Plötzlich ist "die da oben" ganz nah

Die Sommertour der Linken-Chefin führte Katja Kipping nach Stollberg. Bemerkenswert war vor allem die Debattenkultur.

Stollberg.

Der Saal ist gerammelt voll. Kurz vor der Veranstaltung werden noch die letzten verfügbaren Stühle und ein paar Tische hineingetragen. Trotzdem findet nicht jeder Platz im Saal des Kulturbahnhofes. Mehr als hundert Interessierte waren am Donnerstag gekommen, um mit Katja Kipping, der Bundesvorsitzenden der Partei Die Linke, ins Gespräch zu kommen.

Die Spitzenpolitikerin steht derweil unscheinbar im Foyer und trinkt eine kalorienreduzierte Cola. Eine Dame überreicht ihr ein kleines Büchlein, Kipping dankt und findet einige freundliche Worte. Andere suchen das Gespräch. Das ist möglich, weil Kipping ohne Sicherheitspersonal auskommt. Mitarbeiter füttern sie zwischendurch mit Informationen: Ein Mitglied der Reichsbürgerszene sei ebenso gesichtet worden wie eine Delegation der Heimattreue Niederdorf. Katja Kipping nimmt diese Informationen gelassen entgegen. "Hier darf jeder seine Meinung sagen", betont sie. Das hieße allerdings nicht, dass sie ihren Standpunkt ändere oder kontroversen Meinungen zustimme. Will sie sich so von Politikerkollegen abgrenzen, die auf der populistischen Spur Zustimmung erheischen wollen oder ist das ihr Politikstil? Das bleibt dem Betrachter überlassen; ebenso, ob er sie als Teil des politischen Establishments oder Anwältin des kleinen Mannes wahrnimmt.

Kipping sitzt in ihrem roten Oberteil lässig auf einem Tisch und lässt die Beine baumeln; neben ihr ein Glas Wasser und einige handschriftliche Notizen. Auf die schaut sie immer mal wieder. Sie redet 30 Minuten über ein bedingungsloses Grundeinkommen und hört fortan viel zu. Nur wenige im Saal haben sich - das zeigt eine kurze Abfrage - bisher damit beschäftigt. Später wird sich zeigen, dass viele dieser Idee positiv gegenüber stehen. Anwesend sind Junge wie Alte, Unternehmer, Vermieter, Mindestlohnempfänger, Linke und Rechte - ein Querschnitt der Bevölkerung.

Ein Grundeinkommen für alle, so betont die Politikerin, sei ein fernes Ziel. Allerdings eines, das aus ihrer Sicht viele Vorzüge mit sich bringe: vor allem soziale Absicherung für Zeit mit der Familie, gesellschaftliches Engagement oder Muße, aber auch für neue Arbeitszeitmodelle. Die kämen in naher Zukunft auf alle Fälle. Für die Umsetzung müssten rund 860 Milliarden Euro umverteilt werden, sagt sie. Ein dickes Brett. Doch auch beim Mindestlohn habe es viele Widerstände gegeben, nun sei er Realität.

Im Saal ist es stickig geworden. Das tut der regen Debatte keinen Abbruch. Eine Dame fordert, dass zunächst Beamte und Politiker in die gesetzlichen Sozialsysteme einzahlen sollten und ein Grundeinkommen nicht über der Rente liegen dürfe. Schlagworte wie Gerechtigkeit, Neid und Arbeitsmoral schwirren durch den Saal. So fragt sich einer, wer dann überhaupt noch bereit wäre, zu arbeiten. Ein Vermieter sorgt sich um steigenden Alkohol- und Rauschgiftkonsum. Natürlich ist auch die Finanzierbarkeit ein Thema. Das ist eine Steilvorlage für die linke Politikerin, die so auch noch ihr Konzept der Reichenbesteuerung anbringen kann.

Da erntet sie Widerspruch von Unternehmern. Sie wolle das Leistungsprinzip aushebeln, das halte das Land aber doch erst am Laufen. Andere haben sich für ihre Wortbeiträge eigens Spickzettel vorbereitet. Kipping geht auf alle Wortbeiträge ein - stimmt zu, bringt ihre Argumente. Sie macht sich Notizen, verspricht, Anregungen mit nach Berlin zu nehmen und bittet ganz nebenbei einen Herrn, wegen der stickigen Luft doch bitte ein Fenster anzukippen. Das schafft Nähe. "Die da oben" ist in so einem Moment plötzlich ganz nah. Das kommt an. Der kritische Unternehmer richtet einen ausdrücklichen Dank an Katja Kipping, dass sie als Parteivorsitzende Stollberg besucht habe.

Barbara Drechsel vom Linken-Ortsverband bekommt davon nichts mit. Sie sitzt in sich gekehrt mit einem Glas Orangensaft im Foyer. Sie sei erleichtert, dass die Resonanz so gut sei und dass es keine Pöbeleien gegeben habe. Diskutiert wurde zwar kontrovers und leidenschaftlich, aber fair und eng am Thema - knapp zwei Stunden lang. Es schien den Besuchern ein Bedürfnis gewesen zu sein. Eine Dame formuliert es kurz vor Schluss so: "Wir sollten häufiger darüber diskutieren, was wir wollen und nicht darüber, was wir nicht wollen."

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