Wo die Hühner hinterm Haus campen

Endlich ist Urlaubs- und Reisezeit. Die Legehennen auf dem Biohof Meyer in Rittersgrün verbringen sogar das ganze Jahr im Wohnwagen und werden herumkutschiert. Und das ist nicht alles, was diese Landwirte anders machen.

Rittersgrün.

Isabell Meyer ist nervös. Immer wieder blickt sie in den Korb mit Tellern, Besteck und Gläsern. Die Fahnen an den Tischen der Gäste hat sie mit Reißzwecken befestigt: Eine Deutschlandfahne, die tschechische Flagge und die Europafahne. Es ist das erste Mal, dass das junge Ehepaar so hochrangigen Besuch erwartet: "Es kommen etwa 30 Besucher aus Tschechien und Vertreter vom Landesbauernverband", sagt die 33-Jährige. Ihr Ehemann Lars ist noch damit beschäftigt, Heu zu machen. "Der Betrieb muss ja weitergehen", erklärt sie.

Das junge Ehepaar hat einen Bio-Hof in Rittersgrün, der schon 2014 für Schlagzeilen sorgte. Damals haben sich die Meyers ein erstes Hühnermobil gekauft. Denn bei ihnen "campen" die Hennen hinterm Haus. Was witzig klingt, ist preiswürdig. Das hat ihnen jetzt sogar das Landwirtschaftsministerium Sachsen schriftlich gegeben. Im Beisein der Gäste aus Tschechien übergab Annett Bugner, Referatsleiterin für tierische Erzeugnisse vom Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft, die Stallplakette "Betrieb mit ausgezeichneter Tierhaltung".

Jetzt haben die Meyers noch in ein zweites Hühnermobil investiert. "Das haben wir erst wenige Tage", sagt Isabell Meyer, die für den Bauernhof ihren eigentlichen Beruf als Sozialpädagogin aufgegeben hat. Ehemann Lars hingegen arbeitet nach wie vor noch stundenweise in den Kliniken Erlabrunn im Bereich der inneren Logistik.

Gemeinsam bewirtschaften sie rund 70 Hektar Land, von denen etwa 20 Hektar unmittelbar hinterm Haus liegen. Allerdings sind das Wiesen in Hanglage. Für die rund 800 Hühner, die sie besitzen, ist das ein grünes Paradies. In einem Mobil gackern etwa 220 Hühner. Zwei Mobile haben sie, dazu noch einen festen Stall in dem weitere 300 Tiere wohnen. Und dann ist da noch der alte Bauwagen, den Lars Meyer selbst zu einem Hühnermobil umgebaut hatte, alles zertifiziert versteht sich. Aus allen Behausungen kann das Federvieh von selbst ins Freie und zurück. Die Hühnermobile sind durchaus mit Wohnmobilen vergleichbar: Sie haben Frischwasser- und Stromanschluss. Durch diese Hightech-Behausungen für das liebe Federvieh ist naturnahe Tierhaltung möglich. Denn morgens öffnen sich die Klappen automatisch, und die Hennen können auf ihrem Rasenplatz spazieren gehen, nach Würmern picken und scharren, wie es ihnen beliebt. Der Auslauf wird mit einem niedrigen Weidezaun abgesteckt, und ist der Rasen abgegrast, wird das Mobil umgesetzt. Das erfolgt mit dem Traktor, etwa alle zwei Wochen rollt der gackernde Truck auf ein neues Terrain.

800 Hühner bedeuten rund 400 bis 430 Eier pro Tag. Zum Legen der Eier haben die Hennen einen separaten Nestplatz im Hühnermobil. Die Eier rollen dann buchstäblich "über den Kofferraum" heraus. Ohne das Mobil betreten zu müssen, können die Eier über das Öffnen einer Klappe an der Seite des Mobils entnommen werden. Die Eier selbst werden entweder direkt vom Hof oder über Bio-Märkte in der Region verkauft.

Doch die Meyers haben auch noch 50 Rinder. "Aber wir erzeugen keine Milch und schlachten auch nicht, sondern ziehen Mutterkühe und verkaufen die Kälber", sagt Isabell Meyer. Zum Hof gehören außerdem sieben eigene Pferde sowie sechs Ponys. Mit denen sind sie oft bei Kinderfesten oder in Kitas unterwegs, worauf die beiden eigenen zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren unglaublich stolz sind.

Und die Gäste aus Tschechien? "Die waren begeistert", so Meyer. Dass sie nun mit ihrem Hof zu einem "Vorzeigeobjekt" werden, hätten sie nie gedacht. Doch die Idee, dass glückliche Hühner im Erzgebirge campen, hat auch die Besucher aus dem Nachbarland überzeugt. Darunter waren Landwirte im Nebenerwerb ebenso wie junge Leute, die demnächst den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen.

Im Frühjahr 2018 hatten sich die Meyers beim sächsischen Landeswettbewerb "Tiergerechte und umweltverträgliche Haltung" beworben. Im März sei eine Kommission auf dem Hof gewesen und hätte alles begutachtet, hinterfragt und geprüft. Dass sie nun zu den Siegern des Wettbewerbs gehören, freut sie sehr. Doch die glänzende Tafel ist das eine, viel wichtiger sei den jungen Landwirten, dass es ihren Tieren gut geht und der Betrieb auf dem Hof rund läuft. Den haben sie schließlich von Lars' Eltern übernommen und wollen weiterentwickeln, womit Christa und Manfred Meyer 1991 begonnen haben.

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