Stürmischer Beifall für das Ungewohnte

Beim 7. Philharmonischen Konzert erklangen die 12. Sinfonie ("Das Jahr 1917") von Dmitri Schostakowitsch und ein kurioses Konzert für Violoncello und Blasorchester.

Aue-Bad Schlema.

Es war das wichtigste Konzert der Saison, weil es große Sinfonik des 20. Jahrhunderts und ein umstrittenes konzertantes Experiment bot - und somit der Gegenwart am nächsten ist. Den Abend mit der Erzgebirgischen Philharmonie leitete als Gastdirigent Dirk Wucherpfennig, Gründer und Leiter des neuen Orchesters "Sinfonietta Berlin". Die Neugründung setzt sich aus Spitzenmusikern des Berliner Orchesters zusammen.

Mit einem so seltsamen wie überaus erfolgreichen Gebilde hatte der Abend begonnen, mit dem umstrittenen Konzert für Blasorchester und Violoncello des österreichischen Pianisten Friedrich Gulda (1930-2000). Die Solistin Julia Hagen, Jahrgang 1995, verlieh dem konzertanten Ohrenschmeichler mit ihrer Virtuosität den nötigen unwiderstehlichen Schwung. Sie spielte ein klangstarkes Violoncello von Francesco Ruggiero, das 1684 in Cremona hergestellt wurde.

Wie hörte sich das fast unbekannte Konzert an? "Gut geklaut, schlecht gebaut", meinten Kritiker. Stimmt das? Gleich in der Ouvertüre befand man sich tatsächlich, zwischen den rockigen Teilen, mit zwei Klarinetten und Fagott in himmlischen Klangräumen wie in Schuberts "Rosamunde"-Schauspielmusik. Im Satz "Idyll" schien der warme Wind des "Freischütz"-Waldes zu wehen, in diesem Fall mit Gitarrenbegleitung. Am Schluss des Gulda-Konzertes legte plötzlich so etwas wie Feuerwehrkapelle los. Prestissimo-Schwerarbeit für die ekstatisch aufspielende Solistin. Der Beifall war stürmisch, mit Bravos garniert.

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) widmete seine Sinfonie Nr. 12 d-moll op. 112 "Das Jahr 1917" der Oktoberrevolution und Lenin. Die Erzgebirgische Philharmonie spielte den 1. Satz "Das revolutionäre Petrograd" wie mit geballter Faust als eruptives Kampflied. Fünf Schlagzeuger waren am Werk. "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" blitzte kurz auf im bedrohlichen Brodeln der musikalischen Motive.

Zweiter Satz: Am See Rasliw hielt sich Lenin auf, weil er von der Provisorischen Regierung gesucht wurde. Die Holzbläser des Orchesters spielten zur ruhelosen Stille der Musik, über rumorenden Motiven aus dem 1. Satz, klangprächtig leuchtend den Traum von einer besseren Welt. Nach den harten Schüssen des Panzerkreuzers "Aurora" im dritten Satz leuchtete im Finale die "Morgenröte der Menschheit" auf. Dieses leere, schmerzliche Pathos kam mit brachialer Wucht von der Bühne.

Auf dem Lehrplan der DDR-Schulen stand die weiträumige 7. Sinfonie C-Dur op. 60 von Schostakowitsch, die "Leningrader". Die Schüler erfuhren nicht, mit welchen politischen Schwierigkeiten der Neutöner gegen die musikdummen sowjetischen Apparatschiks zu kämpfen hatte. Stalin verließ bei der Premiere von Schostakowitschs genial-schriller Satire "Die Nase" (nach Nikolai Gogol) wütend das Opernhaus. Schostakowitsch hätte sich über die suggestive Aufführung seiner Sinfonie in Aue sicher gefreut. Der Beifall war begeistert.

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