Vor Wahl: Altgedienter Sozialdemokrat schmeißt hin

Dieter Lang hat die Strukturen der SPD im Erzgebirge mit aufgebaut, sein Herz schlägt rot. Doch jetzt, kurz vor den Wahlen, hat der Chef des Ortsvereins "Carl Demmler" die Nase voll. Seine Partei, sagt der Jahnsbacher, vernachlässige den Umgang mit den Menschen. Der Kreisverband hält dagegen.

Jahnsbach.

Der durchschnittliche Erzgebirger, sagt Dieter Lang, schimpfe zuhause gern über Gott und die Welt. Doch nach draußen hülle er sich ebenso gern in Schweigen. So einer will er, 76, Noch-Chef des SPD-Ortsvereins "Carl Demmler", nicht sein. Lang macht keinen Hehl daraus, dass er sauer ist auf den Kreisverband Erzgebirge. "Das Wichtigste ist doch die Arbeit mit der Basis. Und die wird hier schon lange vernachlässigt. Ich habe keine Lust mehr", sagt der Sozialdemokrat. Nach den Wahlen werde er nicht mehr als kommissarischer Vorsitzender zur Verfügung stehen. Mehr noch: Der Ortsverein "Carl Demmler", der die Orte zwischen Gelenau und Elterlein umfasst, steht offenbar vor dem Aus.

Wer verstehen will, was den altgedienten Sozialdemokraten derart grämt, dass er im Angesicht von Kommunal- und Europawahlen das Handtuch wirft, muss in die SPD-Anfänge in der Region eintauchen. Eins wird dabei klar: Eine Kurzschlussreaktion, weil ihm mal eine Laus über die Leber gelaufen ist, ist Langs Ankündigung nicht. Im Winter 1990 war er dabei, als 32 Gleichgesinnte den SPD-Unterbezirk Obererzgebirge in Frohnau aus der Taufe hoben und die Genossen aus Kleve und Wesel in Nordrhein-Westfalen Papier und Computer als Aufbauhilfe in den Osten schickten. In den folgenden Jahren durchliefen die erzgebirgischen Sozialdemokraten mehrere Strukturreformen, die Gebilde veränderten sich. "Wir mussten uns zusammenraufen, so ist aber auch die Kameradschaft im Laufe der Zeit entstanden", sagt Dieter Lang. Beisitzer, Geschäftsführer, Ortsvereins-Vorsitzender, zuletzt kommissarisch, als es niemand anders machen wollte: Im Lauf der Jahre hat der Jahnsbacher viel getan für seine SPD im Erzgebirge.


Auch in diesen Tagen steht der 76-Jährige noch an Infoständen, läuft durch die Straßen und hilft, 300 rot-weiße Wahlprospekte zu verteilen. Er glaubt immer noch an Willy Brandts Worte, "mehr Demokratie wagen", und hofft, dass viele Wähler ihre Kreuzchen bei SPD-Leuten machen, um seiner Partei im Erzgebirge wieder eine Stimme zu geben. 239 Mitglieder hat der Kreisverband heute, 2008 waren es noch fast 90 mehr.

Von der Kameradschaft sei heute viel verloren, findet Dieter Lang. "Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Das Fundament, das viele Parteimitglieder im Erzgebirge nach der Wende aus den Altkreisen mit den Genossen aus Annaberg, Stollberg, Zschopau, Marienberg und Freiberg unter schwierigen Umständen aufgebaut haben, ist fast zerstört." Den Knackpunkt sieht der 76-Jährige, als Aue-Schwarzenberg dazukam. "Obererzgebirge und Westerzgebirge passen nicht zusammen", sagt Lang. Letzteres sei mehr in Richtung Zwickau orientiert. Das sei etwa zu merken bei Veranstaltungen wie neulich in Thum. Sein kleiner Ortsverein hatte es geschafft, eine Informationsveranstaltung mit dem Bundestagsabgeordneten Detlef Müller aus Chemnitz auf die Beine zu stellen. Nur 17 Personen besuchten den Ratskeller. "Wenn von Oberwiesental jemand nach Thum kommt, dann hätte man dies auch aus der Region Aue/Schwarzenberg erwarten können", moniert Lang. Eine Reihe ähnlicher Unstimmigkeiten waren für ihn der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Auch auf höherer Ebene läuft es in der Partei, in der sie sich konsequent duzen, nach Langs Meinung nicht rund. Die Ausdünnung von Geschäftsstellen in Sachsen habe zwar Geld gespart, aber viele Wähler gekostet. Und selbst vom Landesvorsitzenden Martin Dulig, der bürgernah mit seinem Küchentisch durch den Freistaat tourt, warte man lange auf Reaktionen zu Anfragen.

"Ich rechne damit, dass die Mitgliedervollversammlung des Ortsvereins Carl Demmler noch dieses Jahr seine Auflösung beschließt", erklärt Lang. Der Verein ist überaltert und zählt aktuell 18 Mitglieder, die Verbliebenen könnten dann benachbarten Vereinen zugeschlagen werden.

Der SPD-Kreisverband Erzgebirge weist die Kritik zurück. Für die Basisarbeit seien Kreisverbände und Ortsvereine gleichermaßen verantwortlich, erklärt Vorstandsmitglied Elke Stadler. Man habe in den letzten Jahren immer wieder Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit den Ortsvereinen durchgeführt. "Zuletzt wurde unser Politischer Aschermittwoch in Thum von zahlreichen Genossinnen und Genossen sehr gut angenommen. Von einer Vernachlässigung der Basisarbeit kann also keine Rede sein", sagt Stadler. Die große Mehrheit der Mitglieder gehe nach wie vor "sehr motiviert" in den Wahlkampf, die Kandidaten stritten vor Ort für gute Inhalte und möglichst viele Sitze in den kommunalen Parlamenten. "Wir sind optimistisch, dass sich deren Wahlkampf auszahlen wird." Zum Wohle der Bürger müssten "auch mal kleine persönliche Befindlichkeiten hinten ran gestellt werden", so Stadler.

Auch wenn es bald wohl keinen Ortsverein "Carl Demmler" mehr gibt: Ein wenig Hoffnung hat Dieter Lang doch noch für die Sozialdemokratie, auch im erweiterten Greifensteingebiet. Ein Freundeskreis "Carl Demmler" soll weiterleben und in Gelenau wurden jüngst zwei 16-jährige Jusos begrüßt. Und die streitbaren Äußerungen von Juso-Chef Kevin Kühnert zur Kollektivierung von Großkonzernen hat er zur Kenntnis genommen. Für einen Moment blitzt in Dieter Langs Augen alte Kampfeslust auf: "Den DDR-Sozialismus brauchen wir nicht. Aber der Kapitalismus muss mit demokratischen Spielregeln gezügelt und in Schranken gesetzt werden."

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