Veranstaltungsreihe "Unentdeckte Orte": Schloss Pfaffroda - Wo die Weiße Frau spukt

Das Schloss Pfaffroda durchlebt erneut wechselvolle Zeiten. Eine millionenschwere Sanierung ist geplant. In den historischen Mauern entsteht in den kommenden Jahren eine Forstakademie. Und für vieles andere mehr ist noch Platz in den rund 300 Zimmern. Am Sonntag steht es für Besucher offen.

Pfaffroda.

Angeblich spukt sie noch immer im Schloss umher. Zwischen den dicken Mauern treibt sie so manchen Besuchern einen wohligen Schauer über den Rücken: die Weiße Frau. Für Joachim Diener von Schönberg ist sie ganz real. Er findet, dass es vieles im Leben gibt, das sich nur schwer erklären lässt. Vielleicht gehört auch die Rückkehr der Familie in ihren angestammten Sitz dazu. Seitdem kehrt neues Leben ein. Aber auch die alten Geschichten finden wieder verstärkt Interesse.

"Über Generationen hinweg wurde für die Weiße Frau jeden Tag am Esstisch ein Platz freigehalten", erzählt Joachim Diener von Schönberg. Mehr noch: Es sei sogar für sie mit eingedeckt worden. Ob er sie selbst je gesehen hat? Joachim Diener von Schönberg lächelt. Sie trage ein weißes Kleid, daher der Name, sagt er. Es handelte sich um ein Mitglied des Adelsgeschlechts. Offenbar kam sie auf tragische Weise ums Leben. Genaues ist nicht bekannt.

Noch immer ist es für Joachim Diener von Schönberg und Alexander Diener von Schönberg ein Wunder, dass sie in den Räumen stehen können, die sie aus Kindertagen kennen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Familie enteignet worden und in den Westen geflohen. "Unsere Eltern erzählten oft von Pfaffroda",sagt Alexander Diener von Schönberg. "Uns ist das hier alles vertraut", findet auch sein Bruder. "Allein schon aus den Erzählungen." Ab und zu seien sie zu DDR-Zeiten in der Region gewesen, nach der Wende häufiger. Als die Sozialbetriebe Mittleres Erzgebirge ihr im Schloss untergebrachtes Seniorenheim schlossen und das 6000 Quadratmeter große Gebäude zum Kauf anboten, wussten beide sofort: Nun ist die Gelegenheit da.

Und so erlebt die Familie aufregende Zeiten. Über eine eigens gegründete Stiftung hat sie vor rund einem Jahr das Schloss erworben. 60.000 Euro wurden ausgegeben. Geradezu wenig im Vergleich zu den Sanierungskosten. Diese liegen im hohen siebenstelligen Bereich. Fördermittel sollen genutzt werden. "Ohne einen Zuschuss wäre das Vorhaben kaum umsetzbar", sagt Joachim Diener von Schönberg. Und Alexander Diener von Schönberg pflichtet ihm bei. Ihr Ziel: Eine Akademie für privaten Forst soll entstehen, mit zugehörigem Hotelbetrieb. Trauungen sollen angeboten werden. Auch Jugendweihen und andere Feste sind möglich.

Zwei Jahre lang sollen die Arbeiten dauern. Dabei wird der besondere Charme der alten Mauern erhalten. Gleichzeitig erfährt das Schloss eine umfangreiche Modernisierung. Klappt alles nach Plan, eröffnet 2021 die Forstschule. "Wir müssen das Schloss Pfaffroda wirtschaftlich betreiben", sagt Joachim Diener von Schönberg. Größere Ländereien, die Gewinn abwerfen, besitze die Familie schließlich nicht mehr.

