Er hat die Pyramide vorm Schrott gerettet

Heinz Neubert - heute 95 Jahre alt - war einst zweiter Bürgermeister von Schwarzenberg und hat den Weihnachtsmarkt wesentlich mitgeprägt. Schon 1964 initiierte er ein Sponsoring - nur dass es damals nicht so hieß.

Schwarzenberg.

Dass es die berühmte - und nachweislich älteste noch erhaltene - Großpyramide im Erzgebirge nach der Idee von Friedrich Emil Krauß heute noch gibt, ist nicht zuletzt ihm zu verdanken: Heinz Neubert. Und damit wird ein bislang eher unbekanntes, aber durchaus spannendes Kapitel der mittlerweile 85-jährigen Geschichte der Pyramide öffentlich.

"Es war reiner Zufall, dass ich gerade dazu gekommen bin, wie die Arbeiter das Gestell aufgeladen haben", erinnert sich Heinz Neubert noch genau an diesen Moment im Frühjahr 1964. Der heute inzwischen 95-Jährige war zu jener Zeit stellvertretender Bürgermeister in Schwarzenberg (1955 bis 1979). "Wo soll das hin?", habe er die Arbeiter gefragt. Deren Antwort: "Zum Einenkel auf den Schrott!" Neuberts knappe Anweisung: "Das bleibt hier. Ihr wartet. Ich komme sofort wieder!" Er eilte zurück ins Rathaus und wusste, dass die Stangen, die die Männer da verladen hatten, zum Gestell der Schwarzenberger Pyramide gehörten. Die kurze Frage an seine damalige Mitarbeiterin und heutige Lebensgefährtin Gisela Lorenz lautete: "Kann ich die zu dir aufs Grundstück bringen lassen?" Und sie nickte. "Das Zeug bleibt hier. Fahrt es bitte hinter zum Lorenz-Willi", lautete die Ansage von Neubert an die Männer. Damit waren die Teile des Originalgestells der Pyramide zunächst erst einmal gerettet. Viele Jahre hatten sie bis dato hinterm Rathaus gelegen. Denn die 1934 erstmals aufgestellte Pyramide war in ihren ersten Jahren viel herumgereicht worden. Bis 1960 ein Schneesturm über den Schwarzenberger Markt fegte, auf dem sie damals stand, und alle Figuren von der Pyramide riss. Viele von ihnen zerbrachen.

1962 gab es gar Bestrebungen der damaligen ständigen Kommission Kultur, eine neue Pyramide zu beschaffen, mit anderen, weniger christlichen Figuren. Holzgestalter Hans Brockhage erhielt den Auftrag, auch über neue Figuren nachzudenken. Diese Rohskizze wurde im Mai 1963 im Schaufenster der damaligen Kunststube am Markt ausgestellt, und die Bürger sollten dazu ihre Meinung sagen. Der Entwurf von Brockhage mit bergmännischen Darstellungen fiel durch. Die Schwarzenberger wollten "ihre alte Pyramide" wiederhaben.

Weil 1963 das Fest des Liedes und des Tanzes in Aue von sich Reden machte, erhielt Heinz Neubert den Auftrag, für Schwarzenberg ebenfalls etwas "Großes" zu entwickeln. Ihm sei klar gewesen, dass dabei die Pyramide eine Rolle spielen musste - zumal sie 1964 ihr "30-Jähriges" beging. Also rief er zunächst alle Betriebsleiter aus Schwarzenberg zu sich an den Tisch. Der Betrieb von Willi Lorenz, der VEB Ringmechanik, übernahm die Generalreparatur. Alle Mitarbeiter der Firma überholten im Verlauf von mehreren Wochen die schadhafte Pyramide, bei der de facto fast alle mechanischen Teile, die Installation, der Motor, die Farbe erneuert werden mussten. "In 1200 Stunden wurde ein Wert von 7300 Mark im NAW geschaffen und am 28. 11. 1964 an den Rat der Stadt als Beweis der Heimatverbundenheit übergeben", heißt es später dazu erklärend in einem Fotoalbum. (NAW stand für Nationales Aufbauwerk, Anmerk. d. Red.)

Erst im Zuge dieser Generalüberholung erhielt die Pyramide auch den fünfeckigen Zaun aus Edelstahl. Auch andere Betriebe, wie der VEB Umformtechnik, der VEB Schmiergerätewerk, die PGH Klempner und die PGH Elektroanlagenbau halfen, jeder auf seinem Fachgebiet, aber vor allem mit Material. "Und der Löffler-Ernst, er war ein Hobbymaler aus Wildenau, hat alle 800 Sterne auf den 20 Flügeln der Pyramide von Hand goldfarben umrahmt", erinnert sich Heinz Neubert. Die Flügel seien noch immer original.

