Zum Wochenende: Wache Genossen

Der Ortsverband der Linken hat am Freitagmorgen um 5.45 Uhr einen Infostand am Stollberger Bahnhof aufgebaut. Eigentlich könnte man den Text an dieser Stelle beenden. Man könnte den Satz in seiner schlanken Präzision und rätselhaften Fülle stehen und nachhallen lassen. Doch wer mehr über die Aktion der Linken wissen will, den muss ich über meine Gewohnheiten aufklären.

Ich bin ein Langschläfer. Mein Beruf erlaubt mir das. Wir fangen morgens um 10 Uhr an. Klingt angenehm. Aber die Kehrseite ist, dass ich abends bis in die Puppen im Büro sitze, keine Freunde und Verwandten habe, keine Freizeit, keine Hobbys, keinen Hund, kein Aquarium und auch sonst keinen Spaß im Leben. Aber immerhin: Ich kann ausschlafen. Natürlich kommt es vor, dass ich frühmorgens für ein paar Sekunden aus den Tiefen des Schlafs an die Tagesoberfläche gespült werde, um dann gleich wieder hinabzusinken. Doch in diesen Zwischenmomenten beschäftige ich mich nicht mit Politik. Und daran würde sich auch wenig ändern, wenn ich morgens um 6 Uhr aus irgendwelchen Gründen neben Bahngleisen aufwachte und das erste, was ich sähe, entflammte Genossen wären, die mit Flyern wedelten und Kaffee ausschenkten.

Stattdessen telefoniere ich am Mittag mit Katharina Loth. Sie gehört zum Ortsverband der Linken "Es lief unheimlich gut", sagt sie. Zwar seien die Linken von einigen Passanten ignoriert worden. Andere argwöhnten, es stünden wieder Wahlen an. Aber niemand habe die Linken angepöbelt. Tatsächlich hätten sich gute Gespräche ergeben, unter anderem über den öffentlichen Nahverkehr. Weil die Linken junge und berufstätige Menschen erreichen wollten, sei die Wahl auf den Bahnhof gefallen. Der Verband wolle die Aktion wiederholen und sogar neue Orte ausprobieren.

Was kommt als nächstes? Die Linken in der Sauna? Beim Pilze sammeln? Im Schlafzimmer-Schrank? Wenn Sie das für utopisch halten, dann lesen Sie mal das Wahlprogramm der Partei.

Aber wer braucht Fantasien! Hätte ich am Wochenende Zeit, um Freunde in der Kneipe zu treffen, würde ich das Gespräch mit diesem Satz beginnen: Der Ortsverband der Linken hat am Freitagmorgen um 5.45 Uhr einen Infostand am Stollberger Bahnhof aufgebaut.

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