Zwar hat die Sanierung noch nicht begonnen, doch im Gartensaal werden die Vorstellungen der Brüder für ihre Gäste schon sichtbar. Historische Möbelstücke stehen in dem Raum. Einige von ihnen hatte die Familie auf ihrer Flucht mitgenommen. Andere wurden in ihrer neuen bayerischen Heimat zusammengetragen - über Jahrzehnte hinweg. Die Familie habe immer die Hoffnung gehabt, einmal zurückzukehren, sagt Joachim Diener von Schönberg. So gibt es bereits Tische und Stühle. Es lassen sich Schränke und Teppiche finden. An den Wänden hängen alte Bilder. Sie zeigen Vorfahren der Brüder - gemalt in Öl. Nebenan gibt es weitere Bilder. Auftragsmaler aus Italien sowie Spanien fertigten sie einst an. Die Kleidung der Abgebildeten ist mit Ornamenten versehen. An einigen Stellen sind die Farben abgeplatzt. "Die Gemälde waren gerollt auf einem Dachboden versteckt", sagt Joachim Diener von Schönberg. So überstanden sie die vergangenen Jahrzehnte. Andere Schätze sind für immer verloren. Wie die Waffensammlung der Rüstkammer. Sie wurde vermutlich nach 1945 von der sowjetischen Besatzung nach St. Petersburg gebracht. Nun sind die Waffen offenbar in alle Welt verstreut.

Wer das Schloss besucht, sieht es so zum letzten Mal. Schon bald wird nicht mehr viel an das Altenheim erinnern. Hotelzimmer entstehen. Seminarräume sind geplant. Ein Restaurant wird eingerichtet. In einem weiteren Raum sollen Kochkurse angeboten werden. Platz gibt es genug. Denn das Schloss zählt rund 300 Zimmer. Teils haben sie Deckengewölbe. Wie das Geheimzimmer, das sich früher über die Bibliothek erreichen ließ. Der Eingang lag hinter einem der Regale. Zwar gibt es den Raum noch, doch die Bibliothek mit Geheimgang wich vor Jahren einem Treppenhaus. Der Renaissancesaal existiert ebenfalls nicht mehr. Doch die Brüder wollen ihn wieder herrichten lassen. Dafür werden Mauern versetzt. Eine Holzdecke wird eingezogen. Zudem steht eine Renaissance-Tür bereit. Sie stammt aus einem Kloster.

Eines soll sich hingegen nicht ändern. Wenn die Familie - auch Mutter Helene Margarete hat Privaträume im Schloss - zu Abend isst, dann wird für eine Person zusätzlich eingedeckt: für die Frau im weißen Kleid. So wie es Jahrhunderte im Schloss Pfaffroda der Brauch war.

Hinweis Mit dem Besuch auf Schloss Pfaffroda endet für dieses Jahr die Reihe "Unentdeckte Orte". Hier gibt es Infos zu allen Stationen: www.freiepresse.de/ueo2018


Von der königlichen Postkutsche bis zur Familiengruft

Schloss Pfaffroda: Was wird geboten? Wie viel kosten die Tickets? Wo kann geparkt werden?

Termin/Ort: Schloss Pfaffroda, Am Schloßberg 8, 09526 Olbernhau/ OT Pfaffroda, geöffnet am Sonntag, 12. August von 10 bis 18 Uhr.

Programm: Schlossbesitzer stehen Rede und Antwort, ehemaliges Altenpflegeheim, Familiengruft, königliche Postkutsche, Ausstellungen zur Schlossgeschichte und zur DDR, Trödelmarkt, Schlosspark, Gondelbetrieb auf dem Schlossteich, Tag der offenen Kirche nebenan.

Angebote: Erinnerungsfotos (mit Pressekarte kostenlos), Kinderbasteln, Lesezelt (analog/digital).

Eintritt: Tickets vor Ort, Erwachsene 5 Euro, Kinder bis 6 Jahre gratis, bis 12 Jahre 2,50 Euro, mit Pressekarte je 1 Euro Rabatt - auch für Gäste ohne Pressekarte nach Registrierung unter www.freiepresse.de/ueo2018.

