Alleinerziehender Vater kämpft um Luan

Der Junge kann noch nicht alleine die Brotbüchse öffnen oder auf Toilette gehen - aber sonst ist er ein normaler Abc-Schütze, der nun auf die Thalheimer Grundschule soll. Sagt sein Papa. Doch das zuständige Amt bewilligt dem Kind keinen Betreuungshelfer. Nun droht eine Klage.

Thalheim.

Dass Luan lebt, ist ein Wunder. Mit 630 Gramm kam er auf die Welt, fast vier Monate zu früh.

Heute ist der kleine Kerl sieben Jahre. Und in einer Woche soll er in der Grundschule Thalheim lernen.

Doch so einfach ist das nicht - wie so vieles in seinem bisherigen Leben. "Er ist natürlich in seiner motorischen Entwicklung hinterher. Aber er ist klug und kann sonst intellektuell mit Gleichaltrigen mithalten", sagt sein Vater Enrico Fankhänel, der den Knirps allein erzieht. Deshalb habe ihm einst das Sozialamt des Landratsamtes für Luan eine sogenannte 1:1-Betreuungsperson für die Kita Sonnenschein in Thalheim bewilligt. So konnte er trotz seiner Defizite - er kann bis heute nur schwer alleine die Brotbüchse öffnen, auf Toilette gehen oder sich an- und ausziehen - mit anderen Kindern zusammensein. "Ein gelungenes Projekt von Integration und Inklusion", ist der Vater überzeugt.

Also beantragte er auch eine solche Betreuung für die Grundschule in Thalheim. Doch das nun zuständige Referat Jugendhilfe - ebenfalls im Landratsamt - vertritt eine gänzlich andere Auffassung. Es bestehe keine drohende oder bestehende seelische Behinderung bei Luan - die Behörde lehne deshalb die besagte 1:1-Eingliederungshilfe laut Sozialgesetzbuch ab. "Nach eingehender Überprüfung aller Aspekte und Hinzunahme der fachärztlichen Stellungnahme", argumentiert das Referat. Der Paragraf 35 a, SGB VIII schreibe vor, so die Behörde weiter, dass "die seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter des Kindes typischen Zustand abweichen" müsse. Doch das treffe auf Luan nicht zu. Nun, wenige Tage vor Einschulung, versteht der Vater die Welt nicht mehr. "Mir wurde vom gleichen Referat noch vor wenigen Wochen telefonisch versichert, dass mein Antrag auch für die Schule bewilligt wird."

Auch die Schulleiterin der Grundschule Thalheim, Uta Dienstbir, ist enttäuscht. "Ich kann die Sichtweise der Jugendhilfe teils verstehen, teils nicht. Luan würde aber sehr gut in unser Konzept passen, er war ein Teil unserer Bewerbung als Schule mit Inklusion." Hintergrund: Ab kommendem Schuljahr ist die Grundschule der Drei-Tannen-Stadt ein Inklusions-Labor, lernbehinderte und nicht-behinderte Kinder lernen zusammen. Anders als bislang wird auf sonderpädagogische Tests vor der Einschulung verzichtet. Das Experiment ist ein Pilotprojekt des sächsischen Kultusministeriums. Sachsenweit beteiligen sich 17 Einrichtungen, davon 15 in öffentlicher und zwei in privater Trägerschaft. "Unsere Philosophie ist, dass wir jedem eine Chance geben", sagt Uta Dienstbir. Vor allem Grenzfälle sollen davon profitieren, also Kinder, die unter anderen Umständen an einer Förderschule landen könnten.

Dorthin will Enrico Fankhänel seinen Luan nicht schicken. "Mit der Grundschule haben wir ja extra verabredet, dass die Kinder aus Luans Kita auch in seiner Klasse sind. Das macht ihm extra Mut", so der Vater.

Er ist jetzt gegen die Entscheidung des Referats Jugendhilfe in Widerspruch gegangen. "Wenn das nichts nützt, werde ich vor dem Verwaltungsgericht klagen. Und zwar bis in die letzte Instanz."

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 2 Bewertungen
3Kommentare
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  • 2
    1
    vomdorf
    05.08.2018

    Warum erläutern die roten Daumen nicht, wie man das Problem lösen kann?

    Jaja, die Schule muss...die faulen Lehrer...

  • 3
    3
    vomdorf
    05.08.2018

    Lieber Daumenruntergeber,
    Sie haben keine Ahnung!

  • 6
    5
    vomdorf
    05.08.2018

    Warum, um alles in der Welt, wurden nicht die Fachleute der Körperbehindertenschule hinzugezogen?
    Ein Kind, das weder einen Toilettengang ohne Hilfe bewerkstelligen kann, noch seine Brotdose öffnen, ist eben eins mit erhöhtem Förderbedarf, welcher an einer normalen Grundschule nicht geleistet werden kann. Woher sollen denn (einigermaßen qualifizierte) Leute für die tägliche Begleitung dafür kommen?

    Mit Verlaub, Frau Dienstbir will ihr Experiment....ist sie der auch der Klassenleiter einer Klasse, in der Kinder inkludiert werden?

    Es gibt übrigens auch andere Schulen im Erzebirgskreis, die seit Jahren Kinder mit verschiedenen Behinderungen integrieren, aber nicht um jeden Preis und auf Teufel komm raus, und immer in Zusammenarbeit mit der entsprechenden Förderschule -
    für Körperbehinderte, für Lernbehinderte, für Hörgeschädigte, für geistig Behinderte , für Erziehungshilfe.
    Das Einleiten eines Förderschulverfahrens bedeutet auch nicht, dass das Kind an eine andere Schule muss, aber das sind Experten, die helfen können, wenn man sie lässt.

    Und während die Erwachsenen ihren Kopf durchsetzen wollen bleibt das arme Kind auf der Strecke. Denn während der Vater sich durch alle Instanzen klagt, bleibt sein Sohn mehr oder weniger auf der Strecke. Und um das Kind sollte es gehen, und darum, was das Beste dafür ist.



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