Auf detektivischer Spurensuche

Die Waldenburger Museumsleiterin Fanny Stoye will sich intensiver mit dem kolonialen Erbe der Sammlung befassen. Bei einigen Exponaten ist die Herkunftsgeschichte noch nicht geklärt.

Waldenburg.

Vorsichtig und mit weißen Handschuhen holt Fanny Stoye, Museumsleiterin des Waldenburger Naturalienkabinetts, einen über 100 Jahre alten Massai-schmuck aus Messing aus einer gesicherten Museumsvitrine. Die wenigsten Museumsbesucher wissen, welch heikle Vergangenheit sich hinter dem Exponat verbirgt. Stoye hat sich auf die Fahne geschrieben, die Herkunftsgeschichte von Exponaten, die im Zuge der Kolonialzeit in die Sammlung gelangten, näher auf den Grund zu gehen.

"Wir sind weit davon entfernt, die Geschichte zu jedem Ausstellungsobjekt zu kennen", bedauert die Expertin. Aus diesem Grund möchte die 34-Jährige mit ihrem Team bis Ende des Jahres alle ethnografischen Ausstellungsobjekte in eine Datenbank stellen, auf die Experten weltweit Zugriff haben. Mit diesem Schritt will die Kunsthistorikerin in erster Linie Erkenntnisse darüber sammeln, wie Exponate mit kolonialen Hintergrund in die Sammlung gelangten.

Im Fall des Massaischmuckes haben die Mitarbeiter des Museums schon weitere Erkenntnisse gewinnen können. Für die Ureinwohnerinnen aus Ostafrika war der Ohrschmuck, den sie in ihren ausgeweiteten Ohrläppchen trugen, nicht nur Dekor, sondern symbolisierte den Übergang von der Kindheit zur Pubertät. "Man kann sich vorstellen, dass die Frauen ihren Schmuck nicht widerstandslos den deutschen Kolonialherren im 19. Jahrhundert überlassen wollten. Er war Teil ihrer Identität", sagtStoye. So gibt es zeitgenössische Überlieferungen, in denen geschildert wird, wie ihnen der Ohrschmuck auf blutige Weise entrissen wurde. "Mitunter wurde er den Frauen einfach vom Hals geschnitten", weiß die gebürtige Leipzigerin zu berichten. Vermutlich, so die Kunsthistorikern, gelangte der Schmuck durch einen Missionar aus Dresden namens Bruno Gutmann zwischen 1910 und 1920 nach Deutschland, wo ihn später Fürst Otto Victor II. von Schönburg-Waldenburg erwarb.

Ein ähnliches Schicksal weiß Stoye über eine Stammeskeule zu berichten, die an einer Wand im Treppenhaus der musealen Einrichtung hängt. Die Keule, ein sogenanntes Patu, hatte eine Doppelfunktion. Sie diente den Stammesführern der Maori aus Neuseeland bei Kämpfen als Waffe und symbolisierte gleichzeitig dessen Rang in der Gemeinschaft. Als es 1843 zu blutigen Kämpfen zwischen den britischen Kolonialherren und den Ureinwohnern kam, gelangten die Keulen in die Hände der Kolonialherren. "Die erbeuteten Würdenabzeichen wurden auf Auktionen versteigert. Vermutlich gelangte auf diese Weise das Patu in die Sammlung", erklärt die 34-Jährige. Über die Bedeutung der geschnitzten Ornamente am Handgriff, sei sie sich bisher noch nicht im Klaren. "Ich habe mit einer Völkerkunde-Expertin aus Neuseeland Kontakt aufgenommen und erhoffe mir darüber weitere Informationen."

Ebenso gibt eine hölzerne Mönchskulptur noch einige Rätsel auf. Bekannt ist, dass sie durch einen Matrosen aus Rudolstadt, der bis 1901 zur Besatzung des deutschen Kriegsschiffes SMS Iltis gehörte, die an dem blutig niedergeschlagenen Boxeraufstand 1900 in China beteiligt war. Während des Aufstandes kam es zu zahlreichen Plünderungen beispielsweise in Sommerpalästen. Am hinteren Teil der Figur entdeckte die Expertin grobe Einkerbungen, so als wäre die Figur abgeschlagen worden. "Ich vermute, dass die Mönchsskulptur zu einer größeren Schnitzerei gehörte", sagt die Museumsleiterin.

Der koloniale Hintergrund spielte bis vor einigen Jahren in europäischen Museen eine untergeordnete Rolle. Nachdem 2017 der französische Präsident Macron in Burkina Faso die Rückgabe afrikanischer Kunst innerhalb von fünf Jahren ankündigte, löste er eine Welle des Umdenkens aus. Seit einiger Zeit wird die Rückgabe von Objekten aus kolonialen Kontexten auch in Deutschland kontrovers diskutiert. Auch sächsische Museen hat diese Problematik längst erreicht.Doch für kleinere und mittlere Museen, so die Expertin, fehle für Recherchearbeiten und gemeinsame Forschungsprojekte mit den Herkunftsländern oftmals die notwendige finanzielle Unterstützung.

Bei dem Massai-Schmuck aus Afrika, dem Patu aus Neuseeland und der Mönchsskulptur aus China ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich dabei um Raubkunst handelt. Das belegen die bisherigen Ermittlungen. Doch was passiert, wenn diese Exponate tatsächlich an ihre Herkunftsländer zurückgegeben werden müssen? Fanny Stoye antwortet: "Wir als Museum stehen für Transparenz und Offenheit. Sollte bei Objekten nachgewiesen werden, dass es sich dabei um Raubkunst handelt, werden wir Lösungen finden."

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