Wohnen in alter Fabrik: Traum wird für acht Millionen Euro real

Die Stadtwerke Marienberg bewahren ein Stück Stadtgeschichte vor dem Verfall. Vom Zustand der Baldauf-Fabrik konnten sich Besucher gestern ein Bild machen. Das ändert sich schon bald drastisch.

Marienberg.

Vom stolzen Glanz der einstigen Baldauf-Fabrik ist nicht viel geblieben. Fenster sind eingeschlagen, die Fassade bröckelt. Stahlträger schützen Teile des historischen Gebäudes vor dem Einsturz. Im Inneren sichert eine Holzkonstruktion die löchrigen Decken. Nur die Aufschrift "VEB" am Fahrstuhl erinnert in der komplett entrümpelten Fabrik an die Geschichte der Knopf- und Metallwaren. Doch schon bald soll der verwahrloste Zustand der Vergangenheit angehören.

Die Stadtwerke Marienberg als neuer Eigentümer haben große Pläne mit der Industriebrache im Herzen der Bergstadt. Es soll Leben einziehen und gleichzeitig ein Stück Stadtgeschichte erhalten werden. Denn die städtische Gesellschaft lässt die alte Baldauf-Fabrik in einen modernen Wohnkomplex umbauen.

Nachdem seit Beginn des Jahres das Bauwerk gesichert wurde, befindet sich das Projekt aktuell in der detaillierten Planung, erklärt Roy Brückner, Prokurist bei den Stadtwerken. Seit vergangener Woche liegen erste Unterlagen hinsichtlich Genehmigung und Kostenschätzung vor. Voraussichtlich noch in diesem Monat sollen sie eingereicht werden. Wichtig: Die Außenansicht soll in ihrer Struktur erhalten bleiben - auch aus Denkmalschutz-Gründen. Der Baustart ist für 2019 anvisiert. "Ich hoffe, dass wir den Zeitplan halten können", sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Mike Kirsch. Dann könnte der Umbau im September 2021 abgeschlossen sein. Der Traum vom Wohnkomplex in einer alten Fabrik hat seinen Preis: Derzeit rechnet Kirsch mit Kosten zwischen 7,5 und 8 Millionen Euro für das geförderte Projekt.

Entstehen sollen 23 modern ausgestattete Wohnungen zur Vermietung. Dazu gehören Tiefgarage, Gemeinschaftsbereiche und Fahrstuhl. Schon jetzt seien bei den Stadtwerken erste Bewerbungen eingegangen. "Die Anfragen werden aufgehoben. Reservierungen nehmen wir erst ein halbes Jahr vor Fertigstellung an", sagt Brückner.

Doch bevor der Schandfleck verschwindet, konnten sich Besucher gestern anlässlich des Tags des offenen Denkmals noch ein Bild von der alten Baldauf-Fabrik machen. Sie erhielten nicht nur Einblicke in das Sanierungsvorhaben, sondern erfuhren in einer Ausstellung auch Wissenswertes zur Historie des Industriekomplexes. "Dazu haben wir extra im Stadtarchiv gestöbert", sagt Stadtwerke-Sprecher Stephan Baier. Eine seiner Kolleginnen führte Gäste sogar durch die Fabrik - und erzählte auch persönliche Geschichten. Denn sie hat - wie viele andere auch - einst bei VEB Knopf- und Metallwaren gearbeitet.


Auszüge aus der Historie

Die Baldauf-Fabrik wird 1895 von den Brüdern Gottlieb Emil und Karl Ludwig Baldauf erbaut. Die Firma Gebrüder Baldauf entwickelt sich zu einer der größten Metallknopffabriken Sachsens. Einer der Kunden: die sächsische Armee. Die wirtschaftlich erfolgreichste Epoche mit rund 300 Mitarbeitern erlebt das Unternehmen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.

Nach dem Konkurs 1933 wird die Fabrik von den Unternehmern Schneider und Schönherr übernommen. Anschließend bis 1972 wird das Gebäude von der Großhandelsgesellschaft für Textilwaren genutzt. Es folgen Zwangsverstaatlichung und Umbenennung in VEB Knopf- und Metallwaren.

Nach der Wiedervereinigung beherbergt die Fabrik zuletzt eine Ausbildungsstätte für Lehrlinge des Baugewerbes. Seitdem steht das denkmalgeschützte Gebäude leer. Nun haben die Stadtwerke Marienberg die Immobilie vom vorigen Eigentümer, der Anerkannten Schulgesellschaft mbH Sachsen, erworben. (rickh)


Großes Interesse an alter Baldauf-Fabrik

Der Tag des offenen Denkmals war gestern auch in Marienberg gut besucht. Rund 700 Interessierte nahmen an den Führungen in der Baldauf-Fabrik teil. "Ich hatte mit 500 gerechnet. Das zeigt, dass die Leute Interesse daran haben", sagte Stephan Baier von der Stadtwerke Marienberg GmbH, die das alte Gebäude besitzt.

Steffen Seifert, Marienberg: Ich interessiere mich für die Geschichte der Stadt, das Interesse an einer neuen Wohnung ist eher zweitrangig. Ich finde es gut und richtig, dass man in Marienberg auf geschichtlichen Pfaden unterwegs sein kann.

Matthias Trinks, Pobershau: Ich kenne das Gebäude aus der Zeit von 1986 bis 1990, als ich als mitfahrender Transportarbeiter gearbeitet habe. Ich habe meiner Frau von damals erzählt, heute wollen wir einfach schauen, wie es aussieht.

Martin Nützel und Kristin Kerner, Marienberg wollten sich das Haus einfach mal ansehen. (dit)

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