Hitlers Helfer haben auch eine Burkhardtsdorferin ermordet

Nach der aufwühlenden Geschichte über einen vertuschten Nazi-Mord an einer Brünloserin vor fast 80 Jahren ist nun ein neuer, ebenso grausamer Fall aufgetaucht - dank Wolfgang Marschner, der seit Jahren das Leben seiner Ahnen erforscht. Von dieser Frau gibt es zumindest Bilder - und Fakten. Wird nun auch in Burkhardtsdorf ein Stolperstein verlegt?

Burkhardtsdorf.

Seit Jahren erforscht der Burkhardtsdorfer Wolfgang Marschner die eigene Familiengeschichte. "Die väterliche Linie kann ich mittlerweile bis ins Jahr 1650 belegen", sagt der Mann stolz. Dieser Stammbaum hat allerdings auch einen Nebenast, der nicht nur ein Familiengeheimnis, sondern auch an Tragik kaum noch zu überbieten ist. "Die ganze Sache war in der Versenkung verschwunden."

Marschner hatte festgestellt, dass sein Großvater Alwin schon eine erste Ehefrau gehabt hat. 1910 haben er und Linda Clara Scheibner geheiratet. "Wie sich herausstellte, war das Schicksal der Frau sehr traurig - auch für mich, obwohl ich ja nicht mit ihr verwandt bin. Denn mein Großvater hatte später im Jahr 1923 wieder geheiratet, meine Großmutter Ella."

Als Alwin 1914 in den Krieg musste, war Linda Clara auf sich gestellt. Söhnchen Gerhart war gerade mal zwei Jahre, Töchterchen Hilde drei Jahre. Ein weiteres Kind von ihm ist offenbar 1914 rasch gestorben. Schon hier zeigte die Frau erste Anzeichen psychischer Probleme. "Ein erster Aufenthalt in Rabenstein ist belegt", so Marschner. Als Alwin aus dem Krieg wiederkam, wurde es immer schlimmer. 1920 kam Karl auf die Welt - und die Mutter erneut nach Rabenstein, dann in die Landesanstalt Zschadraß

Als Alwin schließlich an die Ärzte schrieb, ob noch Hoffnung einer Heilung bestünde, beschrieb er auch die Situation daheim. Er müsse von früh bis spät in der Fabrik arbeiten, die drei kleinen Kinder seien auf sich gestellt. Ein unhaltbarer Zustand. Schließlich wurde die Ehe seitens des Staates für nichtig erklärt. Das war am 15. Mai 1923. Später dann heiratet Alwin Freitag wieder. Dann verlieren sich die Spuren von Linda Clara Freitag im Dunkel der Geschichte, fast acht Jahrzehnte.

Bis Wolfgang Marschner sich als Hobby-Genealoge genauer für seine Ahnen interessierte. Schließlich fand er in den alten Akten auch ein Schreiben, das ihm seltsam vorgekommen ist. Demnach war Linda Clara Freitag 1940 Uhr in Hartheim bei Linz in ihrer Wohnung gestorben. "Das machte mich doch stutzig. Die Frau war fast zwei Jahrzehnte zuvor nur noch in Behandlungen, in Heimen, für ein eigenes Leben für unfähig erklärt. Und plötzlich stirbt sie in ihrer eigenen Wohnung in Österreich? Das passt doch nicht zusammen."

Er fragte in Hartheim nach. Von dort kam als Antwort: "Ihr Verdacht, dass der Todesort von Linda Clara Freitag nicht stimmen kann, ist richtig. Die Beurkundung des Todes in Hartheim geht auf den sogenannten Aktentausch zurück, der zwischen den insgesamt sechs NS-Euthanasieanstalten vollzogen wurde. Das bedeutet, dass Todesurkunden an Orten ausgestellt wurden, an denen die Opfer niemals waren."

