Im Paradies der Taubenzüchter

Kein Detail zu winzig, kein Weg zu weit: Wer den Reiz der Rassetaubenzucht verstehen will, darf nicht nur über Tauben reden. Ein Besuch in Zwönitz, wo es am Wochenende eine "Weltausstellung" gab.

Zwönitz.

An diesem Ort, hier und heute, ist die beste Qualität versammelt, die sich auf Erden finden lässt. Das sagt Züchter Bill Griebel aus Los Angeles, USA. 2800 Tiere, von denen freilich keines die theoretische Höchstwertung, das goldene Ende der Skala erreichen wird. 100 Punkte wären ideal: Eine Taube, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Das sagt Zuchtwart Mike Kunstmann. Der Höchstwert, den ein Preisrichter herausrückt, ist aber 97. Immer.

Die restlichen drei Punkte bleiben im Himmel, bei Gott. Ein Zeichen der Demut, ein Symbol der Bescheidenheit. Wonach der Mensch auch streben mag, was immer er erreicht, es muss unvollkommen bleiben. Radikale, Extremisten: Lernt das von der Taubenzucht.


So brechen sie auf, ins Züchtermekka: George Delanuez aus Kalifornien fliegt 10.000 Kilometer weit, Nicolas Krebs aus Lothringen spult 600 Kilometer herunter, Jaroslav Hvadlesch aus Chabařovice bei Ustí kommt übers Gebirge zur 1. Weltausstellung Sächsischer Farbentauben, Eistauben und Vogtländer Weißkopftrommeltauben. "Ein Megaevent, etwas so Außergewöhnliches und auch bestimmt Schönes, dass die Herzen der Rassetaubenliebhaber dahinschmelzen werden", jubelt VDT-Online, die Webseite des Verbands Deutscher Rassetaubenzüchter e.V. Der Franzose Krebs sagt: "Ich wollte später nicht sagen müssen, ich war nicht dabei!"

Der Sehnsuchtsort: die Zwönitzer Sporthalle am Turnhallenweg. Im Mittelpunkt sechzehn Käfigbatterien mit jeweils mehr als hundert Boxen, übereinander in zwei Reihen. Und Alpenveilchen obendrauf. 228 Aussteller. Drei Dutzend Preisrichter aus Deutschland, den Niederlanden und den USA. Ausstellungsleiter Dieter Kunstmann sagt: zwei Jahre Vorbereitung. Die Staatsflaggen von sieben Teilnehmerländern und Sachsens Weiß-Grün ziehen einen bunten Himmelsstrich quer über die Halle. Vorher gab es in Zwönitz zwei Europaschauen. Daraus wurde nun die "Weltschau", bloß dass es keinen Weltverband gibt.

Die Boxen für die Tiere gleichen sich aufs Haar. Sie sind mit Wellpappe ausgelegt und haben Näpfe für Körner und Wasser. Das Urteil zum Insassen, am Freitag von den Juroren in einem Begutachtungsmarathon über viele Stunden ermittelt, steckt jeweils vorne dran: "Hochrassiges Gesamtbild. Schnippe exzellent, gute Latschen, zu schmales Augenrund. Ausgeprägtes Herz, Oberschnabelfarbe verbesserungswürdig." Ungepflegte Tiere in schlechter Verfassung würden sofort ausgeschlossen werden. Auf jedem Zeugnis prangt der Stempel eines Preisrichters mit Unterschrift.

Man muss die verstreuten Käfige suchen, an denen ein zweiter Zettel klemmt: Prädikat "Weltchampion". Die Besten der Besten sind für den Laien von den anderen nicht zu unterscheiden. Hier geht es um Kennerschaft. Bill Griebel, der Kalifornier, 65 Jahre: "Ich habe die Sächsischen Farbentauben zum ersten Mal in meiner Jugend gesehen, bei einer Schau in Minneapolis, Minnesota. Eine Offenbarung! Diese Feinheiten, die vielen einzigartigen Details! Sie sind für mich die schönsten Tauben der Welt." George Delanuez, von Bills Sachsen-Tauben-Fieber angesteckt: "Bevor ich ihn selbst kannte, bewunderte ich schon seine Tiere." In der Zwönitzer Turnhalle in einem Seitenkabuff haben die beiden jetzt ein Fotostudio installiert. Bill streift durch die Halle, spricht mit diesem und jenem, entnimmt einzelne Tiere aus ihrer Box und bringt sie zum Fototermin.

Über dem Studio der Amerikaner hängt ein besticktes Banner der "Weltausstellung", grüner Grund, darauf 23 Tauben: Günter Kühnerts ganzer Stolz. In seiner Firma in Niederfrohna stellt der 70-Jährige bestickte Textilien für den Vereinsbedarf her. An der Stirnseite der Zwönitzer Halle bietet er Wimpel und Pokale, Aufnäher und Motivteller feil. Sein selbst entworfenes Weltausstellungsbanner hat es als Symbolbild bis in die Fachpresse Südafrikas geschafft. Darauf ist er stolz. Kühnert züchtet Tauben, ist Preisrichter und hat auch in Zwönitz bewertet. Das "Weltchampion"-Ehrenband verkauft er nur an jene Züchter, die den Titel auch geholt haben.