"Die Schnitzer feierten 1964 ihr zehnjähriges Bestehen. Und ich bin zum Riedel-Ernst, dem damaligen Vorsitzenden, hin und bat ihn, uns bei den Figuren zu helfen. Sie haben sich der kaputten Figuren erneut angenommen, sie liebevoll geklebt, ausgebessert und lackiert", erzählt er. Heinz Neubert, der in Langenberg wohnte, entwickelte schließlich für die Adventszeit des Jahres 1964 das Konzept einer "Erzgebirgischen Weihnacht" in Schwarzenberg. Im Zuge dessen bekam die Krauß-Pyramide ihren ersten "festen" Standort am Fuße des Bahnhofsbergs zugewiesen, wo sie am Vorabend des ersten Advents im Beisein vieler Schwarzenberger durch den damaligen Bürgermeister Rudi Pflugbeil in Gang gesetzt wurde. "Ich hatte ja sogar den Kirchenchor gebeten, dort zu singen. Und ich wusste, dass ich damit tüchtig ins Fettnäpfchen trat", sagt Neubert.

Zu seinem Konzept gehörte aber weit mehr. So auch die Gestaltung mit lebensgroßen Holzfiguren am Totenstein. Damals wurden die ersten von heute mehr als 20 Figuren aufgestellt. "Die ersten waren noch aus Rindenholz nach dem Vorbild der Astmänneln von Harry Schmidt aus Bermsgrün", berichtet er. Auf das Geländer am Bahnhofsberg bis hoch zum Unteren Tor wurden weiß-blaue Lampen aufgesetzt. "Die Schalen der Lampen waren eine Hälfte von Turna-Waschtrommeln. Die haben wir blau streichen lassen. Die Kerzenschafte waren weiße Küchenofenrohre", schildert der 95-Jährige das Improvisieren von einst.

Viele Episoden und Verwicklungen weiß er zu berichten. Und er erinnert sich noch genau an den 6. Januar 1965. Für den Tag hatte er eine Dankeschönveranstaltung organisiert, für alle, die am Kraftakt beteiligt waren. "Die Mitarbeiter der Firma Willi Lorenz und die AG Schnitzen erhielten eine Prämie. Mehr konnten wir nicht zahlen", so Neubert. "Die Urkunde haben wir noch. Das waren für uns 500 Mark", bestätigt Helmut Uhlig, der heute die Schnitzergruppe leitet.

Obwohl Heinz Neubert für sein Konzept zunächst - intern - heftige Kritik vom Kreisrat erntete, wurde er im Januar plötzlich sehr gelobt. Grund für diesen "Sinneswandel" sei ein Schreiben der Bezirksverwaltung gewesen, die aufgrund der Begeisterung der Leute nun ein hohes Lied auf Schwarzenberg sang.

Zudem berichtet Heinz Neubert von einem Fotoalbum, das die damalige Rekonstruktion der Pyramide im Jahr 1964 dokumentiert. "Das gab es, ich habe es gesehen. Das hat Günter Raabe gemacht", weiß er. Was er indes nicht weiß: Wo es abgeblieben ist. Seines Wissens nach sei es dem Museum übergeben worden. Und ja: Dort liegt es bis heute sicher verwahrt im Depot, und es zeigt in kunstvoller Gestaltung Momente der Generalsanierung 1964.

Angeschoben werden die Pyramiden im Stadtgebiet Schwarzenberg: die Krauß-Pyramide am Samstag, 17.30 Uhr; die Pyramide in Grünstädtel, 17 Uhr; in Bermsgrün 19 Uhr; die Pyramide in Pöhla am Sonntag, 16 Uhr.


Standorte der Pyramide

In den ersten Jahren wurde die nach einer Idee des Schwarzenberger Waschmaschinenfabrikanten Friedrich Emil Krauß gebaute Schwarzenberger Großpyramide herumgereicht:

1934 zur Deutschen Krippenschau in Aue an der Schwarzenberger Straße.

1935 auf der Terrasse des Ratskellers auf dem Schwarzenberger Markt.

1936 auf dem Altarplatz in der St.-Georgen-Kirche Schwarzenberg.

1937 vorm heutigen Brecht-Gymnasium in Schwarzenberg.

1938 auf dem Prager Platz in Dresden

1939 vor den Kraußwerken.

1940 aufgrund des Krieges innerhalb der Kraußwerke.

1941 bis 1945 ruhte die Pyramide.

1946 nach der Enteignung ging die Pyramide in den Besitz der Stadt.

1948 wurde sie wieder aufgestellt auf dem Platz vor der Egermannbrücke an der Bahnhofstraße.

1949 wurde sie nach Breitenbrunn ausgeliehen.

Nach dem dortigen Abbau wurde sie wenig sachgerecht im Keller des Rathauses Schwarzenberg eingelagert und 1954 durch das Hochwasser in der Stadt schwer beschädigt. Schon damals halfen die Schnitzer, die Figuren wieder zu reparieren.

1957 wurde sie wieder auf dem Markt in Schwarzenberg aufgestellt, wo sie bis 1960 alljährlich stand.

1960 fegte ein heftiger Schneesturm über den Markt und zerstörte sie.

1964 nach erfolgter Generalsanierung wurde sie am Fuße des Bahnhofsberges wieder aufgestellt.

1996 - bestückt mit den Kopien der Figuren - erhielt sie den Standort am Unteren Tor, wo sie bis heute steht.

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