"Die Fusion steht nicht auf der Kippe"

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Marcel Koch an der Spitze der kommunalen Krankenhausgesellschaften im Erzgebirgskreis spricht über Tarife, neue Abteilungen und Altlasten

Annaberg-Buchholz/Zschopau/Stollberg.

Bevor der Geschäftsführer der drei kommunalen Krankenhausgesellschaften im Erzgebirgskreis vorige Woche Details über die geplante Verschmelzung öffentlich vorstellen konnte, erhielt er Gegenwind von der Belegschaft. Im Interview mit Mike Baldauf erklärt Marcel Koch, was die Mitarbeiter zu erwarten haben.

"Freie Presse": Das Erzgebirgsklinikum Annaberg ist Mitglied im Kommunalen Arbeitgeberverband, das Personal wird nach dem Tarif für Ärzte an kommunalen Krankenhäusern im Öffentlichen Dienst (TVöD VKA) bezahlt. Warum wollen Sie das Modell nicht auf alle Kliniken ausweiten?

Marcel Koch: Ein Grund ist, dass wir den Kommunalen Arbeitgeberverband verlassen wollen. Dort sind ohnehin nur noch fünf von 78 Kliniken in Sachsen Mitglied. Auf diese Weise kommen wir auch raus aus dem Kommunalen Schadensausgleich. Weil der nicht ausreicht, sind wir momentan gezwungen, über den Konzern hinweg Versicherungsprämien in siebenstelliger Höhe abzuschließen. Wir reden hier von einer Summe in Millionengröße. Das sieht aber keiner. Da redet keiner darüber. Hinzu kommt, dass der TVöD bei den Ärzten in einigen Bereichen nicht mehr konkurrenzfähig ist. Da müssen wir jetzt schon Zulagen zahlen, um überhaupt auf das Niveau unserer nächsten Mitbewerber zu kommen. Uns ist also auch nicht damit geholfen, wenn wir den TVöD anwenden und dann trotzdem noch eine Schippe drauflegen.

Nennen Sie ein Beispiel.

Blicken wir nach Zschopau. Das Klinikum hat keinen Tarifvertrag, wendet aber den TVöD an. Die beiden Ärzte, die wir hier jüngst gewonnen haben, hätten wir mit dem TVöD nicht mehr zu uns locken können, weil ein nicht allzu weit entferntes großes Klinikum einen Haustarif hat, der besser zahlt als der TVöD. Da mussten wir natürlich mitziehen. Das heißt, wenn ich den Ärzten gesagt hätte, ich zahle nach TVöD, dann wären sie nicht nach Zschopau gekommen.

In Stollberg dürften die Gegensätze noch größer sein.

Dort sind wir zum Beispiel in der Pflege nicht konkurrenzfähig. Die Kollegen in Stollberg akzeptieren seit Jahren eine Bezahlung acht bis neun Prozent unter dem Niveau, das in Annaberg und Zschopau gezahlt wird. Alle Mitarbeiter haben also schon so ihre Opfer gebracht. Wenn wir die Entlohnung auf ein einheitliches Niveau führen wollen, ist ein Haustarifvertrag ein guter Ansatz.

Wie sollte der aussehen?

Wir sind mit der Entgelttabelle Pflegedienst des Tarifvertrages Öffentlicher Dienst ganz gut konkurrenzfähig. Das würde ich so auf alle Häuser übertragen wollen. Aber das ist noch nicht entschieden, sondern vorerst ein Vorschlag an den Betriebsausschuss.

Sie versuchen zu vermitteln, dass sich Pfleger und Ärzte mit Konzerntarifvertrag keine Sorgen machen müssen. Und die anderen Berufsgruppen?

Bei den übrigen Abteilungen werden wir auf die Haustariftabelle von Stollberg gehen. Die schon ausgegliederten nichtmedizinischen Dienstleister haben ja ohnehin einen eigenen Tarifvertrag. Die Krankenhausservicegesellschaft Stollberg zahlt nach Haustarif. Die Annaberger Dienstleistungs-Gesellschaft hat gar keinen Vertrag. Die dort Beschäftigten sind praktisch in der Besitzstandswahrung. Wir machen uns ja nicht über jeden Mitarbeiter neu Gedanken, welches Gehalt wir zahlen, sondern die sind schon eingruppiert. Da fehlt nur der Segen des offiziellen Haustarifvertrages. Aber auch diese Mitarbeiter sind konkurrenzfähig entlohnt. Ich denke nicht, dass man in den Servicegesellschaften der umliegenden Krankenhäuser signifikant mehr verdient.

Wie erklären Sie das der Belegschaft?

Ich möchte im Gespräch mit den Mitarbeitern darstellen, wer überhaupt von welcher Veränderung betroffen ist. Und dann wird man feststellen, dass die breite Masse gar keine Veränderungen zu befürchten hat. Das Kernpersonal wird nicht betroffen sein. Es gibt eine große Gruppe in Stollberg, die durch den ganzen Vorgang deutlich besser gestellt werden wird. Und es gibt eine Gruppe von Mitarbeitern, die künftig nicht mehr weiter mit dem Krankenhaus mitwächst, sondern innerhalb der dann geltenden Tarifverträge für die Tochtergesellschaften. Das haben wir aber von Anfang an ehrlich gesagt.

