Verständigung erspart Zeugen Aussage in Missbrauchsprozess

Staatsanwalt und Verteidiger einigten sich auf einen Vorschlag des Gerichts. Für den Angeklagten stand dabei einiges auf dem Spiel - auch die eigene Freiheit.

Marienberg.

Gut ein Dutzend Menschen erschienen am gestrigen Donnerstag zur ersten Verhandlung vor dem Marienberger Amtsgericht. Rund die Hälfte davon war noch nicht volljährig und als Zeugen geladen. Die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen einen 68-Jährigen lautete sexueller Missbrauch von Minderjährigen in Tateinheit mit Exhibitionismus.

Im Oktober des zurückliegenden Jahres hatte der Angeklagte das Erlebnisbad Aqua Marien in Marienberg besucht. Am Rand des Außenbeckens soll er dabei mehrfach die Badehose heruntergelassen haben - ohne Rücksicht auf die ebenfalls im Becken anwesenden Kinder. Das Pikante: Es ist offenbar nicht das erste Mal, dass der Senior Aufmerksamkeit in der Einrichtung bewirkt hat. Schon bei einem Besuch zwei Jahre zuvor sei der Angeklagte von der Bademeisterin darauf hingewiesen worden, dass seine Badehose die Geschlechtsteile nicht vollständig bedeckt - dies bestätigte der 68-Jährige auch selbst.

Zu den Ereignissen im Oktober 2018 hatte der Beschuldigte jedoch eine völlig andere Version parat: "Der Gummi meiner Badehose ist lose. An den Massagedüsen ist sie dann heruntergespült worden." Er habe Probleme mit Rücken und Herz, nehme zudem Tabletten. Dass während des Vorfalls Minderjährige anwesend waren, will der Angeklagte nicht bemerkt haben. Um die Hose wieder zu ordnen, habe er sich auf den Beckenrand gesetzt.

Bei Richter Steffen Müller weckte diese Darlegung des Geschehens Misstrauen. Denn sie widersprach den Aussagen, die die Zeugen unabhängig voneinander bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatten. Der Richter bohrte deshalb nach: "War Ihnen das nicht peinlich, mit heruntergelassener Badehose durch die Gegend zu laufen? Jeder normale Mensch empfindet doch dabei Scham." Doch der Beschuldigte beharrte zunächst auf seiner Aussage.

Damit hätte den minderjährigen Zeugen eine erneute Aussage zu den Ereignissen vor Gericht gedroht. Doch bevor es dazu kam, verdeutlichte Richter Steffen Müller dem Angeklagten die möglichen rechtlichen Konsequenzen. Das Strafmaß für den sexuellen Missbrauch reiche von drei Monaten bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug. Eine erneute Aussage sei für die jungen Zeugen äußerst belastend und wirke sich zu seinem Nachteil aus, mahnte der Richter. Eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung würde somit unwahrscheinlich. "Das sollten Sie sich ganz genau überlegen", so Steffen Müller.

Diese eindringlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Denn nach einer Beratungspause mit seinem Anwalt änderte der 68-Jährige seine Haltung und räumte die Vorwürfe ein. Damit kam es zu der vom Gericht angestrebten Verständigung. Diese Übereinkunft ersparte nicht nur den minderjährigen Zeugen eine erneute Aussage, sondern grenzte auch das Strafmaß ein.

In seinem Plädoyer forderte der Staatsanwalt schließlich eine Gesamtfreiheitsstrafe von acht Monaten. Diese sei zu einer zweijährigen Bewährungszeit auszusetzen. Zusätzlich soll der Beschuldigte einer Betreuungseinrichtung 1000 Euro für Opfer sexueller Übergriffe zahlen, ein Aufenthaltsverbot für öffentliche Bäder erhalten und etwaige Wohnortwechsel in den kommenden zwei Jahren bei den Behörden melden. Die Verteidigung schloss sich diesen Forderungen an, denen auch Richter Steffen Müller im Urteil nachkam. Da der Schuldspruch auf einer Verständigung beruht und zwei Wochen Einspruchsfrist bestehen, ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

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