Raketen, Schnitzkunst und Bierschaum

Das traditionelle Dorffest ist in Niederdorf erstmals international gefeiert worden. Zu Gast waren Delegationen aus den gleichnamigen Schweizer und Südtiroler Orten.

Niederdorf.

Martin Züricher stapft zielsicher über die Streuobstwiese an der Anton-Günther-Straße, um sich einen der rund 120 Bäume näher anzuschauen. Das Interesse des Gemeindepräsidenten des schweizerischen Niederdorf ist ein Berner Rosenapfel. Es ist nicht irgendein Baum, sondern der, dessen Pate er seit einem Besuch im Frühjahr ist. "Ich wollte den Baum schenken, habe aber dafür am Ende doch eine großzügige Spende erhalten", sagt Stephan Weinrich, Bürgermeister des erzgebirgischen Niederdorf.

Zum ersten Internationalen Niederdorftreffens hat nun auch Herbert Fauster, der Bürgermeister von Niederdorf in Südtirol, eine solche Patenschaft übernommen - für einen Baum der Sorte Croncels. Das ist eine im 19. Jahrhundert in Frankreich entstandene Sorte, doch sie hat auch am jetzigen Standort Tradition, wie der ehemalige Bürgermeister Roland Lippmann erklärt: "An dieser Stelle stand früher das Nöbel-Gut, ein alter Vierseitenhof. Mit Reisern von den Obstbäumen aus diesem Gut sind diese Bäume veredelt."

Man könnte also sagen, die Ortschefs der namensgleichen Gemeinden sind fürs erste gut verwurzelt im Erzgebirge. Doch alle drei Männer sehen das Treffen keineswegs als Beginn einer festen Partnerschaft ihrer Orte. Stephan Weinrich: "Eine feste Partnerschaft ist mit viel Arbeit verbunden. Das hier ist ganz ungezwungen, auch wegen der großen Entfernungen."

Gemeinsamkeiten gibt es durchaus. So sind die Einwohnerzahlen vergleichbar: Während das erzgebirgische Niederdorf rund 1300 Einwohner zählt, sind es in der Schweiz 1800 und in Südtirol 1600. Der italienische Ort liegt im Pustertal und ist touristisch orientiert, während die beiden anderen Orte eher industriell-gewerblich ausgerichtet sind. "Historisch sind wir durch die Uhrenindustrie geprägt, aber das ist vorbei. Inzwischen sind wir ein Wohnort für die Region Basel", beschreibt Martin Züricher seinen Ort. Seit sechs Jahren amtiert er dort als Gemeindepräsident, dem Schweizer Pendant zum Bürgermeister.

Was die Anzahl der Vereine betrifft, haben die Südtiroler die Nase deutlich vorn. 32 Vereine sind aktiv - von Feuerwehr und Musikkapelle bis Tennis und Eisschützen. Eine Musikkapelle gibt es auch in der Schweiz. Außerdem Trachten-, Auto-, Schützen- und Fischervereine. Insgesamt kommt der Ort auf 23. Stephan Weinrich zählt in seinem Ort acht Vereine, darunter der Fußball- und ein Kleintierzuchtverein.

Innerhalb des Festes hat sich auch der Schnitz- und Freizeitverein präsentiert. Und Schnitzerchef Wolfgang Kupfer freut sich über Weinrichs Initiative, sich international zu orientieren: "Es ist schön, wenn so etwas auf die Beine gestellt wird. Vielleicht bekommen wir dadurch ja auch mal Gelegenheit, in diese Orte zu fahren."

Ausgeschlossen scheint das nicht. Nachdem am Wochenende Gedanken zu Gemeindethemen von Finanzen bis zum Organisieren von Festen ausgetauscht wurden, stellt Stephan Weinrich fest: "Das passt menschlich alles sehr gut. Wir sind von einem ähnlichen Schlag." Einer seiner Gäste erwidert: "Zänkisches Bergvolk", und alle drei lachen.

Am Ende wird Herbert Fauster mit Blick auf die Zukunft doch noch konkreter: "Ich könnte mir vorstellen, dass wir in einem oder zwei Jahren zu einem nächsten Treffen in Südtirol einladen", sagt er. Dass es ungezwungen zugehen soll, darin sind sich jedoch alle einig: "Unsere Nachfolger müssen ja nicht toll finden, was wir toll finden." Schließlich gibt es eine weitere Gemeinsamkeit: Bislang hatte keiner der Orte eine Partnergemeinde.

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