Zum Wochenende: Fünf, setzen!

Starten wir mit einem Gedankenexperiment: Ein Schüler, der seinem Alter und seinen Fähigkeiten entsprechend in die erste Klasse gehört, wird aus Versehen auf eine Eliteuniversität geschickt. Da die Einrichtung zugleich ein Spitzenbeispiel deutscher Bürokratie ist, dürfte der Fehler nach, sagen wir, fünf Jahren auffallen. Danach wird der Junge ohne viel Aufhebens in eine Schule gebracht, die seinem Entwicklungsstand gerecht wird. Doch jetzt ist sein Umfeld enttäuscht von ihm. Schließlich ist er der Typ von der Eliteuni - und rechnet noch immer auf Grundschulniveau.

Etwas Ähnliches ist im Erzgebirge passiert: Ein Flickenteppich aus Feldwegen und mehr oder weniger befestigten Pisten wurde in der Hierarchie des deutschen Straßennetzes ein, zwei Ebenen zu hoch eingestuft. Es geht um eine Verbindung, die von Thalheim über Felder und Wälder nach Jahnsdorf führt, dann asphaltiert nach Seifersdorf und schließlich wieder über Äcker und Wiesen bis nach Ursprung. Das Landesverkehrsamt nahm die Strecke Anfang der 1990er Jahre ins Staatsstraßennetz auf. So nebulös die Gründe für den Aufstieg der Strecke waren, so unklar blieb der spätere Abstieg. Heute sind Jahnsdorf, Thalheim, Lugau und der Erzgebirgskreis für die verschiedenen Abschnitte verantwortlich. Doch die Gemeinden sind empört über den Zustand ihres neuen Schutzbefohlenen.

Zwar hat das Landesverkehrsamt Geld für die Sanierung der ehemaligen Staatsstraße S 257 angeboten, insgesamt rund 130.000 Euro, mit dem Hinweis, dass sich der finanzielle Ausgleich an der künftigen Nutzung der Straße orientiert und nicht etwa am Status, den die Straße einst hatte. Aber den Bürgermeistern aus Jahnsdorf, Thalheim und Lugau ist die Summe viel zu niedrig. Die Gemeinden lassen sich nun juristisch beraten. Wer hat recht?

Natürlich erwartet niemand, dass der fehlgeleitete Schüler als Professor von der Eliteuni zurückkehrt. Aber dass er das Einmaleins beherrscht und saubere Hosen ohne Löcher trägt, kann man durchaus verlangen. Wer heute einen Blick auf Teile der ehemaligen Staatsstraße wirft, stellt fest: Der Zögling wurde schwer vernachlässigt.

Zuletzt wurde viel über Kopfnoten diskutiert. Es wäre verlockend, das Staatsstraßen-Desaster so zu bewerten. Die Noten für Fleiß, Betragen, Mitarbeit und Ordnung des Amts ließen sich mit "Fünf, setzen!" noch gnädig zusammenfassen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...