Lea und die Heiler aus der Tiefe

Jana Zirkels Tochter leidet unter Autismus und einem seltenen Gendefekt. Die Familie kämpft dafür, dass die 14-Jährige wieder mit Delfinen schwimmen kann.

Oelsnitz.

Jana Zirkel muss in jüngster Zeit oft mit dem Osterhasen telefonieren. Das geht so: Ihre Tochter Lea, 14 Jahre alt, bringt ihr den Hörer zur Couch und nuschelt. Die Mutter übernimmt und wechselt ein paar Worte mit dem Osterhasen, um Lea dann zu versprechen, dass sie eine DVD bekommt. "So geht das den ganzen Tag", sagt Jana Zirkel. "Normal gibt's bei uns nicht."

Lea Zirkel ist Autistin. Was auch die zwanghaften Anrufe erklärt: "Sie braucht Sicherheit und Struktur", erklärt Constanze Jugel, eine Freundin der Oelsnitzer Familie. Dazu kommen weitere Ticks: Geht Lea ins Bad, schaltet sie das Licht mehrmals ein und aus. Verlässt sie den Raum, kontrolliert sie akribisch, ob der Toilettendeckel auch wirklich zu ist.

Wäre das alles, würde die Familie morgen wohl keine Tombola veranstalten, um Geld für Lea zu sammeln. Aber das ist nicht alles.

Lea leidet seit ihrer Geburt unter dem sogenannten Charge-Syndrom, einem genetischen Defekt: Minderwuchs, Herzfehler, Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, schwacher Muskeltonous, Augenfehler, Verkrampfungen in den Händen, Gleichgewichtsstörungen, Hörfehler, Zyste im Kopf, verbogene Wirbelsäule, Fehlbildung der Hüftgelenkspfanne - jedes Symptom auf dieser Liste würde das Leben eines Menschen auf den Kopf stellen. Lea und ihre Familie müssen mit allen zurechtkommen.

Ihr Alltag ist gefüllt mit Therapien und Arztterminen, vor einigen Jahren wurde Lea am Herz operiert. Weil sie Wasser liebt, kamen ihre Eltern 2011 auf eine Idee: eine Delfintherapie für ihre Tochter. Da sie das Geld dafür nicht allein aufbringen konnten, organisierten sie einen Kuchenbasar. Daraus entwickelte sich eine Aktion, die immer größere Ausmaße annahm, mit Verkaufsständen auf Festen, Weihnachts- und Flohmärkten. Auch die "Freie Presse" berichtete. "Wir waren überwältigt, wie viele uns plötzlich helfen wollten", sagt Constanze Jugel, die sich als Patentante oft um Lea kümmert. Ein Jahr später war es dann soweit. Im Juli 2012 reiste die Familie ins türkische Belek. Dort durfte Lea erstmals mit den Delfinen planschen, neben ihnen schwimmen, ihren Gesang in sich aufnehmen, sich von ihnen küssen lassen. "Wir hatten alle Tränen in den Augen", sagt Constanze Jugel. Sie begleitete die Familie auf ihrer Reise. Schon während der ersten Tage sei Lea viel entspannter und konzentrierter als sonst gewesen.

Mittlerweile war sie fünfmal in Belek. "Sie ist viel geduldiger geworden und schafft es auch einmal zu warten, wenn es nicht gleich voran geht. Sie ist viel ausgeglichener und glücklicher, lacht viel mehr", erzählt Jugel. Auch Jana Zirkel ist sicher: Die Therapien haben gewirkt. "IhrSelbstbewusstsein hat zugenommen." Als Teenagerin setzt sie nun auch mehr Grenzen, schickt Besucher aus ihrem Zimmer, falls sie allein sein will. Wenn Lea mit ihrer Mutter spricht, kommt sie bis auf eine Handbreite an ihr Gesicht heran und hält sie fest, um auf den Mund zu schauen. So will sie zum einen sicherstellen, dass man ihr zuhört, sagt Jana Zirkel. Zum anderen versucht sie zu erkennen, wie die Lippen Laute bilden, um sie dann nachzuahmen. Schule, Mama, Papa - diese Worte beherrscht sie, unter anderem. Sagt Lea "Agga", meint sie Essen. Derzeit besucht sie eine Schule für geistig Behinderte in Limbach-Oberfrohna.

Familie Zirkel will in diesem Jahr zur sechsten Delfin-Therapie nach Belek aufbrechen, voraussichtlich im September. Aber noch fehlt ihnen Geld. Rund 10.000 Euro müssen sie für Therapie, Hotel und Flug einplanen. "Es wird immer schwieriger, Wege zu finden, um an Spenden zu kommen." Deshalb probieren sie morgen etwas Neues. Bei einer Tombola in Härtensdorf bei Zwickau sollen 1500 Preise verlost werden. Um die Gewinne bei Sponsoren aufzutreiben, haben Jugel und Zirkel in den vergangenen Wochen viel Aufwand betrieben. "Wir haben Hunderte E-Mails geschrieben." Verlost werden Gutscheine für Restaurants, Museen, Schwimmbäder und Sachpreise wie Spielzeug. "Nieten wird es keine geben", sagt Jugel.

Die Tombola beginnt morgen, 9 Uhr auf dem Bauernhof Kunz, im Wildenfelser Ortsteil Härtensdorf, Karl-Marx-Straße 70. Die Veranstaltung endet 18 Uhr.

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