Personalnot in der Pflege: 90 freie Stellen - 10 arbeitslose Fachkräfte

Die Situation spitzt sich auch im Erzgebirgskreis kontinuierlich zu. Das spüren ebenso die großen Wohlfahrtsverbände. Die Kreisstadt versucht dagegen einen eigenen Lösungsweg.

Stollberg/Annaberg.

Die Pflegebranche in Sachsen hat in den zurückliegenden Jahren einen deutlichen Beschäftigungszuwachs erfahren: Waren 2014 noch 32.223 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Altenpflegeberufen tätig, sind es im vorigen Jahr 38.011 gewesen. Das belegen die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Doch trotz Aufwärtstrend spitzt sich die Situation in der Pflege weiter zu - auch im Erzgebirgskreis. Im Monat April beispielsweise kamen auf 90 offene Stellen im Bereich der Altenpflege 10 arbeitslose Fachkräfte. Damit liegt der Kreis in etwa im sächsischen Durchschnitt: Im Freistaat kamen auf 984 offene Stellen 108 arbeitslose Fachkräfte.

Eine Entwicklung, die zunehmend auch bei den großen Wohlfahrtsverbänden ankommt, wie unter anderem Erik Schreier vom Kreisverband Erzgebirge der Johanniter-Unfall-Hilfe bestätigt. Acht Stellen sind dort aktuell im Bereich Pflege offen. Und eine solche Stelle wieder zu besetzen, könne "schon mal acht bis zwölf Wochen dauern". Er sagt: "Was gelingen muss, ist das Berufsbild der Pflegekräfte in der öffentlichen Wahrnehmung interessanter und positiver zu gestalten, um gerade junge Menschen für den Beruf zu begeistern. Obwohl die Johanniter-Unfall-Hilfe einem attraktiven Tarifwerk angehört und eine Pflegefachkraft bei einer angenommenen Arbeitszeit von 30 Wochenstunden 2129,35 Euro brutto erhält, plus ein 13. Monatsgehalt, 29 Tage Urlaub und sonstige Sozialleistungen, wird es auch bei uns schwieriger, Stellen zu besetzen."


Zur Zeit beschäftigen die Johanniter im Erzgebirge im Bereich Pflege 204 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in sechs Sozialstationen und zwei Tagespflegen. Aufgrund der fehlenden Fachkräfte könne derzeit die erhöhte Nachfrage seitens der Pflegedienste nicht immer sofort bedient werden.

Nicht ganz so drastisch stellt sich die Situation bei der Diakonie dar: Beim Diakonischen Werk Annaberg-Stollberg - gegenwärtig 277 Beschäftigte in der Pflege in sieben Einrichtungen - fehlen momentan drei Fachkräfte. Allerdings könne die Neubesetzung in einzelnen Fällen durchaus mehrere Monate dauern, schildert Sprecherin Katharina Neukirchner die Situation. Die Gefahr, dass die Diakonie im Erzgebirge aufgrund des wachsenden Pflegenotstandes ihre Präsenz in der Fläche nicht mehr aufrechterhalten kann, sieht sie aber nicht. Dafür werde auch verstärkt daran gearbeitet, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden.

Und das Diakonische Werk geht neue Wege zur Personalgewinnung. Es wird eine Einstiegsprämie von 2000 Euro gezahlt. Die gleiche Summe erhalten Beschäftigte, wenn sie eine neue Fachkraft gewinnen. Es gibt das Angebot zur berufsbegleitenden Ausbildung als Pflegefachkraft im dualen System. Und die Diakonie startet ein Projekt zur Ausbildung vietnamesischer Jugendlicher zu Pflegefachkräften - im September mit vorerst sieben Teilnehmern.

Um dem Pflegenotstand in der Region zumindest teilweise entgegenzusteuern, hat Annaberg-Buchholz' Oberbürgermeister Rolf Schmidt eine Idee: eine private Hochschule. Diese soll laut Stadtsprecher Matthias Förster von einer Einrichtung geführt werden, die bereits an mehreren Standorten erfolgreich eine Hochschule betreibt. Lehrpläne, Genehmigungen und Zertifizierungen würden aktuell zwischen der Hochschule und dem Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst abgestimmt. Geht der Zeitplan auf, könnten sich ab dem Wintersemester 2020/21 unter anderem Studenten, die bereits über einen Berufsabschluss im Gesundheitsbereich verfügen - zum Beispiel als Kranken- oder Altenpfleger oder als Physiotherapeut - weiterqualifizieren, um künftig mehr Verantwortung im Unternehmen oder sogar als eigener Unternehmer zu tragen.

Die Finanzierung des Vorhabens liegt laut Matthias Förster maßgeblich bei der Betreibergesellschaft der Hochschule. Stadt und Landkreis unterstützen durch die Bereitstellung von Räumen im Komplex des Beruflichen Schulzentrums in der Stadt.

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