An Hallenwänden laden Wandtafeln zum Schmökern ein: Erinnerungen an die Alten und Großen. An Walter Engmann zum Beispiel, verstorben 1989, von dem zu lesen ist, er konnte "zuhören und interessant berichten, einen bedachten Rat geben und helfen, Sorgen teilen und Mut machen, Streit schlichten und an der rechten Stelle das richtige Wort finden". Oder an Paul Hahn, den "Altmeister" und "begnadeten Rassegeflügelzüchter", der mit einer Sentenz Wilhelm von Humboldts zu charakterisieren sei: "Im Grunde genommen sind es doch die Verbindungen mit Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben."

Bei einem solchen Geist des Zusammenhalts verwundert es auch nicht, in der Hallenecke einen Rundkäfig mit Tauben und dem Porträtfoto eines älteren Herrn zu finden: die unter Züchterfreunden angemessene Form des Totengedenkens.

Am Eingang sind jetzt die Kataloge ausgegangen, Nachschub kommt in einer halben Stunde. Samstagvormittag, die ersten Bockwürste und Knacker, auch Biere gehen über den Tresen. Draußen rollt die Blechlawine immer noch die schmale Straße hoch. Ein braunes Täubchen ist seinem Züchter entwischt und beobachtet das Geschehen vom Fenstersims. "Hast Du gehört, die Frau vom B. ist ihm jetzt weggelaufen!" dröhnt ein Mann in breitem Pfälzisch. Auch zwischen den Eistauben lauert irgendwo der Nachhall eines Streits: "Wenn Du noch einmal so etwas erzählst, dann setzt es was!"

Es ist das ganze, pralle Leben, das sich hier in den engen Gängen zwischen Edelgeflügel widerspiegelt. Für die Züchter ist es das Leben selbst. "Ich bin im Taubenschlag geboren", sagt Günter Kühnert. "Meine Großväter haben gezüchtet. Mein Vater auch, der bekam sogar Tauben als Hochzeitsgeschenk!" Nicolas Krebs vom Club Francais de Pigeons de Coleur, 32 Jahre, wuchs in einer Bauernfamilie auf und begann mit elf, Tauben zu züchten. Bill Griebel hält Tauben, seit er sechs Jahre war: "Die Behörden in Kalifornien versuchten das einzudämmen, doch wir Kinder hatten alle welche. Wir haben untereinander getauscht und gekauft!" Mike Kunstmann, der Neffe des Ausstellungsleiters, 45 Jahre und Zuchtwart eines Sondervereins, wurde mit neun von seinen Eltern infiziert. Vor allem Männer widmen sich der Taubenzucht, auch wenn es eine Frau gibt, die seit Zwönitz nun "Weltchampions" ihr eigen nennt. "Warum das eine Männersache ist, weiß ich nicht", sagt Mike Kunstmann. "Aber es ist schon so."

George Delanuez, der Züchter und Taubenfotograf, wurde auf Kuba geboren. "Mein Vater hatte in Havanna ein Taubenhaus auf dem Dach, keine Rasse, einfach nur so. Die Erinnerung habe ich mitgenommen, als wir in die USA emigrierten. Da war ich sieben Jahre alt. In Kalifornien, wo wir dann wohnten, ging ich zum Züchterklub. Ich habe mit anderen Rassen begonnen, bis ich die Sächsischen sah. Das war etwas Besonderes, Besseres: Farben, Vielfalt, Finesse. In Zwönitz bin ich zum ersten Mal. Bill war schon öfters hier. Für mich ist es das Homeland, das Herzland meiner Tiere. Mekka."

Vorne spricht jetzt der Bürgermeister. Lobt seine Leute und den örtlichen Rassegeflügelzüchterverein, der nur 52 Mitglieder habe und 1400 Käfige besitze, sodass er für die Schau die gleiche Menge aus dem Eigentum anderer Vereine heranschaffen musste. Ein Satz aus dem Grußwort des Landrats bleibt hängen: "So ein Tier, so eine Zucht ist eben kein Smartphone, dass man einfach so weglegen kann. Wer Tiere hat, übernimmt Verantwortung! Und das brauchen wir."

Verantwortliche, gesellige Leute, und manchmal ein bisschen verrückt. So wie der 80-jährige Karlheinz Sollfrank, der seit 72 Jahren züchtet und zu Hause in Nürnberg das Deutsche Taubenmuseum an der Schießplatzstraße eingerichtet hat. 10.000 Medaillen, 8000 Gemälde, mehr als 150.000 Exponate insgesamt. Für Bilder des Taubenmalers Karl Witzmann flog er binnen einer Woche dreimal nach Amerika. In Strümpfen schmuggelte er Tauben in die DDR. "Die Taubenzucht ist wie eine Sucht", sagt Sollfrank, "und mit dem Museum ist es das Gleiche."

Es mag also stimmen, was Johann Paul Kolbeck 1821 in seiner "Abhandlung über die Taubenzucht" schrieb: "Den leidenschaftlichen Tauben-Narren ist kein Weg zu lange, kein Wetter zu wild, kein Platz zum Taubenhandel zu heilig, selbst in der Kirche unter dem Gottesdienste handelt er und spricht von Tauben, wenn er einen Taubenjackel seinesgleichen findet." Der Leidenschaft tat Kolbecks Klage keinen Abbruch. 1845 in Buchholz bei Annaberg gründete sich der weltweit erste Taubenzuchtverein.

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