Parken: Anfahrt baustellenbedingt über Bundesstraße 171, südlich von Pfaffroda. Parkplätze am Bierwiesenteich (ausgeschildert).

 


 

Chronologie

1209: Auf dem strategisch günstig gelegenen Hügel errichten Mönche des Zisterzienser-Ordens einen festen Hof. Ein Felsvorsprung wird genutzt.

1253: Heinrich der Erlauchte von Meißen ertauscht sich das Gebiet um Pfaffroda.

1352: Das Rittergeschlecht von Schönberg übernimmt das Anwesen. Es wird zu einer Burg ausgebaut.

1480: Caspar von Schönberg pilgert nach Rom. Dort bittet er den Papst Sixtus IV. um einen Ablassbrief für sich und die Gemeinde. Im Gegenzug baute er die Pfaffrodaer Kirche.

1575 bis 1578: Caspar von Schön-berg und seine zweite Frau Barbara (geborene von Bünau) lassen das Schloss neu erbauen. Laut Kultur und Sozialzentrum "Schloss Pfaffroda" - der Verein arbeitete die Geschichte auf - entstehen Wirtschaftsgebäude. Markant ist der 32 Meter hohe Treppenturm.

1643: Der 30-jährige Krieg trifft Pfaffroda hart. Die Schweden brennen das Schloss nieder. Auch die Kirche wird zerstört sowie ein großer Teil des Ortes. Später beginnt der Wiederaufbau.

1650: Georg Friedrich von Schönberg, seit 1628 Berghauptmann in Freiberg, kauft die Herrschaft Pfaffroda. Allerdings stirbt er noch im selben Jahr. Sein Sohn Caspar von Schönberg übernimmt die Herrschaft Pfaffroda und das Amt des Berghauptmannes.

1879 bis 1936: Der Heimatforscher und Schriftsteller Alfons Diener von Schönberg, Sohn von Sara von Schönberg und dem Kammersänger Franz Diener, lebt im Schloss.

1945/46: Das Deutsche Rote Kreuz richtet ein Flüchtlingslager ein.

1947: Das Gebäude wird als Feierabendheim/Seniorenheim genutzt. Zuvor war die Enteignung erfolgt.

2017: Joachim und Alexander Diener von Schönberg erwerben über eine Stiftung das Schloss, um eine Forstakademie zu verwirklichen. (geom)


 

Im Zeichen des grün-roten Löwen

Wappen: Ein Löwe ist das Wappentier der Familie von Schönberg. Er ist oben rot und unten grün. Einst zog ein von Schönberg nach Palästina, um bei einem der Kreuzzüge zu kämpfen. Dort erlegte er angeblich einen Löwen, das Tier flüchtete in einen Sumpf. Als er wieder herauskam, war er oben blutverschmiert und unten voll mit grünem Schlamm.

Fenster: Damit seine Gattin den Schwanenteich besser sehen konnte, ließ Alfons Diener von Schönberg um 1900 ein besonders großes Fenster in das Schloss einbauen. Dem Denkmalschutz gefiel dies gar nicht, es kam zum Streit. Letztlich wurde das Fenster eingebaut, der Blick auf die Schwäne war frei.

Keller: Im Schloss lassen sich viele Keller antreffen - teils mit meterlangen Spinnweben. Die Elektroleitungen sind original und stammen aus dem Jahr 1907. Damals ließ Alfons Diener von Schönberg das Schloss elektrifizieren. Ein Wasserwerk entstand. Der überschüssige Strom wurde an die Bevölkerung abgegeben.

Museen: Im Schloss gibt es derzeit ein Museum zur DDR mit Alltagsgegenständen und eines zur Geschichte des Adelsgeschlechts. So lässt sich eine Totenkutsche finden. Mit ihr wurden einst Verstorbene des Adelsgeschlechts durch den Ort gefahren, die Bevölkerung erwies ihnen die letzte Ehre. Anschließend wurden sie in der Familiengruft beigesetzt. (geom)

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