Pflege: Eine Wachstumsbranche mit großen Sorgenfalten

Die Branche tut sich besonders schwer, an geeignetes Fachpersonal zu kommen. Die Gründe sind vielfältig. Ein Burkhardtsdorfer Unternehmen geht eigene Wege und erntet dafür viel Lob.

Burkhardtsdorf.

Die Fluktuation beim Intensivpflegedienst "intensivLeben" aus Burkhardtsdorf ist gering. Um fünf Prozent taxiert Marc Kischkewitz, Geschäftsführer Finanzen, die Abgangsquote in seinem Unternehmen. Allein in Sachsen beschäftigt es 86 Mitarbeiter in zwei Büros und sieben Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige. Die geringe Kündigungsrate weiß er sehr zu schätzen, denn an gutes Personal zu kommen, ist nicht leicht.

Speziell nicht in der Pflegebranche. Entsprechend sind die Bemühungen des Unternehmens, den Mitarbeitern ein gutes Arbeitsumfeld zu bieten. Es gibt einen Fitnessraum, gezahlt wird über Tarif, demnächst soll eine Betriebskita eingerichtet werden, um Alleinstehenden die Kinderbetreuung zu erleichtern. "Die Betreuungszeiten in den Kitas sind einfach nicht auf Schichtdienst eingestellt", sagt Mit-Geschätsführerin Nicole Wieberneit. Das Unternehmen firmiert seit 2018 als "Attraktiver Arbeitnehmer Pflege". Ein Prädikat, das auf Grundlage einer bundesweiten Mitarbeiterbefragung vergeben wurde und nun hilft, Personal zu halten. Ausgebildetes Fachpersonal lockt es nicht an; nichtmal aus dem Ausland. So jedenfalls ist die Erfahrung in der Firma. "Viele Osteuropäer zieht es nach Skandinavien", weiß Kischkewitz.

Die Situation wird sich weiter verschärfen. "60 Prozent der Beschäftigten in der Pflege sind älter als 50 Jahre", sagt Nino Sciretta, Leiter der Agentur für Arbeit in Annaberg-Buchholz. In Zahlen ausgedrückt sind das 7200 Personen über 50 Jahre und 4500 Mitarbeiter über 55 Jahre. Zwar sei im Sozial- und Gesundheitswesen zuletzt der höchste Zuwachs der Beschäftigtenzahlen zu konstatieren gewesen - immerhin plus 2,4 Prozent auf 19.800 im Zuständigkeitsbereich der Agentur. Trotzdem sind weitere Bemühungen unumgänglich. Diese konzentrieren sich auf vier Säulen.

Schulabsolventen: Sciretta sieht die 38.000 Schulabgänger als Potenzial, dämpft aber die Hoffnung: "Pflege hat keinen guten Ruf und rangiert nicht unter den Top 10 der Wunschberufe."

Arbeitslose: Die Quote liegt im Erzgebirgskreis aktuell bei 4,1 Prozent und wird sich voraussichtlich 2020 nicht signifikant verändern. Das ist gut, heißt aber auch: Es sind keine Fachkräfte auf dem Markt. "Der anstehende Strukturwandel wird uns nicht helfen, weil viele in ihrer Nische bleiben wollen", sagt Sciretta.

Fachkräftegewinnung im Ausland: Trotz bestehender Hürden soll dieser Bereich forciert werden. "Wir warten eineinhalb Jahre auf ein Arbeitsvisum und bis zu zwei Monate auf ein Ausbildungsvisum", kritisiert Kischkewitz. Für EU-Arbeitnehmer sei der deutsche Pflegemarkt ohnehin unattraktiv. Zudem verlangten kommerzielle Arbeitsvermittler teilweise horrende Vermittlungs- oder Überlassungsgebühren. Qualifizierung: In diesem Bereich schlummert großes Potenzial. Das hat auch "intensivLeben" erkannt. Dort werden Pflegehilfskräfte eingestellt und im Haus zunächst zu Altenpflegekräften und schließlich zu außerklinischen Intensivpflegekräften ausgebildet. Die Ausbildung übernimmt Nicole Wieberneit selbst. Für dieses Engagement ist das Unternehmen ebenfalls ausgezeichnet worden. Weiterbildung spielt auch für die Arbeitsagentur eine große Rolle. "Finden, halten, weiterentwickeln - das ist die Herausforderung", sagt Nino Sciretta. Die Arbeitsagentur habe in Sachsen im ersten Halbjahr mehr als 1000 Weiterbildungen gefördert. Damit stehe der Freistaat im Bundesvergleich gut da. Lediglich Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben im gleichen Zeitraum mehr weitergebildet. Im Erzgebirgskreis sind 74 Maßnahmen verbucht worden, davon 23 in der Altenpflege.

Auch die Gesetzgebung im Freistaat werde den Herausforderungen nach und nach angepasst, stellt Simone Lang (SPD), Mitglied der Enquete-Kommission Pflege des sächsischen Landtages, in Aussicht. Ab 2022 solle in einigen Bereichen die digitale Abrechnung möglich sein und schon nächstes Jahr trete das Pflegeberufegesetz in Kraft, das unter anderem finanzielle Unterstützung bei der Pflegeausbildung vorsieht.

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