Zum 100. Geburtstag erwartet sie Besuch aus Schweden

Vor hundert Jahren, am 9. Oktober 1919, wurde Ingeburg Müller in Oelsnitz geboren. Ihr Leben hat sie auch wegen ihrer Berufung umfangreich dokumentiert: Die Jubilarin arbeitete als Buchhalterin.

Oelsnitz.

Ein knappes Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde Ingeburg Müller als Ingeburg Geiler auf der Lutherstraße 13 geboren. "In dem Haus war die Firma Korb-Seiler", erinnert sie sich. Es ist eines von unglaublich vielen Details aus ihrem langen Leben, das die betagte Jubilarin ohne zu zögern parat hat.

Ihr Vater hat als Gezähwärter unter Tage auf dem Deutschlandschacht gearbeitet. Doch sie selbst hatte mit Bergbau nichts zu tun. Eingeschult wurde sie an Grauen Schule, später war sie bis zum Abschluss der achten Klasse an der Roten Schule. Es folgten eine zweijährige Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Lichtenstein und die Ausbildung zur Buchhalterin in der Strumpffabrik Bahner in Lichtenstein. "In meiner Beurteilung stand damals: Im Rechnen geht sie auf", erinnert sich die Seniorin. Und diese Einschätzung der Lehrer traf voll ins Schwarze. Weil 1939 viele Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden, hat man Ingeburg Müller bereits kurz nach Abschluss ihrer Lehre als Hauptbuchhalterin der Hitlerjugend in Stollberg eingestellt. "Die war damals in der Woller-Fabrik in Stollberg untergebracht", so Müller, die auch gleich ein Foto parat hat, welches sie in diesem ersten Job am Schreibtisch zeigt. Doch bereits nach wenigen Wochen wurde sie als Hauptbuchhalterin nach Oschatz geholt. Dort war sie für die Kinderlandverschickung zuständig. Kinder aus Großstädten wie Köln, Dortmund und Düsseldorf wurden in die Kinderlandheime geschickt, welche es unter anderem in Wermsdorf, Jöhstadt und Markersbach gab. "Die Kinder sollten vor der befürchteten Bombardierung in Sicherheit gebracht werden."


Nach einem nochmaligen Wechsel nach Annaberg war Ingeburg Müller bis zur Geburt ihrer Tochter Dagmar im Jahr 1944 innerhalb der Kinderlandverschickung tätig. Im dritten Monat der Schwangerschaft hatte sie einen persönlichen Schicksalsschlag zu verkraften: Ihr Mann Arthur Ziegler war in Italien ums Leben gekommen. Erst fast 40 Jahre später konnte sie sein Grab besuchen: "Ursprünglich war mein Mann in Turin beerdigt. Später wurde er vom deutschen Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge umgebettet." Und so findet sich sein Name bis heute auf einem Stein des am östlichen Ufer des Gardasees gelegenen Deutschen Soldatenfriedhofs in Costermano. Insgesamt sind dort 21.951 Gefallene des Zweiten Weltkriegs bestattet.

Nach Ende des Krieges wurde die Kinderlandverschickung erneut zur Aufgabe von Ingeburg Müller. "Nun wurden Kinder aus Danzig und Sudetengau verschickt." Bis 1949 hat sie diese Verschickung organisiert. Zuletzt war sie in Blankenburg tätig, ehe sie auf Wunsch ihrer Eltern wieder nach Oelsnitz zurückkam. Während eines Intermezzos als Buchhalterin in den Molkereien Stollberg und Meinersdorf lernte sie ihren inzwischen verstorbenen zweiten Ehemann, Adolf Müller, kennen. Schließlich war sie ab 1951 im Rathaus Oelsnitz für Grundstücksverwaltung, Wäscherei, Bestattung und das Fäkalienfahrzeug zuständig. Als der Arbeitsumfang zu viel wurde, wurden die Mitarbeiter auf die verschiedenen Bereiche aufgeteilt. Ingeburg Müller übernahm von Anfang der 1960er bis zur Rente 1983 die Buchhaltung der Wäscherei auf der Hedwigschachtstraße.

Die Kinderlandverschickung allerdings hat sie später wieder eingeholt: Im Anker Oberoelsnitz gab es ein solches Heim, und so hat Ingeburg Müller bei einer Lesung in der Roten Schule die Autorin des Buches "Man nannte uns Hitlermädchen: Kinderlandverschickung von Königsberg" kennengelernt. Seither verbindet sie eine Freundschaft mit der Autorin Dorothea Bjefvenstam, die heute aus Schweden zur Geburtstagsfeier kommt. Geburtstag wird drei Häuser neben ihrer Wohnung gefeiert - im Anker.

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