Nutrias zu "Einzelhaft" verdonnert?

Eine EU-Verordnung von 2016 untersagt die Vermehrung spezieller Tier-arten, zu denen der Nager gehört. Der Tierparkchef aus Waschleithe verweist auf den Bildungsauftrag.

Waschleithe.

Jochen Gerlach, der Chef des Natur- und Wildparks in Waschleithe, treibt derzeit die Sorge um, dass die letzten beiden Nutrias seines Tierparks bis zu ihrem seligen Ende vielleicht allein ihren Lebensabend verbringen müssen. Der Grund ist eine EU-Verordnung aus dem Jahr 2016, die regelt, dass die Ausbreitung gebietsfremder Tierarten, die invasiv auftreten können, verhindert werden muss. Das bedeutet für den Tierpark im Erzgebirge im Klartext: Die Zucht der Tiere, auch wenn sie durch das Personal überwacht und gesteuert wird, ist verboten.

"Damit laufen wir aber Gefahr, dass wir irgendwann unserem Bildungsauftrag, den wir als Tierpark vordergründig haben, nicht mehr gerecht werden", erklärt Gerlach. Auf den Bildungsauftrag, den Tiergärten erfüllen, gerade jene, die heimische Tierarten zeigen, weist auch der Deutsche Wildgehegeverband hin. Für die beiden betagten männlichen Nutrias, die derzeit noch in Waschleithe leben, würde die aktuelle Regelung womöglich zur Folge haben, dass sie "in Einzelhaft", wie es Gerlach nennt, auf den Tod warten. Keine rosige Aussicht.

Der Tierparkchef lehnt die EU-Verordnung keineswegs ab. "Ganz im Gegenteil", sagt er. "Prinzipiell macht diese Verordnung schon Sinn, um invasive Arten zurückzudrängen", so Gerlach. Doch was speziell die zoologischen Einrichtungen angeht, so müsse es zumindest für diese eine Ausnahmeregelung geben. "Wir halten und zeigen die Tiere ja vor allem, um den Kindern und Jugendlichen die Tierwelt und Artenvielfalt vor Augen zu führen. Zudem kann und wird in zoologischen Einrichtung die Vermehrung ja fachgerecht überwacht und gesteuert werden, im Unterschied zur freien Natur."

Das kleine Schild neben dem Gehege der Nutrias in Waschleithe offenbart auf einen Blick, was gemeint ist: Unter der Überschrift "Wer ist wer?", findet der Besucher die Vergleichsbilder von Biber, Nutria (oder auch Biberratte) und der Bisamratte. Dazu die detaillierten Angaben zu Vorkommen, Größen und markanten Unterschieden. Dies alles ohne lebendiges Anschauungsobjekt im Gehege wäre nur halb so spannend und eben nur graue Theorie. Bürgermeister Joachim Rudler (CDU) unterstützt das Ansinnen seines Tierparkchefs in dieser Sache. "Wir haben diesbezüglich vor zwei Jahren einen Antrag an den Landkreis gestellt, der bei der Europäischen Union eine Ausnahmegenehmigung für eine kontrollierte Nachzucht der Tiere beantragen möge. Angeboten wurde dabei auch, dass die Tiere mittels Transponder gesondert gekennzeichnet werden. Doch bis heute haben wir keine Antwort erhalten."

Auch die Nachfrage der Presse beim Landkreis blieb unbeantwortet. Und richtig ist, dass im Zoo eine unkontrollierte Ausbreitung verhindert werden kann. Nutrias sind laut Gerlach kurzlebig und vermehrungsfreudig, aber auch spannende und possierliche Wesen.

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.