Sommer 1968: Panzer statt Pilze

Der Schriftsteller Utz Rachowski und andere Künstler erinnern auf dem Ottenstein an den Prager Frühling. Auf den Anlass der Invasion des Warschauer Paktes gehen sie dabei allerdings kaum ein.

Schwarzenberg.

Es war "ein Grunderlebnis für unsere Generation", sagt Utz Rachowski, und er meint den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im Sommer 1968 in die CSSR. Seine eindrucksvolle Lesung von Kindheitserinnerungen an jenen August, in dem es in den erzgebirgischen und vogtländischen Wäldern "Panzer statt Pilze" zu sehen gab, ist Teil der Veranstaltung "Der Frühling starb im August" des Kulturbetriebs des Erzgebirgskreises, die am Sonntagabend etwa 20 Gäste in Jörg Beiers Atelier auf dem Ottenstein verfolgten.

Eine kleine Ausstellung stimmt auf das Thema ein: Der Autor, Fotograf und Journalist Thomas Häntsch zeigt auf sechs Tafeln Quellen aus Militärarchiven, zeitgenössische Zeitungsartikel mit staatlich verordneten Zustimmungserklärungen zum Einmarsch der Warschauer-Pakt-Armeen (nur Rumänien und Albanien beteiligten sich damals nicht an der Invasion). Besonders interessant: Ein Modell jener berühmten Szene in Prag, als sich unbewaffnete tschechische Demonstranten einem sowjetischen Panzer entgegenstellen. Der Kölner Berufsschullehrer Matthias Schmeier hat es im Maßstab 1:35 gebaut. Hauptakteure des Nachmittags sind jedoch Utz Rachowski und der tschechische Zithervirtuose Michal Müller, der mit einfühlsam ausgewählten Stücken die Texte des Dichters "umarmt", wie Rachowski poetisch sagt. Der 1954 in Plauen geborene Schriftsteller, in der DDR wegen "staatsfeindlicher Hetze" im Gefängnis, nach 14 Monaten Haft 1980 in die Bundesrepublik abgeschoben, 1990 ins Vogtland zurückgekehrt, beschreibt die "letzten Tage der Kindheit". Es sind bilder- und anekdotenreiche Erinnerungen an Großeltern und Urgroßeltern, die oft lustig, mehr oder weniger politisch aktiv waren. Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges sind immer noch zu spüren: Umsiedler kamen auch ins Vogtland, das Leben ist bescheiden, die große Politik eigentlich fern. Die Menschen in Rachowskis vogtländischer Sternensiedlung blicken eher "unwissenschaftlich" zu den Sternen, erinnert er sich. Bis zu jenem Sommer, in dem wieder Panzer durchs Vogtland rollten, der Bruder des Erzählers versucht, sie mit dem Motorrad aufzuhalten. Vergeblich. "... Es war Sommer, ein heißer Tag, an dem meine Kindheit zu Ende ging. Es war Dienstag, der 20. August 1968. In der darauffolgenden Nacht überschritten, unter anderem in der Höhe von Vogtland und Erzgebirge, 500.000 ausländische Soldaten die tschechoslowakische Grenze." Utz Rachowski ist - wie manche Einheimische, die sich an jene Zeit erinnern - überzeugt, dass auch NVA-Truppen auf dem Boden der CSSR standen.

Leider berührt die Veranstaltung fast gar nicht, warum es überhaupt zu der sowjetischen geführten Intervention kam: Die Erneuerungsversuche der tschechoslowakischen Kommunisten unter Alexander Dubcek hin zu einem demokratischen Sozialismus, die Einführung von Presse- und Meinungsfreiheit, deren Teil unter anderem das "Manifest der 2000 Worte, die an Arbeiter, Landwirte, Beamte, Künstler und alle gerichtet sind" war. Die Niederschlagung des Prager Frühlings kostete knapp 100 Tschechen und Slowaken das Leben, etwa 50 Soldaten starben. An DDR-Touristen wurden später heimlich Handzettel verteilt, auf denen zu lesen war: "Ihr alle habt jetzt die Möglichkeit, unsere zerstörte Heimat zu sehen ... in unserem Land ist keine Konterrevolution ... wir wollen dem Sozialismus das menschliche Gesicht wiedergeben ... eine Demokratie, wo jeder seine Gefühle und Meinung frei und ohne Repression zum Ausdruck bringen kann." Eine tatsächlich "Freie Republik" gewissermaßen, die Utz Rachowski aber so kommentierte: "Gibt es eine wirklich freie Republik irgendwo auf der Welt? Ich hab noch in keiner gelebt." Am Ende gab es viel Applaus.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...