Großer Bahnhof rund um den Bahnhof

Eine 1,8-Millionen-Euro-Investition der Stadt und der Verkehrsverbund Mittelsachsen sorgen dafür, dass das Areal noch immer ein Ort der Begegnung ist. Am Wochenende hat die Stadt nun 140 Jahre Eisenbahn in Stollberg gefeiert - dabei ging der Blick aber nicht nur zurück.

Stollberg.

Ein wenig Geduld ist gefragt und ein guter Standort - und dann muss es recht schnell gehen. Vom Moment des Auftauchens der "35 1079" bis zu dem, da sie vorbeigefahren ist, vergehen nur wenige Sekunden. Aber die werden von den zahlreich auf den Bahnsteigen stehenden Besuchern des Stollberger Bahnhofsfestes rege genutzt - die alte Dampflok ist zweifelsfrei an diesem Sonntag das Fotomotiv Nummer eins. 140 Jahre Eisenbahn in Stollberg wurden gefeiert - mit vielen Angeboten unter anderem von Stollberger Vereinen und einem Bühnenprogramm, das von Chorgesang bis Dixieland reichte. Gedankt wurde es den Veranstaltern - die Stadt hatte unter anderem die Citybahn Chemnitz und den Verkehrsverbund Mittelsachsen ins Boot geholt - mit einem den gesamten Tag nicht abklingenden Besucherstrom.

Eingestimmt worden auf das Fest war am Samstagabend im Kulturbahnhof - unter anderem mit einer Filmvorführung und einer Ausstellungseröffnung. Eisenbahnfans waren im Vorfeld aufgerufen, sich mit Gegenständen oder Erinnerungen zu beteiligen. Entstanden ist eine Schau mit historischen Fotos von verschiedenen Loks und Zügen, mit Uniformen, original Protokollen zweier Zugentgleisungen, Fahrplänen sowie Projektstudien zu geplanten, aber nie verwirklichten Streckenführungen.


Zur Verfügung gestellt hat diese Unterlagen Jens Hanisch, der als Mitglied im Verein Eisenbahnmuseum Schwarzenberg sehr viel zu dem Thema recherchiert hat. Der Hobbyhistoriker ist einer von sieben Personen, die für die Ausstellung Unterlagen ausgesucht haben. Aus der privaten Sammlung von Robert Wappler sind beispielsweise Eisenbahnmützen, Schaffnerkellen, Lochzangen von früher und heute sowie ein Signalbuch zu sehen. Seit seinem 4. Lebensjahr ist der Stollberger Eisenbahnfan. Besonders stolz ist er auf die Mütze eines Eisenbahners. Das Original hat ihm seine Oma organisiert. Sie arbeitete in Aue in der Poliklinik. Als ein langjähriger Patient in Ruhestand ging, hat er ihr für den Enkel seine Mütze, die er ein Arbeitsleben lang getragen hat, geschenkt. "Die hatte ich ständig auf dem Kopf", erzählt Robert Wappler. "Einmal bin ich damit sogar auf der Modellbahnanlage, die mein Vater mühevoll gebaut hatte, spazieren gegangen. Der Schaden, den ich angerichtet habe, tut mir heute leid", sagt der Zugbegleiter bei der Deutschen Bahn. Der bevorzugte Spielplatz des überzeugten Nutzers der Eisenbahn, der kein Auto besitzt, war der Bahndamm. "Begannen die Rangierarbeiten, bin ich allerdings stiften gegangen und habe mich versteckt", erinnert er sich.

Interessiert verfolgte der 32-Jährige die Vorführung historischer Filme zur Stollberger Eisenbahn. Aus der Sicht von Dampflokführern und Hobbyfilmern wurde die Entwicklung des Dampfbetriebes dargestellt. So erzählt ein Bahn-Liebhaber aus den alten Bundesländern, der zu DDR-Zeiten einmal vier Tage in der Region verbringen durfte, wie glücklich er über Filmaufnahmen, aber besonders über original Tonaufnahmen war. "Versteckt unter Käsestullen" habe er das Film- und Tonmaterial dann über die Grenze gebracht, so Rainer Hartmann. Denn das war eigentlich nicht erlaubt.

In einem zweiten Film standen Erinnerungen an viele Reisende auf den Bahnsteigen, an immer freundliche und stolze Bahnmitarbeiter, an Ein- und Ausfahrten aus verschiedenen Bahnhöfen der Region sowie die Bahnstrecke nach Zwönitz im Mittelpunkt. Beeindruckend waren die Schneemassen, fast so hoch wie die Wagen, und motivierte Schaffner beim Schippen.

Aber der Blick ist am Wochenende nicht nur in die Historie der Bahnlinie gegangen. Am Samstag gab es mit einem Fachvortrag zum Chemnitzer Modell auch einen Ausblick. Denn dieses sieht - wenn auch nicht vor 2022 - auch eine Direktfahrt von Chemnitz nach Oelsnitz vor, mit weiteren Haltestellen im Stadtgebiet von Stollberg.


Der Weg zum Kulturbahnhof

Die Eisenbahnstrecke Stollberg - St. Egidien wurde 1878 provisorisch für den Güter- und 1879 auch für den Personenverkehr eröffnet. Hintergrund war vorrangig der Abtransport der im Lugau-Oelsnitzer Revier geförderten Steinkohle.

Mit dem Ende der Kohleförderung sank die Bedeutung der Strecke für den Güterverkehr und mit der politischen Wende 1989 gingen auch im Personenverkehr die Beförderungszahlen zurück. Letztlich entschied sich aber der 1997 gegründete Verkehrsverbund Mittelsachsen für die Weiterführung des Betriebes.

Das Bahnhofsgebäude wurde im Jahr 2007 zum Kulturbahnhof umgebaut. Damit wurde es zur Heimstatt unter anderem für Vereine - passenderweise auch den Stollberger Modelleisenbahnclub - und einen Reise-Café-Point. Es gibt hier Ausstellungen, Dia-Abende und Konzerte.

Rund 1,8 Millionen Euro kostete es die Stadt Stollberg, das Gebäude zu kaufen, zu sanieren und umzubauen. Nebenan entstand zudem eine Skaterbahn, aus dem Bahn-Wohnhaus wurde ein Jugendclub. Gefördert wurde das Projekt Kulturbahnhof zu knapp 90 Prozent. (vh)

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