Wie ein Nähkästchen aus der Geschichte plaudert

Auf den ersten Blick ist es nur ein Kasten. Doch sein Ursprung ist eng mit der Region verbunden und erzählt aus einer Zeit, von der es immer weniger Zeugen gibt.

St. Egidien/Hohenstein-Ernstthal.

Es ist ein Kasten aus Stroh. Fein gearbeitet, mit unterschiedlichen Farben und vielen Verzierungen. Aufgearbeitet auf dem Deckel findet sich eine Jahreszahl - 1944. Handwerkskunst aus dem Zweiten Weltkrieg. Für Wolfgang Standfest ist es auch eine Erinnerung an seine Kindheit. Gefunden hat der 82-Jäh- rige das Kästchen in der Sammlung des Heimatmuseums von St. Egi- dien. Weil es so gut dazu passt, hat er die Handarbeit jetzt dem Textil- und Rennsportmuseum in Hohenstein-Ernstthal als Leihgabe über- lassen.

Kürzlich öffnete dort die Ausstellung "Aus dem Nähkästchen geplaudert", die vor allem traditionelle Textilhandwerkskunst zeigt. Viele der Stücke dort erzählen eine Geschichte, doch die von dem Strohkästchen aus St. Egidien ist eine besondere, wie Wolfgang Standfest weiß. Gemeinsam mit ein paar anderen kümmert er sich ehrenamtlich um das Heimatmuseum von St.Egidien. Wie der Strohkasten dort hingekommen ist, das kann er nicht sagen. Dennoch kann er einiges über die Hintergründe der Leihgabe erzählen, hängen diese doch eng mit seiner eigenen Kindheit zusammen.


Tatsächlich, so der Rentner, wurde die Leihgabe in seiner Heimat- gemeinde hergestellt. Aber nicht etwa von Handwerkern, sondern von russischen Kriegsgefangenen. Diese wurden ab 1941 in St. Egidien in einer Halle untergebracht und mussten in der Firma Bandstahl und Federnwerke Fugmann arbeiten. "Die Federn von dort wurden auch in den Maschinengewehren der Armee eingesetzt", so Standfest.

Als das Kästchen gebaut wurde, da war er selbst noch ein Kind. "Ich hab' die Russen damals immer bei der Halle gesehen, in der sie unter- gebracht wurden", sagt er. Eine volle Überwachung der Gefangenen habe es nicht gegeben. "Die wollten auch gar nicht abhauen. Wo hätten die auch hingesollt?", fragt Standfest. Besonders in Erinnerung habe er noch, wie die Gefangenen ihre Lieder anstimmen. Das, so sagt er, sei immer etwas Besonderes gewesen.

Geblieben von dieser Zeit ist kaum etwas. Das Nähkästchen, aber auch viele andere Handwerksarbeiten aus Stroh, erinnern dennoch bis heute daran. Die Kriegsgefangenen, meist junge Männer um die 18 Jahre, wie Standfest sagt, stellten die Strohwerke in ihrer Freizeit her, um sie später gegen Lebensmittel bei den Einheimischen einzutauschen.

Neben den Kästchen fertigten sie auch Schuhe oder Gürtel aus Stroh - was immer die Leute eben wollten. Für die Gefangenen war die Handwerkskunst in erster Linie ein Mittel zum Zweck. Doch so aufwendig die Arbeit auch war - viel hat es für die russischen Kriegsgefangenen dafür nicht gegeben. "Das war ja kein Brot, das sie dafür bekommen haben", sagt Wolfgang Standfest. Vielmehr hätten die Einwohner dafür alte Äpfel oder längst gekeimte Kartoffeln als Bezahlung gegeben.

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