Zwei Trabis dienen als Firmenwagen

René und Ralf Lohr betreiben seit etwas mehr als 20 Jahren eine Tischlerei. Sie läuft prima, doch ihre Existenz gleicht einem Geheimnis. Denn nur wer lange sucht, findet die Firma der Brüder. Geht das im 21. Jahrhundert überhaupt? Und warum so schüchtern?

Jahnsdorf.

Auf ihren zwei Firmenautos kleben flotte Sprüche: "Trabant fahren - nur fliegen ist schöner." Oder: "Es gibt viel zu tun. Warten wir es ab." Die zwei Trabis - Baujahr 1961 und 1986 - sind aber nicht rollende Spaßkartons, sondern die zwei einzigen Firmenwagen der Ralf & René Lohr GbR Tischlerei aus Jahnsdorf. Eine seriöse Werbung, ein eigenes Unternehmens-Logo an den Türen? Fehlanzeige. Das kleine Unternehmen existiert seit 1997, nur nicht im weltweiten Netz: Bis heute haben die Lohrs keine Internetseite. Auch ein Schild an der Büroadresse Thalheimer Straße in Jahnsdorf gibt es nicht.

"Wir schalten zweimal im Jahr eine Anzeige im Amtsblatt. Das reicht eigentlich", sagt Ralf Lohr. "Ansonsten macht Werbung nur Arbeit. Dafür haben wir irgendwie gar keine Zeit." Bruder René Lohr nickt. Er baut gerade an einem Carport in Jahnsdorf, diesmal gleich gegenüber des Wohnhauses der Lohrs.

Etwa 50 Kunden, mal ein paar mehr, mal ein paar weniger, haben die Tischlerei-Brüder im Schnitt. Das mache viel Arbeit, und es werde mehr. "Oft ist es so, dass die Kunden uns dann gleich vor Ort noch andere Aufträge geben." So habe er jüngst vierflüglige Fenster eingebaut, doch dabei sei es nicht geblieben. Das zerschundene Parkett noch mit reparieren? Ralf Lohr: "Das war gar nicht eingeplant. Aber der Kunde hat mit der Frage Zufriedenheit signalisiert. Und das ist Gold wert." Natürlich wurde auch das Parkett erneuert.

Deshalb nehmen sie auch kaum noch Aufträge der öffentlichen Hand an. Ja, im Wasserschloss haben sie schon mitgebaut, im Chemnitzer Rathaus - oder alle 20 Kiefernholzfenster mit schmiedeeisernem Lack versehene Metallverriegelungen für die Burg Rabenstein erneuert und eingebaut. "Doch wir mussten dann immer unsere Stammkundschaft in unserer Region terminlich vertrösten. Das gab Ärger." René Lohr hätte auch sagen können: Das ist ganz, ganz schlechte Werbung.

Denn die Lohrs leben von Mund-zu-Mund-Propaganda - auch im 21. Jahrhundert immer noch die beste Methode, zu überleben. "Die mit den größten Flaggen auf dem Hof sind nicht immer die besten. Oft ist es so: viel Fassade, wenig dahinter", sagt Ralf Lohr. Was nützt die fetzigste Internetseite, wenn die Kunden das Material erstmal anfassen, vor Ort erst die wirklichen Entscheidungen treffen wollen? "Na klar sende ich auch mal Skizzen, Schnitte oder Ansichten übers Handy, aber die habe ich vorher noch selbst mit der Hand gezeichnet", so Ralf Lohr. Einen Firmen-Computer haben die Lohrs mittlerweile, aber anfangs auch nur deshalb, weil die Steuerabrechnung ans Finanzamt nur noch elektronisch über das Elster-Programm geht. Nicht mehr mit Papier.

"Aber wo ich kann, entziehe ich mich der Gängelei, die viele Firmen normalerweise glauben, ertragen zu müssen." Aus seiner Sicht sei das Fachkräfteproblem hausgemacht, weil die Unternehmen nur noch Bürokratie bewältigen müssen. Und weil das so ist, werde Zeit knapp, die Qualität leide, was wiederum mit Marketing und Werbung ausgeglichen werden müsse. "Wir zwei machen dagegen nur das, was wir wollen. Wir sind wirklich selbstständig."

Ein weiteres Beispiel: Auszubildende. Die Brüder stellen keine ein. "Denn dann hätten wir nur noch Bürokratie, müssten vieles als Ausbilder verändern: Etwa in neuere Maschinen investieren, eine zweite Toilette einbauen. So aber könnte ich in meiner Werkstatt sogar barfuß laufen, niemanden interessiert das."

Jüngst wurden sie von der Handwerkskammer Chemnitz ausgezeichnet - wie etliche kleine Mittelständler auch, die vor 25 Jahren ihren Meisterbrief gemacht haben. "Damals haben wir auch gelernt, wie man als Unternehmer auf Kunden zugeht. Und alle haben plötzlich voll in Werbung gemacht, ihre Firmenwagen mit Logos beklebt." Doch Lohr hat schnell erkannt: Das will er nicht. Es geht auch so.

Und so kommen sie halt mit ihren Trabis angeknattert. Sie haben keine Internetseite, keine Werbeschilder - und oft sind sie über Telefon auch nicht erreichbar.

Wie war das mit den flotten Sprüchen? "Es gibt viel zu tun. Warten wir es ab." Der steht auf ihren Trabis. Aber eben auch nur dort.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 6 Bewertungen
1Kommentare
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  • 0
    1
    Deluxe
    03.10.2019

    Spannend, einerseits vom hausgemachten Fachkräftemangel zu sprechen, aber andererseits keinen Nachwuchs ausbilden wollen.

    Der Rest der Firmenphilosophie ist weitgehend nachvollziehbar.
    Das jedoch nicht.



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