Welche Bereiche wird das betreffen?

Das sind zum Beispiel die nichtmedizinischen Dienstleistungen im Zschopauer Krankenhaus wie Archiv, Schreibdienst, Küche, Empfang oder Bettenaufbereitung. In Annaberg und Stollberg ist die Ausgliederung in eine Servicegesellschaft schon erfolgt. Das holen wir jetzt in Zschopau nach. Genau das ist auch der Sinn der Fusion, dass wir die nichtmedizinischen Dienstleistungen und auch die Verwaltungen zusammenlegen - die Servicebereiche in Tochtergesellschaften, die Verwaltung innerhalb der künftigen Krankenhausgesellschaft. Das impliziert aber, dass nicht mehr alles so weiterläuft wie bisher. Dass ich für diese Mitarbeiter, auch für die, die ich ausgliedere, keine positiven Nachrichten überbringe, weiß ich. Aber ich habe nicht nur 100 Beschäftigte, auf die ich Rücksicht nehmen muss. Sondern mein Auftrag lautet, 2300 Mitarbeiter ins Jahr 2030 zu führen.

Glauben Sie, dass die Betroffenen das verstehen?

Den Mitarbeitern wird ja nichts weggenommen, sondern sie steigen in den Gehältern nur nicht mehr so stark wie andere. Für mich ist das eine akzeptable Lösung.

Sie hatten angekündigt, niemanden zu entlassen.

Wir machen das über natürliche Fluktuation. Es gibt zum Beispiel Abteilungen, die haben keine Zukunft mehr. Dazu gehört der Schreibdienst. Wir arbeiten in Richtung Volldigitalisierung. Ärzte werden bald mit automatischer Spracherkennung arbeiten. Das hat zur Folge, dass die jetzt vorhandene deutliche Gruppe an Schreibkräften im Zuge der Altersregelung irgendwann wegfällt. Auf keinen Fall werden wir neue Schreibkräfte einstellen. Das gleiche gilt für die Mitarbeiter im Archiv. Mit der Einführung des volldigitalen Archives hat die Papier-Akte keine Zukunft mehr. Früher oder später werden wir auch die alten Akten digitalisieren lassen und haben dann alles im System. Da hinken wir im Vergleich zu anderen Kliniken ein Stück weit hinterher.

Lässt sich der dafür nötige Personalabbau wirklich allein durch natürliche Fluktuation regeln?

Nein, wir haben ja auch neue Abteilungen geschaffen wie die Stabsstelle Qualitätsmanagement, Risikomanagement und Vertragsmanagement. Das Thema Controlling bekommt eine eigene Stabsstelle wie auch Unternehmenskommunikation, Marketing und Pressearbeit. Eine der Mitarbeiterinnen, die wir jetzt dafür gewinnen konnten, kommt zum Beispiel aus dem Schreibdienst. Mitarbeiter aus dem Schreibdienst könnten etwa auch im Bereich Medizin-Controlling arbeiten - eine weitere Abteilung, die wir schaffen wollen und die sich mit der korrekten Abrechnung unserer Fälle befasst.

Welche Ansätze gibt es noch, das medizinische Spektrum zu erweitern?

Ich würde ebenso Palliativmedizin an mehreren Standorten ansiedeln. Wir haben sehr viele Patienten, die im Grunde genommen ausbehandelt sind. Bei ihnen ist medizinisch nicht mehr viel zu machen, aber sie haben einen hohen Leidensdruck - seien es Schmerzen oder Krankheitsverläufe.

Vom Betriebsrat haben Sie Gegenwind bekommen, noch bevor Sie der Belegschaft erste Details der Krankenhaus-Fusion erläutern konnten. Bringt das den Ablauf durcheinander?

Nein, gar nicht. Die Diskussion im Betriebsausschuss ist rechtlich vollkommen losgelöst von der Diskussion mit den Mitarbeitern um den Interessenausgleich im Sozialplan. Dieses Prozedere läuft ganz normal weiter, und am Ende muss irgendwann der Kreistag einen Beschluss fassen. Wenn der wie vorgesehen am 7. Juli erfolgt, dann sind wir im Zeitplan und haben unseren offiziellen Auftrag. Die Fusion insgesamt steht nicht auf der Kippe, es geht nur um die Rahmenbedingungen.

Was macht Sie so sicher?

Also wer jetzt wirklich noch von der Fusion abrücken möchte, der hat die Zeichen der Zeit überhaupt nicht verstanden. Kein einziges dieser Krankenhäuser ist auf Dauer alleinstehend überlebensfähig. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Und ich meine, diese Überzeugung teilen ganz viele mit dem nötigen Fachwissen. Ohne den Verbund der Holding wären schon heute die beiden Häuser in Stollberg und Olbernhau nicht mehr existent. mik

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