Zum Wochenende : Wer hat recht?

Ist dem Mann noch zu helfen? Ein hundert Prozent schwerstbehinderter Stollberger Rentner verzichtet freiwillig auf seine Pflegestufe. Der Grund: Er will alles oder gar nichts.

Rückblick: Kurt Richter hat nach Jahren endlich von der AOK die Pflegestufe 1 erhalten. 125 Euro pro Monat. Aber der Rentner lehnt das Angebot ab. Denn mit dem Geld darf er ausschließlich einen professionellen Pflege-Anbieter bezahlen. Weil diese Dienste aber teuer sind, würde Richter sie nur ein paar Stunden im Monat nutzen können. "Hilfe brauche ich aber jeden Tag."

Diese Hilfe bekommt er zwar schon. Aber von Angehörigen, die ihn schon Jahre unentgeltlich pflegen. Die möchte Richter endlich entlohnen, jedoch erlaubt das nur die Pflegestufe II. Um diese kämpft er. Immer wieder geht er in Widerspruch. Auf die Stufe I verzichte er. Er wolle kein Geld vom Staat, dass keinem nützt.

Dieses Verhalten erscheint widersinnig und stur. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach - das ist Richters Logik aber nicht: "Ich nehme doch nicht irgendwas, nur weil ich es kriegen kann. Sondern ich möchte das, was ich tatsächlich brauche." Und das sei nicht der Pflegedienst, sondern die Angehörigen. Doch der Gesetzgeber sieht eben auch die Familie in der Pflicht: Die Angehörigen sollen das Pflegedienst-Angebot ergänzen. Zumindest in dem gesundheitlichen Zustand, den Richter habe. Und dieser entspreche nur der Stufe I. Vielleicht haben beide recht.

Es ist bekannt, dass der Sozialstaat durch den Scham vieler (vor allem alter) Leute blankes Geld spart. Bei der Pflege ist es wohl besonders prekär: alte Menschen wollen beim Test des Medizinischen Dienstes aus Scham oder Stolz mit letzter Kraft noch einmal eine Vitalität demonstrieren, die sie im Alltag nicht mehr haben. Nur, um nicht als gebrechliche Bittsteller dazustehen.

So tat es Richter auch lange. Sagt er. Jetzt aber will er kämpfen - um die richtige Pflege, die ihm das Leben im Alter wirklich erleichtert. Von den eigenen Angehörigen - aber nun auch endlich mit einem finanziellen Dankeschön.

Ob er die AOK überzeugen kann? Möglich ist es. Denn wie sagt es eine Sprecherin der Kasse: "Pro Monat gehen im Schnitt 650 Widersprüche ein. Etwa die Hälfte hat Erfolg."

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