Wirtin lässt Kultkneipe neu aufleben

Einst ein Haufen verkohlter Schutt, ist die "Radieselschänke" wieder auferstanden. Die neue Betreiberin setzt eigene Akzente - und will ein altes Ritual wieder einführen.

Marienberg.

Was hat sie nicht alles mitgemacht, die Marienberger "Radieselschänke": Vom kleinen Gartentreff in den 1960er-Jahren entwickelte sie sich zum Vereinsdomizil und zur beliebten Bierkneipe, bis ein verheerender Brand 2013 das Ursprungshaus zerstörte. Doch mit vereinten Kräften haben Nutzer, Freunde und Förderer die "Radieselschänke" neu errichtet - und erleben heute, wie diese wieder boomt.

Eigentlich ist der Flachbau an der Straßenecke am Goldkindstein kaum auffällig, fügt sich geschmeidig in die Reihen der Kleingärten rundherum ein. Und früher war da auch nicht viel Getöse. "Mal eine Runde Skat spielen, ein Bier trinken oder eine Bockwurst essen", stand nach den Worten von Dietrich Simmert noch vor Jahrzehnten in dem Häuschen auf dem Programm. Doch die "Radieselschänke" hat sich über die vielen Jahre zur Kulteinrichtung in der Stadt entwickelt. Und heute sind längst nicht nur Leute wie Simmert und Mitstreiter Stefan Ullmann vom Marienberger Rassegeflügelzuchtverein, der hier sein Domizil hat, zugegen. Das Publikum ist bunt gemischt und kommt her zum Feiern, Ausspannen und Speisen.

Grund für den frischen Wind ist Karla Fritzsch, die das Haus seit etwas mehr als zwei Jahren mit vier Helfern zusammen betreibt. Die 52-Jährige hat der "Radieselschänke" einen modernen Anstrich verpasst: rote und weiße Farbbahnen innen an der Wand und helles Mobiliar. "Fruchtig frisch", sagt Fritzsch. "Ganz so wie beim Radieschen." Sie selbst freut sich, wenn sie die Wände betrachtet, und ergänzt: "Vorher war alles nur braun." Dabei war es eher Zufall, dass sich die Marienbergerin hier einrichtete. Anders gesagt: ein Traum, den sie sich zum 50. Geburtstag selbst erfüllte.

Diesen hat Fritzsch 2014 in der wieder aufgebauten "Radieselschänke" gefeiert. Damals konnte das Haus allerdings nur zu Feierzwecken gemietet werden. Denn der erste Betreiber nach dem Brand hatte schon nach kurzer Zeit die Segel wieder gestrichen. Bei ihrer Party hat Karla Fritzsch das Schild "Pächter gesucht" entdeckt und gedacht: "Das wäre noch mal eine Herausforderung." Sie war von der Idee angetan, da das Lokal schon seit Jahren in der Stadt einen guten Ruf hatte. Also ließ sie sich darauf ein. "Durchaus ein Risiko", wie sie sagt, weil sie eine Festanstellung aufgab, um in die Selbstständigkeit zu wechseln. Doch da sie zuvor bereits viele Jahre als Chefsekretärin für eine Großküche gearbeitet hat, kannte sie sich aus in der Gastronomie. "Einkauf, Zubereitung, Veranstaltungsplanung, Buchhaltung - all das konnte ich schon", so Fritzsch. Und selbst eine weitere Sache, die für der Übernahme wichtig war, stellte sie nicht vor Probleme: das Kochen. Obwohl es schon eine Umstellung gewesen sei, plötzlich an einem Vormittag Essen für mehrere Dutzend Personen zuzubereiten. Aber sie mache das gern. Bratkartoffeln, Schnitzel, Ei - es gibt das, was der Erzgebirger mag.

Von der tragischen Vergangenheit der "Radieselschänke" zeugen heute nur noch zwei Dinge: ein dickes Fotoalbum, in dem sich Bilder der abgebrannten Gaststätte und des Wiederaufbaus finden, und der Stammtisch, der nach dem Brand vor fünf Jahren aus den Rußresten gerettet werden konnte. Er wurde von einem Zimmermann mit einer neuen Platte versehen und bleibt als Relikt aus alten Zeiten vor der Theke stehen. Überhaupt wurde der Wiederaufbau damals im Großen und Ganzen selbst organisiert. Elektriker, Maler, Fliesenleger und Trockenbauer - unter den Geflügelzüchtern und deren Freunden sind viele Arbeiter sämtlicher Gewerke gewesen, die mitgeholfen haben. Und finanziert werden konnte das Ganze dadurch, dass die Versicherung für den Totalschaden nach dem Brand aufgekommen war.

Heute sind die Züchter und Betreiberin Fritzsch über die Vergangenheit hinweg. Auch darüber, dass der mutmaßliche Brandstifter von damals vom Marienberger Amtsgericht freigesprochen wurde, da nicht zweifelsfrei belegt werden konnte, dass er gezündelt hatte - trotz vieler Indizien. In einer Sache will Fritzsch sich aber doch zurückbesinnen. "Es soll wieder ein Radieselfest geben", sagt sie. Das war einst eine Veranstaltung, die der Verein "Die Radieseln" alljährlich organisierte. Das will Fritzsch nun wiederbeleben - in alter Tradition, mit neuem Haus.

Radieselfest Am Samstag, 25. August, lädt die "Radieselschänke" (Am Goldkindstein 31b) ein. 14 Uhr gibt es Musik mit der Blaskapelle der Bergbrüderschaft Pobershau sowie Kaffee und Kuchen und ein Unterhaltungsprogramm. 19 Uhr folgt ein Tanzabend mit der Oldiebande.

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