Schließlich führte die Spur nach Pirna-Sonnenstein, einem berüchtigten Vernichtungslager der Nazis. Von der heute dort befindlichen Gedenkstätte erfuhr Marschner dies: Ja, Frau Freitag befinde sich unter den Opfern. "Jedoch entspricht der Ihnen bekannte Todestag nicht der Wahrheit. Frau Freitag wurde am 26. September 1940 von Zschadraß nach Pirna deportiert und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit noch am selben Tag durch Gas erstickt."

Damit gibt es schon einen zweiten grausamen Fall mit dieser Historie. Erst vor etwa sechs Wochen haben fleißige Ortschronisten einen Stolperstein in Brünlos verlegen lassen - zu Ehren von Ida Theresia Auerswald. Auch diese Frau war von den Nazis im Zuge der berüchtigten Aktion T4 als unwertes Leben eingestuft und in Pirna-Sonnenstein vernichtet worden. Fast 80 Jahre lang wusste davon niemand.

Besonders perfide: Linda Clara Freitag ist inoffiziell, aber in Wahrheit am 26. September 1940, Ida Theresia Auerswald am 27. September 1940 vergast und getötet worden. Beide Frauen waren sich also zeitlich sehr nah kurz vor ihrem Tod. Offiziell laut Nazi-Bürokratie verstarben beide Frauen aber unverdächtig und friedlich am 6. Oktober 1940 - die eine um 3.45 Uhr an Nierenentzündung in Österreich, die andere um 4.45 Uhr an Lungenentzündung. Marschner: "Eiskalt geplant."

Er will das Thema Stolperstein für Burkhardtsdorf jetzt in der Gruppe der örtlichen Ortschronisten ansprechen. Ob es dort - nach Brünlos - auch eine solche Gedenkstelle geben wird, ist noch offen. Marschner hofft indes, dass es vielleicht heute noch Nachkommen aus der ersten Ehe seines Großvaters gibt. Schließlich gab es auch in dieser Ehe Kinder. "Ich vermute, es könnten welche im Niederwürschnitzer Raum leben. Aber das ist nur eine vage Theorie."

Bewertung des Artikels: Ø 3.8 Sterne bei 4 Bewertungen
1Kommentare
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  • 1
    2
    Letsop
    14.08.2018

    Diese Ahnengeschichte wurde von Jan Oechsner sehr mangelhaft recherchiert und lässt sehr viele Fragen offen.
    Unverständlich auch, wieso Wolfgang Marschner mit dem Leidensweg der ehemaligen Frau seines Großvaters an die Öffentlichkeit geht, die ihrem Schicksal überlassen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von der eigenen Familie im Stich gelassen wurde.
    Gerade die Zeit nach 1920, nach der Geburt ihres letzten Kindes, wo sich die Frau höchstwahrscheinlich in Nervenkliniken aufgehalten haben soll, bis zu ihrem Tod 1940 bleibt vollkommen offen. Solche Klinikaufenthalte sind sicherlich sogar heute noch relativ leicht nachweisbar. So weit ist aber der Hobbyahnenforscher Marschner bei seiner jahrelangen Forschung dann doch nicht durchgedrungen. Aber hier zwingt sich auch die Frage nach der Familie auf. Die Frau kommt selbst aus einer Burkhardtsdorfer Familie, hatte den Großvater von Herrn Marschner eine Zeitlang als Ehemann und mit ihm insgesamt 4 Kinder, von denen drei 1923 noch gelebt haben müssten. Gab es denn von dieser recht großen Familie keinerlei Umgang mehr mit dieser wahrscheinlich kranken Linda Clara Freitag ?
    Die Geschichte ist insgesamt derart lückenhaft und widersprüchlich zusammengeschrieben worden, dass sogar noch die Ermordung der Frau 1940 in einem Nazivernichtungslager angezweifelt werden kann. Die Freie Presse wäre deshalb besser beraten gewesen, auf diese schlecht recherchierte Ahnengeschichte zu verzichten.



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