig. Paul Schneider schuf eine Vielzahl erzgebirgstypischer Figuren und widmete sich in seinem fortschreitenden Künstlerwirken auch Motiven mit größeren Gestaltungsvarianten wie Krippen, Leuchter, Pyramiden und Bergparaden. (mdeg)

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