Tränen zum Abschied eines Schulleiters

Für Wolfgang Mai hat die Schulklingel zum letzten Mal geläutet. In 45 Dienstjahren hat er viele Generationen von Schülern unterrichtet. Beigebracht hat er ihnen durch sein Wirken jedoch noch viel mehr.

Beierfeld.

Dicke Tränen rollen der kleinen Josie über ihre hübschen Sommersprossen. Doch die Fünftklässlerin ist keineswegs die Einzige, die gestern Vormittag mehrfach zum Taschentuch greifen musste. Auch für Schulleiter Wolfgang Mai, der am 31. Januar seinen letzten Arbeitstag hatte und somit offiziell in den Ruhestand verabschiedet wurde, war dieser Tag hoch emotional.

Nach 45 Arbeitsjahren als Lehrer, und davon fast 30 Jahre als Leiter dieser Oberschule in Beierfeld, ging für den Schwarzenberger nun ein bewegtes und sehr erfolgreiches Arbeitsleben zu Ende. Ihm zur Seite stand an diesem Tag, wie stets in all den Jahren, seine komplette Familie. 1974 kam er als junger Lehrer für Sport und Deutsch an die damalige Polytechnische Oberschule (kurz POS) "Friedrich Wolf". In den turbulenten Jahren 1988/89 übernahm er zunächst amtierend und ab 1992 offiziell auch berufen den Schulleiterposten.

"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Dieser Ausspruch von Immanuel Kant steht in großen Buchstaben über der Tür in der Oberschule Beierfeld. Es ist das Credo, das in diesem Haus an all die Kinder und Jugendlichen weitergeben wurde und wird. Aktuell sind es 304 Mädchen und Jungen, die im Haus an der Pestalozzistraße 1 in Beierfeld unterrichtet und erzogen werden. Gerade Letzteres ist es, dass unter Federführung von Schulleiter Mai nie abgekoppelt wurde.

In den zahlreichen wohl gewählten und aufrecht gemeinten Worten zum Abschied hieß es daher mehrfach: "Er hatte stets ein offenes Ohr für alles und jeden. Er war nicht nur Vorturner und Vordenken, sondern stets ein Vorbild", sagte seine langjährige Kollegin Katrin Stiehler über ihn. Wem das die Kollegen, Weggefährten und Schüler nach 45 Jahren ins Stammbuch schreiben, der hat alles richtig gemacht und einen verdienten Platz in der Schulchronik. Diesen hat sich Mai durch seine kühne, konzeptionelle Sichtweise auf die Bildung und Erziehung von Kindern erarbeitet. Gemeinsam mit Bürgermeister Joachim Rudler und dem langjährigen Geschäftsführer der Firma Turck, Eberhard Grünert, wurde ein Schulkonzept entwickelt, das die praktische Berufsorientierung der Heranwachsenden vor Augen hat. Der Bau eines modernen Technikzentrums durch die direkte Einbeziehung der regionalen Wirtschaft haben eine Schule entstehen lassen, die in der Region damit ein Alleinstellungsmerkmal aufweist.

"Jeden Morgen stand er auf dem Gang und hat die Schüler begrüßt", hieß es über Mai. Und allein der Blick in die Gästereihen der Aula hat gezeigt, die Jugendlichen sind ihm das Wichtigste. Der Chor sang nur für ihn. Alexa Patzelt aus der 10 a, die perfekt durchs Programm führte, rang selbst manchmal um Fassung. Es gab humorvolle Rückblicke in Bildern, Videogrußbotschaften aus München von ehemaligen Schülern, Geschenke, Blumen und natürlich auch das offizielle Dankeschön des Schulreferenten aus Dresden und des Vertreters vom Landesamt für Schulen und Bildung.

Wolfgang Mai wurde zum Ehrenmitglied der Sanitätskolonne Beierfeld, weil in seiner Zeit der Schulsanitätsdienst an der Schule wieder aufgebaut wurde.

Von seiner Nachfolgerin, Katrin Müller, nach dem Geheimnis des Erfolges befragt, sagt Mai: "Es ist wohl das gute Miteinander, das wir gepflegt haben." Klassenleiter, das sei für ihn stets das Größte gewesen.

Wie beliebt er war und ist zeigte sich auch am Nachmittag: Heimlich organisiert trafen sich etwa 60 ehemalige Schüler der unterschiedlichsten Generationen, um ihren "alten Schulleiter" zu überraschen und sich mit Bildern, Blumen und erneut unzähligen Tränen bei ihm für eine tolle Schulzeit zu bedanken.


Kommentar: Erfolgsrezept

Wenn einer seinen Hut nimmt, sich aus dem aktiven Dienst verabschiedet und so viele junge Menschen ihm Respekt zollen, dann hat er vieles richtig gemacht als Schulleiter.

"Habe Mut, sich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Diesen Leitspruch der Schule hat Mai nicht nur vermittelt, sondern vorgelebt. Er war in seinem Job ein streitbarer und kritischer Geist, stand stets schützend und zugleich fordernd vor den Kindern und seiner Mannschaft. Für ihn galten stets (Achtung, könnten Fremdworte dabei sein): Anstand und Disziplin, Toleranz, Respekt, Einfühlungsvermögen, Vorbildrolle, Begeisterung und Spaß. Diese Mischung - in richtiger Dosierung - waren das Erfolgsrezept eines mutigen Schulleiters.

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 6 Bewertungen
1Kommentare
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  • 2
    0
    Steuerzahler
    12.02.2019

    Solchen Lehrern ist nicht genug zu danken und es sei die Frage erlaubt, wie viele von denen es in der heutigen Bildungslandschaft noch gibt. Bleibt zu hoffen, dass sich die Nachfolger seines Vorbildes erinnern.



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