Auf dem Zeugnis fehlte plötzlich "Sozialistisches Recht"

30 Jahre Mauerfall Erst einen Monat zuvor hatte Andrea Arnold ihre Ausbildung begonnen. Der Weg zum Facharbeiter mit Abitur fiel für sie in eine Zeit voller Umbrüche - gerade in der Textilindustrie.

Thalheim.

Als die Mauer fiel, büffelte Andrea Arnold mit fünf anderen Mädchen im Internat in Oberlungwitz Vokabeln. Aus dem Radio - es lief Rias Berlin - hörte eine Klassenkameradin, dass die Grenzen offen seien. "Ach Quatsch, haben wir zu ihr gesagt. Du hast dich bestimmt verhört", erinnert sich Andrea Arnold an den 9. November 1989. "Und dann sind wir schlafen gegangen." Erst einen Monat zuvor hatte die damals 16-Jährige beim VEB Strumpfkombinat Esda Thalheim ihre Berufsausbildung mit Abitur zum Facharbeiter für Textiltechnik begonnen. Nicht ihr Traumjob. "Aber mit 16 hatte ich noch keine klaren Vorstellungen." Aufgehoben zu sein, das zählte. Es wurde eine Lehre, die in der DDR begann und 1992 mit einem IHK-Brief endete.

Am nächsten Tag, dem 10. November 1989, ein Freitag, sollte es aus dem Internat nach Hause gehen. Der Betriebsbus morgens: "leerer als sonst". Die Stimmung in der Schule: "Komisch, aber keiner sagte etwas. Wir hatten normal Unterricht. Nur ein paar Lehrer haben gefehlt. Aber es war ja auch Freitag", blickt Andrea Arnold zurück.

Heute leitet sie den Fachbereich Bürgerservice im Burkhardtsdorfer Rathaus, ist zudem ehrenamtliche Bürgermeisterin von Gornsdorf. "Damals, mit 16 war ich nicht sonderlich politisch interessiert. Klar hatten wir von den Demos gehört. Aber keiner von uns wäre auf die Idee gekommen, dahin zu fahren. Zu groß war die Angst, dass man da in etwas hineingerät." Im Bus nach Hause war es wichtiger miteinander zu klären, ob es an dem Abend noch in die Disco nach Jahnsbach geht. An der Bushaltestelle in Thalheim kam ihr schon ihr Vater entgegen. "Ich brauche deinen Ausweis. Ich will zum Rathaus, einen Stempel holen, morgen fahren wir nach Regensburg", rief Bernd Nobis seiner Tochter zu. In Regensburg wohnte Verwandtschaft der Familie. Andrea Arnold war ungläubig, das sah man ihr wohl an: "Mein Vater meinte nur: Die Grenzen sind auf. Geh' heim und schalt' den Fernseher ein." In die Disco ging es an dem Abend nicht mehr. "Die Aufregung war zu groß."

Die Ausbildung ging zunächst normal weiter, so Arnold. Sozialistisches Recht gab es bald nicht mehr, das hieß nun Sozialkunde. Dafür kamen unter anderem Biologie und Geografie hinzu. Die Betriebsschule firmierte nicht mehr an der Karl-Marx-Straße, sondern an der Hofer Straße. Blick Richtung Westen. Die ersten Betriebe mussten schließen. "Viele mussten sich neue Praxispartner suchen. Es waren unruhige Zeiten." Andrea Arnold hatte Glück. Rosig lief es zwar auch für die Strumpfindustrie nicht, doch die Esda blieb. "Wir Lehrlinge wurden viel rumgereicht. Thalheim, Dorfchemnitz, die Lehrwerkstatt in Auerbach." Immerhin: ein Abschluss. Die Berufsausbildung mit Abitur plus der Facharbeiterbrief von der IHK. Das Kombinat wurde derweil entflochten. "Es war allen klar, dass es dort nach der Ausbildung nicht weitergeht."

Wieder stand sie vor der Frage, was sie machen will. Sorgen, sagt sie, habe sie sich nie gemacht. "Als junger Mensch und gelernter DDR-Bürger denkt man sich: Irgendwie wird es schon." Ihr Opa entdeckte in der "Freien Presse" eine Anzeige für den Dienst in der Verwaltung. "Beamter, das erschien in dieser Zeit als sichere Bank", sagt Andrea Arnold. Sie entschied sich für den mittleren Dienst. Für den gehobenen Dienst hätte sie nach Meißen gemusst. Wieder weg von Zuhause. "Schon im Internat in Oberlungwitz hatte ich Heimweh." Am Ende fügte es sich. Nach der Ausbildung begann sie im Rathaus von Gornsdorf. Der Nachbarort.

Alle Beiträge der Serie "30 Jahre Mauerfall"

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...