"Für mich zählen immer nur die Fakten"

Scheidender Landtagsabgeordneter der Linken zieht nach drei Jahrzehnten in der Kommunal- und Landespolitik Resümee

Lugau.

Nach 20 Jahren sagt Klaus Tischendorf, Ex-Kreischef der Partei Die Linke, dem Landtag adé. Doch das ist nicht die einzige Veränderung in seinem viel längeren Politikerleben. Für seine Zukunft setzt er jetzt andere Prämissen. So hat er seine Zelte in Lugau abgebrochen und ist nach Dresden gezogen. Doch ganz aus der Politik will sich der erfahrene Linke nicht ausklinken. Andreas Luksch sprach mit ihm über Erfolge, Niederlagen, Visionen - und seine Pläne für die nächsten Jahre.

"Freie Presse:" Das Wahlergebnis für Die Linke bei der Landtagswahl war alles andere als berauschend. Sind Sie froh, aus der Verantwortung raus zu sein?

Klaus Tischendorf: Natürlich ärgert mich unser Abschneiden. Und selbstverständlich müssen wir jetzt darüber reden, wie es dazu kommen konnte. Bei der Aufarbeitung werde ich mich mit einbringen, wenn auch nicht mehr an vorderer Stelle. Die Akzente müssen nun die Jungen setzen.

Was ist bei den Linken im Kreis, in Sachsen falsch gelaufen?

Es gibt jetzt viele ganz Gescheite, die schon immer wussten, woran unser Misserfolg liegt. Ich sehe das kritisch: Warum haben die nichts vorher gesagt? Andere lesen aus dem Wahlergebnis lediglich einen Angleichungsprozess Ost/West heraus: Während wir bei uns Verluste verzeichnen, geht's im Westen aufwärts mit den Linken. Doch eher wird es wohl so sein, dass es Die Linke im ländlichen Raum, wie etwa im Erzgebirge, schwieriger hat als in den großen Städten. Die Bevölkerung hier ist einfach konservativer. Früher kam der Frust über schlechtere Infrastruktur und Lebenschancen uns zu Gute, heute der AfD.

Was raten Sie Ihrer Partei, was muss anders werden?

Was wir jetzt ganz schnell brauchen, sind Lösungskonzepte, die die Probleme der Leute noch klarer widerspiegeln. Ein guter Ansatz im Wahlkampf waren da etwa die Dorfläden. Die Idee kam sehr gut an. Doch für die Zukunft müssen wir noch deutlicher machen - auch im Gegensatz zur AfD - dass sich im Erzgebirgskreis und in ganz Sachsen nur etwas bewegen wird, wenn wir den Zuzug von ausländischen Fachkräften zulassen und die Lebensbedingungen vor Ort so gut gestalten, dass kein Jugendlicher mehr wegziehen will.

Sie selbst waren seit 2014 Chef des mächtigen Landtags-Finanzausschusses. Sie trugen damit für viele Entscheidungen Mitverantwortung. Ist Die Linke nach 30 Jahren Mitwirken in der Demokratie zu angepasst?

Natürlich hinterlässt die aktive Mitarbeit in Gremien Spuren. Vor allem wenn man auch unpopuläre Entscheidungen fällen muss. Doch für mich zählen immer nur die Fakten, nicht Stimmungslagen oder politische Utopien. Wie etwa bei der Verkleinerung des Filialnetzes unserer Erzgebirgssparkasse. Das wurde, denke ich, von meinen Wählern anerkannt. Sonst wäre ich nicht drei Mal wiedergewählt worden. Andererseits muss man sehen, dass wir als Linke viele gute Projekte unterstützt haben, den Erfolg hefteten sich dann aber meist die CDU-Abgeordneten ans Revers. Unsere eigenen Vorschläge wurden abgeschmettert oder von der Regierung über die Hintertür als eigene Ideen eingebracht. Aber das ist nun mal das Schicksal einer Oppositionspartei.

Haben Sie nach 30 Jahren als Linker noch Visionen, etwa auch was den Kommunismus betrifft?

Begriffe sind für mich Schall und Rauch. Das Wort Kommunismus habe ich nie in den Mund genommen. Andererseits ist doch schon jetzt absehbar, dass die jetzige Gesellschaftsform, die soziale Marktwirtschaft, nicht das Ende aller Dinge sein kann. Es wird in Zukunft mehr als je zuvor um Gerechtigkeit gehen. Dafür brauchen wir Antworten, damit die nächsten Generationen ohne Existenzangst in die Zukunft gehen können. Der Strukturwandel hat schon überall begonnen, etwa in der Autoindustrie. Beschäftigte bei den Zulieferern machen sich Gedanken, was bei E-Autos für sie noch zu tun bleibt. Da kommen schon Existenzängste auf. Die Politik muss deshalb handeln.

Da spricht voll der Gewerkschaftsfunktionär aus Ihnen heraus. Werden Sie diesem Engagement künftig noch mehr Aufmerksamkeit schenken?

Derzeit bin ja noch ehrenamtlicher Kreisvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes und Bezirksvorsitzender bei Verdi mit über 86.000 Mitgliedern. Ich bin aber noch am Überlegen, wie es beruflich weitergeht. Noch bekomme ich ja Übergangs- und auch Altersgeld für 20 Jahre im Landtag. Auf alle Fälle werde ich mich weiter einbringen.

Ihr Lebensmittelpunkt ist nunmehr Dresden. Werden Sie noch Kontakt nach Lugau halten?

Klar, schon rein familiär. Aber auch mit dem Bürgermeister bleibe ich in Kontakt. Erst jüngst habe ich ein paar Tage mit dem Wohnwagen einen Zwischenstopp in Oelsnitz eingelegt.

Deutet das etwa auf eine Zukunft als Camper hin?

Sicher werde ich diese Möglichkeit mehr als bisher nutzen. Doch unbedingt will ich noch einmal nach Japan, andere Gesellschaftsmodelle kennenlernen. Nur nach Amerika zieht es mich derzeit nicht - wegen Trump.


Zur Person

2018 hat Klaus Tischendorf seinen Lebensmittelpunkt von Lugau nach Dresden verlegt. Bis 1999 war der gelernte Baufacharbeiter Sachgebietsleiter in der Kreisverwaltung Stollberg. Tischendorf ist seit 37 Jahren verheiratet, hat einen Sohn und zwei Enkel. Vor der Wende war er parteilos, trat jedoch 1990 in die PDS ein. Von 2010 bis 2015 war er Kreisvorsitzender der Partei Die Linke. Die Liste ehrenamtlicher Tätigkeiten seit 1990 ist lang: u.a. Stadtrat in Lugau, stellv. Mitglied des Verwaltungsrates der Sächsischen Aufbaubank, Vorsitzender des Kommunalpolitischen Forums Sachsen. Im Landtag war er von 1999 bis 2019, dort zuletzt Vorsitzender des Haushalts- und Finanzausschusses. ( alu)

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