Authentisch und glaubwürdig: Filmemacher lieben Hoheneck

Immer öfter wird gedreht in dem ehemaligen Frauenzuchthaus, das über Stollberg thront. Eines der größten Projekte läuft gerade bei den Festspielen in Cannes. Doch rund um den Film des bekannten amerikanischen Regisseurs Terrence Malick ist noch vieles im Verborgenen.

Stollberg.

Wenn sie wegen der bevorstehenden Wahl nicht so eingespannt wären, würden Sylvia Osswald und Bianca Eichhorn - beide sind Mitarbeiterinnen im Stollberger Rathaus - am heutigen Samstag im Internet die Verleihung der Goldenen Palme bei den Filmfestspielen in Cannes verfolgen. Als Favorit für den begehrten Preis gilt "A Hidden Life" des mehrfach ausgezeichneten amerikanischen Regisseurs Terrence Malick. Die Geschichte über den Österreicher Franz Jägerstätter, der in den 1930er-Jahren den Kriegsdienst verweigert und dafür hingerichtet wird, hat vor wenigen Tagen Weltpremiere gefeiert. Schon jetzt wird er von den Kritikern gelobt. Gedreht wurde unter anderem in Südtirol, Berlin - und Stollberg. Das ehemalige Frauenzuchthaus Schloss Hoheneck diente als Kulisse für den Film, der mit August Diehl und dem inzwischen verstorbenen Bruno Ganz hochkarätig besetzt ist. Nicht das erste Projekt: Längst haben Fotografen und Filmemacher die alten Gemäuer für sich entdeckt.

Die Dreharbeiten für "A Hidden Life" fanden schon 2016 statt. Sylvia Osswald ist im Rathaus für die Liegenschaften zuständig und war damals Ansprechpartnerin, als es um Hoheneck ging. Inzwischen hat die Stadt mit dem Areal Stalburc/Ho- heneck so viel vor, dass sich ein extra Team darum kümmert. Bianca Eichhorn ist für die Gedenkstätte zuständig. Sie schaut sich jede Anfrage genau an. Das sind mehrere im Jahr. "Meist sind es Dokumentationen, Aufnahmen mit Zeitzeugen, teils mit wissenschaftlichem Auftrag. Das machen wir gerne, weil wir das Material zum Teil in unsere Gedenkstätte integrieren können." Auch Architekten und Kunststudenten sind schon durchs Haus gegangen.


Kritisch wird Bianca Eichhorn aber bei nicht ganz fundierten Wissenschaften oder kommerziellen Aufnahmen. "Wir hatten Anfragen von Leuten, die Strömungen von Geistern messen wollten. Ich will nichts dagegen sagen, aber das passt nicht hierhin. Wir gehen sehr feinfühlig mit den Anfragen um. Das war kein normales Gefängnis. Dort saßen zum Teil unschuldige Frauen, die traumatisiert wurden und denen die Kinder weggenommen wurden", betont Eichhorn, die dann auch nur vorher festgelegte Bereiche zugänglich macht. Auch erotische Fotoshootings kämen nicht in Frage, wurden durchaus aber schon angefragt. "Die Frauen im Gefängnis hatten zum Teil keine Bettwäsche, und dann sollen hier leicht bekleidete Damen fotografiert oder Zombiefilme gedreht werden? Das geht nicht." Es muss zum Charakter passen, ergänzt Stollbergs Oberbürgermeister Marcel Schmidt: "Jede Nutzung des Komplexes muss mit seiner Geschichte verträglich sein.

Die Dreharbeiten für "A Hidden Life" sei das bisher größte Projekt gewesen, sagen Osswald und Eichhorn. Ein halbes Jahr dauerte es, bis der Vertrag stand, mit dem die Stadt quasi zur Verschwiegenheit über die Dreharbeiten verpflichtet wurde. Zwei Tage im August 2016 besetzte ein Team von mehr als 50 Leuten das Objekt und den Parkplatz, inklusive Catering-Lkw für die Crew und Security am Tor. Selbst Sylvia Osswald kam nur mit Ausweis rein. "Das war toll, die Komparsen in historischer Kleidung im Hof zu sehen." Gedreht wurde in den Zellen 5 und 44. Auch der Denkmalschutz war beteiligt, denn die Wände wurden aufwendig umdekoriert. Alles, was zu modern war, wurde abgeklebt. Schließlich spielt der Film zur Nazizeit. Auf Authentizität legten die Filmemacher Wert. "Hinterher musste alles wieder in den Originalzustand versetzt werden", sagt Osswald. Auf dem Gelände wurde damals schon gebaut, sodass Freitagnachmittag und Samstag gedreht wurde.

Welche Szenen genau gedreht wurden und welche der Schauspieler hier waren, das weiß in Stollberg keiner. Gut möglich, dass es Verhör-szenen waren. Die für den Film zuständige Agentur gibt noch keine Informationen heraus. Und Terrence Malick gilt als sehr zurückhaltend. Als einer, der sich nicht dafür interessiert, ob Pressemeldungen den Erfolg seiner Filme beflügeln. Gegenüber "Freie Presse" teilte die Agentur nur mit, dass der Film Anfang 2020 in die deutschen Kinos kommt.

Am heutigen Sonnabend findet im Areal ein Tag der offenen Zellentür statt. Unter anderem gibt es ab 11 Uhr Führungen und Zeitzeugengespräche. Ende ist gegen 16 Uhr.

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