Brutale Morde zum Kriegsende jähren sich zum 75. Mal

Der 22. April ist im historischen Zusammenhang ein besonderes Datum: An jenem Tag des Jahres 1945 wurde Gerta Uhlig getötet. Aber auch andere Menschen mussten noch sinnlos ihr Leben lassen.

Zwönitz/Stollberg.

Selbst kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges blieben Stollberg sowie umliegende Gemeinden nicht vor Schrecken bewahrt. Am 20. April 1945 wurde Zwönitz bombardiert. Zudem wurden amerikanische Tieffliegerangriffe auf Brünlos und Dorfchemnitz dokumentiert. Am gleichen Tag geriet Stollberg unter Beschuss der amerikanischen Artillerie.

Doch die Menschen waren nicht nur der Gewalt ausländischer Mächte ausgesetzt. Im Frühjahr 1945 ereigneten sich in Stollberg und Umgebung grausame Morde, verübt von Angehörigen der deutschen Wehrmacht. Opfer waren unschuldige Bürger wie Gerta Uhlig, Tochter eines Stollberger Gasthofbesitzers. Wie konnte es zu diesen tragischen Ereignissen vor 75 Jahren kommen?

Am 14. April 1945 gelangte die US-Armee in westliche Teile des Stollberger Landkreises. Für die Verteidigung des Gebietes um Stollberg herum wurde die 404. Infanteriedivision der deutschen Wehrmacht eingesetzt. Ihr Befehlsstützpunkt befand sich in der Niederdorfer Hauwaldschänke. Zu dieser Division gehörte die 1. Panzerjagdkompanie unter Leitung des 21-jährigen Oberleutnants Schwalbe. Die 120 Mann starke Kompanie ließ sich im Gasthof Friedenseiche in Brünlos nieder.

Nach dem Beschuss Stollbergs durch die Amerikaner hissten am 21. April 1945 viele Bewohner der Stadt weiße Fahnen - auch der amtierende Bürgermeister Gerhard Friedrich. Am Abend des 21. Aprils gelangte jedoch die 1. Panzerjagdkompanie in das Stollberger Rathaus und nahm den Bürgermeister fest. Oberleutnant Schwalbe ordnete zudem an, die weißen Fahnen an den Häusern der Stollberger zu entfernen. Anschließend ließ er Gerhard Friedrich erschießen.

Am nächsten Tag rückten ein Leutnant H. sowie zwei Soldaten der Kompanie Schwalbes in den Stollberger Gasthof Goldener Adler ein, wo ein Behelfslazarett eingerichtet worden war. Dort nahmen sie Gerta Uhlig, die 38-jährige Tochter des Besitzers, fest. Grund dafür war ihre Weigerung, die weiße Fahne am Fenster des Gasthofes zu entfernen. Zudem wurde sie von Patienten des Lazaretts denunziert, da sie sich ablehnend gegen den Krieg geäußert hatte. In einem Pkw transportierten die Wehrmachtsangehörigen Gerta Uhlig nach Brünlos ins Waldgebiet Heiliges Holz, wo sie von ihnen erschossen und verscharrt wurde.

"Es ist immer wieder wichtig, zu betonen, dass entgegen zahlreicher Gerüchte und Publikationen die Täter eben nicht Angehörige der SS, sondern einer Kampftruppe der Wehrmacht waren", sagt Gerd Freitag, Heimatforscher in Brünlos. "Die Panzersoldaten trugen schwarze Uniformen und wurden deshalb für SS-Angehörige gehalten".

Am 9. Mai 1945 fanden Kinder die Leiche Gertas. Einen Tag später wurde sie in Stollberg beigesetzt. Am 23. April wüteten Oberleutnant Schwalbe und weitere Soldaten im Hotel Waldschlösschen in Neuoelsnitz, in dem sich ein Lazarett für französische Kriegsgefangene und Fremdarbeiter befand. Der Oberleutnant vermutete in dem Haus feindliche Spione. Er ordnete an, sämtliche Bewohner zu töten. Acht Menschen wurden erschossen, darunter auch ein französischer Arzt und ein zweijähriges Kind. Am Tag darauf wurde Oberleutnant Schwalbe während eines Einsatzes mit seiner Kompanie getötet, womöglich von den eigenen Leuten. Die Täter der Morde in Neuoelsnitz wie auch an Gerta Uhlig sind alle bekannt. 1948 und 1952 wurden sie in Strafverfahren in Oelsnitz und Wuppertal zum Großteil verurteilt.

Um an den Mord von Gerta Uhlig zu erinnern, befindet sich seit 1965 in Brünlos im Heiligen Holz eine Gedenkstätte. Brünloser Bürger sowie Schüler der örtlichen Grundschule kümmern sich darum. Zudem finden jährlich Gedenkfeiern statt.

Nachdem an der Gedenkstätte mehrfach randaliert wurde, steht seit 2015 im Heiligen Wald ein neuer Gedenkstein mit der Aufschrift "Gerta Uhlig - am 22. April 1945 von der Wehrmacht erschossen". Es erinnert an vergangene Taten - und ist gleichzeitig Mahnung.

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