Ortschaftsrätin und Vereinschef: Das organisierte Dorf - es lebt

Wie entwickeln sich Ortsteile? Was läuft gut? Wo klemmt es? "Freie Presse" nimmt Dörfer der Region unter die Lupe. Heute: Mitteldorf

Mitteldorf/Stollberg.

Zweimal hat Mitteldorf den Aufstieg verpasst. Den Fußballern vom FSV fehlten zwei Punkte für den Sprung in die Kreisliga. Und die Straße Am Anger, ein 300 Meter langer Abschnitt von der Brücke entlang am Sportplatz, hat es auch nicht geschafft, und zwar in die oberste Sanierungsliga.

"Auf der Prioritätenliste der Straßen in Stollberg standen wir mit dem Anger mal auf Platz 16, dann auf Platz vier. Doch dann gab es keine Fördergelder mehr. Seitdem flickt die Stadt die Straße nur", sagt Volker Metzger. Der Mann ist Ex-Stadtrat und seit einer halben Ewigkeit nun schon der Chef des Förderkreises Turnhalle Mitteldorf eV.


Der Name täuscht. Die Turnhalle ist zwar das Herz, aber auch nur ein Teil des Vereinsgebäudes im Ort. Das große Gebäude wurde 1930 eingeweiht, es ist ein Schmuckstück - und hier pocht das Herz des Ortes: Thealternativ proben hier, auch die Spielfreunde. Vier große Vereine mit je 100 Mitgliedern sind aktiv, es gibt die Lindenklause-Kneipe, dahinter den Sportplatz, den Kinderspielplatz. "Wir sind voll besetzt", sagt Metzger. Mit Mieten, Gaststättenumsatz, Nutzungsgebühren nehmen sie Geld ein, ein Drittel der Summe legt die Stadt als Zuschuss oben drauf.

Die schäbig geflickte Anger-Straße und das Vorzeigeobjekt mit Kunstrasenplatz: Hat Mitteldorf zwei Seiten? "Nein", sagt Gisela Augustin. Sie ist Ortschaftsrätin. Die Schandflecken seien die Ausnahme, die Zusammenarbeit mit dem Rathaus in der Kernstadt sei ansonsten sehr gut. "Zum Bauernmarkt stellte uns die Stadt zwei Buden kostenlos zur Verfügung. Und der Oberbürgermeister ist gerne in Mitteldorf. Das glauben wir ihm", so Augustin.

Trotzdem, das mit den zwei Seiten sei nicht so falsch, so Augustin. Nur, das Thema wäre vielmehr: Ist Mitteldorf noch ein Dorf? Oder schon Vorort? Augustin gehört mit 79 Jahren zu der Generation, die Mitteldorf noch mit zwei Fleischern, zwei Bäckern, Dachdecker, Klempner, Schuster, einer Schule, einer Kita kennt. Ja, das ist sehr lange her. Erst kürzlich hat oben an der Bundesstraße der letzte Fleischer zu gemacht, er gehörte dem dortigen Landwirtschaftsbetrieb.

Nur noch ein Drittel der etwa 750Bürger seien Ur-Mitteldorfer, schätzen Augustin und Metzger. "Ich bin jüngst mal das Dorf rauf und runter gelaufen, um Flyer zu verteilen. Ich habe nicht einen Menschen am Gartenzaun oder auf der Straße getroffen", sagt Augustin traurig. Metzger ergänzt: "Mittagstisch unter der Woche bieten wir in der Lindenklause schon lange nicht mehr an. Es kommt einfach keiner."

Aber, so sind sich beide sicher: Gerade deshalb müsse das Dorf als Gemeinschaft mit viel Engagement weiter auf hohem Niveau organisiert werden, damit es lebendig bleibe. "Denn zum Feiern kommen sie alle", sagt Metzger. Und zum Mitmachen? Nun, da sei es wohl wie überall auf der Welt: Es gibt immer eine Gruppe, die viel macht, und eine andere Gruppe, die wenig macht.

"Das sehen wir auch, wenn es um den Ortschaftsrat geht", sagt Augustin. Die Mitglieder werden älter - etwa die Hälfte aller Einwohner seien ja schon Rentner, sagt Augustin. Und kaum finden sich Bürger, die nachrücken wollen. "Daher haben wir Leute aktiv angesprochen, mehr als ein Dutzend auch eingeladen, mal im Rat zu schnuppern." Dort geht es ganz nah an den Bürger, ganz nah an gestaltende Dorfpolitik - das Protokoll vom Juni etwa sagt: Stand Zaunbau im Ort, Zuwendungen der Stadt, Heizölbestellung fürs Vereinshaus, Erneuerung der 40 Jahre alten Bühnenvorhänge. Der vordere Vorhang war schon bezahlt, 7000Euro. Aber die seitlichen Vorhänge? Da muss noch investiert werden.

Und das Ergebnis der Werbeaktion für den Ortschaftsrat? Das Gremium konnte zur vergangenen Wahl im Mai zumindest die Zahl seiner sieben Mitglieder halten: Ein älteres Ehepaar ließ sich überzeugen, dazu eine junge Frau. "Die war einst mal mein Kita-Kind", sagt Augustin.

Metzgers Förderverein hat kürzlich versucht, beim Sächsischen Ideen-Wettbewerb Simul Fördergelder für einen Anbau am Vereinshaus zu ergattern - Duschen, Vereinszimmer, Toiletten. "Leider klappte das nicht. Es gab unseren und weitere 369 Anträge", sagt Metzger. Aber jetzt werde mit der Stadt verhandelt, wie man das Projekt trotzdem stemmen kann. Wenn alle es anpacken, schafft Mitteldorf hier den Aufstieg. Die Fußballer wollen es die kommende Saison auch wieder versuchen. Und Am Anger? Mal sehen.

Und dann kommt ja noch das Jahr 2020, wo in Mitteldorf mal wieder nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Die Turnhalle feiert 90Jahre, der FSV Mitteldorf feiert 30Jahre, der Ortschaftsrat 20 Jahre. Die Vorbereitungen laufen.

Nur Gisela Augustin hat dann kein Jubiläum. Ihr 80. Geburtstag ist schon 2019. Im Dezember.

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